»Ich antwortet, ich wolte noch ein paar Tag mit mir selbst zu Rath gehen und bedenken, ob ich sonst irgends ein besser Leben als hier zu kriegen getraute; des Studierens und Tag und Nacht über den Büchern zu hocken, wäre ich schon vor längsten müd worden; so möchte ich auch nicht arbeiten, viel weniger erst ein Handwerk lernen; ohne, welches das Schlimmste wär, daß ich auch ein schlecht Patrimonium von meinen Eltern zu hoffen hätte.«

»›Du hast einen weisen Menschensinn, mein Sohn‹, sagte das Rabenaas weiters, ›und kanst leicht hierbei abnehmen und probieren, was unser Manier zu leben vor anderer Menschen Leben vor einen Vorzug habe, wann du nämlich sihest, daß kein einzig Kind aus unserer Jugend zu dem allergrößten Fürsten gieng, der es aufnehmen und zu einem Herrn machen wolte; es würde alle solche hohe fürstliche Gnaden vor nichts schätzen, die doch andere knechtisch gesinnte Menschen so hoch verlangen.‹«

»Ich gab ihr gewonnen und gedachte doch bei mir selber, was ihr Springinsfeld gewünscht, und indem ich ihr dieser Gestalt das Maul machte[305], als wenn ich bei ihr verbleiben wolte, hoffte ich desto ehender die Freiheit, mit andern auszugehen, und also Gelegenheit zu bekommen, mich wieder von ihr abzuscheiblen[306]

»Eben um dieselbe Zeit kam eine Schar Zigeuner, die brachten eine junge Zigeunerin mit sich, die schöner war, als die allerschönste aus diesen Leuten zu sein pflegen. Diese machte so wol als andere bald Kundschaft zu mir (dann man muß wissen, daß unter dieses Volks ledigen Leuten wegen ihres Müßiggangs die Löffelei eine Gewohnheit ist, deren sie sich weder zu schämen noch zu scheuen pflegen) und erzeigte sich so freundlich, holdselig und liebreizend, daß ich glaube, ich wäre angangen[307], wann mich nicht die Sorg, ich würde auch hexen lernen müssen, darvon abgeschröckt, und ich nicht zuvor der Courage Leichtfertigkeit und lasterhaftes Leben aus ihrem eignen Maul gehört hätte. Eben darum traute ich desto weniger und sahe mich desto besser vor; doch erzeigte ich mich gestältiger[308] gegen ihr als gegen einer andern. Sie fragte mich gleich nach gemachter Kundschaft, was ich der Frau Gräfin, dann also nannte sie die Courage, zu schreiben hätte. Als ich ihr aber die Antwort gabe, es wäre ohnnöthig, daß es die Jungfer wüste, war sie nit allein wol damit zufrieden, sonder ich merkte auch an der Courage selbsten meiner Einbildung nach, daß sie solche Frag an mich zu thun befohlen und also meine Verschwiegenheit probiert hatte, dann sie ward mir immer je freundlicher, wie ich Narr vermeinte.«

»Damals war ich allbereit in 14 Tagen nicht mehr aus den Kleidern kommen, wessentwegen sich dann die Müllerflöhe häufig bei mir einfanden, welches heimliche Leiden ich meiner Jungfer Zigeunerin klagte. Dieselbe lachte mich anfänglich gewaltig aus und nannte mich einen einfaltigen Tropfen; aber den andern Morgen brachte sie eine Salbe, welche alle Läuse vertreiben würde, wann ich nur darmit nackend bei einem Feur, der Zigeuner Gewohnheit nach, mich wolte schmieren lassen, welche Arbeit sie, die Jungfer, auch gern verrichten wolte. Ich schämte mich aber viel zu sehr und sorgte darneben, es möchte mir gehen wie Apulejo[309], welcher durch dergleichen Schmiersel in ein Esel verwandelt worden. Indessen quälte mich aber das Ungeziefer so greulich, daß ichs nicht mehr erleiden kunte; dannenhero ward ich gezwungen, diese Salbung zu gebrauchen, doch mit dieser Condition, daß sich die Jungfer zuvor von mir schmieren lassen solte, und alsdann wolte ich ihr nachfolgen und ihr auch stillhalten. Zu solcher Verrichtung nun machten wir etwas fern von unserm Läger ein absonderlichs Feur und thäten dabei, was wir abgeredet hatten.«

»Die Läuse giengen zwar fort, aber den Morgen frühe sahe ich mit Haut und Haar so schwarz aus wie der Teufel selber. Ich wuste es noch nicht an mir, biß mich die Courage vexierte und sagte: ›So, mein Sohn, ich sehe wol, du bist deinem Wunsch nach schon ein Zigeuner worden.‹«

»Ich weiß noch nichts darvon, mein hochgeehrte Frau Mutter«, antwortet ich. Sie aber sagte: ›Beschaue deine Hände!‹«

»Und mit dem ließe sie einen Spiegel holen, in welchem sie mir eine Gestalt wiese, die ich wegen übermäßiger Schwärze selbst nicht mehr vor die meinige erkante, sonder darvor erschrak.«

»›Diese Salbung, mein Kind‹, sagte sie, ›gilt bei uns so viel, als bei den Türken die Beschneidung; und welche dich gesalbet hat, die mustu auch zum Weib haben, sie gefalle dir gleich oder nicht.‹«

»Und mit dem fieng das Teufelsgesindel mit einander an zu lachen, daß sie hätten zerbersten mögen.«