Die vorliegende Ausgabe des »Trutz Simplex« beruht auf dem einzigen bisjetzt bekannten Druck. Derselbe geht dem mit der Jahrzahl 1670 bezeichneten »Springinsfeld« voraus und ist also unmittelbar nach oder noch während der Abfassung der »Continuation« oder des sechsten Buchs des »Simplicissimus« geschrieben, aber nicht eher im Druck erschienen. Es würde also die Annahme nicht irren, dies sei zu Anfang 1669 geschehen. Das von mir benutzte Exemplar der Göttinger Bibliothek ist dem »Springinsfeld« vorgebunden. Den Text, den ich gewählt, denselben, für den auch Keller sich entschieden hat, halte ich nach reiflicher Erwägung für den besten, ohne jedoch die Frage beantworten zu wollen, ob der zweite bekannte Druck aus demselben Jahre eine rechtmäßige Wiederholung oder ein Nachdruck sei. Druckfehler sind stillschweigend verbessert; eine Aenderung ist nur da in den Anmerkungen angegeben, wo dieselbe der Rechtfertigung bedurfte, während einzelne Eigenthümlichkeiten der Rechtschreibung, soweit es die für unsere übrigen Publicationen und speciell für den »Simplicissimus« angenommenen Grundsätze erlaubten, beibehalten worden sind.

Den »Anhang« möge der Leser als eine, wenn an sich nicht sehr bedeutende, doch immerhin interessante Beigabe betrachten. Der erneuerte Abdruck der »Gaukel-Tasche« findet seine Berechtigung schon darin, daß das Titelblatt des »Springinsfeld« dieselbe erwarten läßt. Was den Inhalt und den Gebrauch derselben betrifft, so gibt darüber die ausführliche Beschreibung der Scene (»Springinsfeld« Kap. VII), wo Simplicissimus auf seine alten Tage noch einmal als Gaukler auftritt, genügende Auskunft. Die Jahrzahl 1670 bestätigt auch das, was der Schreiber (»Springinsfeld« Kap. VIII) von seiner Absicht sagt, das Büchlein zu veröffentlichen. Dasselbe war bisjetzt nur durch die Gesammtausgabe bekannt, wo es unmittelbar auf den »Ersten Bärnhäuter« folgt. Die alte Originalausgabe, die der unsrigen zu Grunde gelegt worden ist, befindet sich ebenfalls auf der Universitätsbibliothek zu Göttingen; die große Seltenheit erklärt sich leicht aus der Verwendung als Spielzeug. Ein zweites Exemplar besitzt Herr Wilhelm Seibt in Frankfurt, dessen gefälliger Mittheilung ich diese Nachricht verdanke. Ein für den Kenner der Simplicianischen Literatur sehr erfreulicher Aufsatz in der »Frankfurter Zeitung« (1876, Nr. 230 Morgenblatt) enthält auch einen Bericht über Seibt's Entdeckung, daß die Holzschnitte, welche die Verse illustrieren, von Jobst Amman sind, und daß Grimmelshausen's Verleger, wahrscheinlich I. I. Felsecker, die Originalstöcke zu des genannten Künstlers schönem, sehr selten gewordenen Kartenbuch: »Künstliche und wolgerissene Figuren in ein neues Kartenspiel« u.s.w. (Nürnberg 1588. 4.) für den Druck verwandt hat.

Das bekannte Märchen vom »Ersten Bärnhäuter« ist der »Gaukel-Tasche« auch in der alten Ausgabe vorgedruckt. Die Art und Weise, wie Grimmelshausen dasselbe erzählt, ist in der Darstellung so vortrefflich, daß wir uns nicht entschließen mochten, dasselbe beiseite zu lassen. Wegen der verwandten Auffassungen dürfen wir auf der Brüder Grimm »Kinder- und Hausmärchen« (Nr. 100 und 101) verweisen, die sich in jedermanns Händen befinden. Den Anmerkungen (Bd. III, S. 181 fg.) haben wir wenig hinzuzufügen. Das zweite Grimm'sche Märchen, ebenfalls »Der Bärenhäuter« genannt, stimmt mit dem Grimmelshausen'schen am meisten überein; dort ist der Vater der drei Töchter ein Mann, dem der Landsknecht Geld gegeben, hier ein reicher Kunstkenner, der die durch den Teufel für seinen Schützling gemalten Bilder sammt dessen Reichthümern besitzen möchte, ein Zug, der in dem ersten der Märchen: »Des Teufels rußiger Bruder«, darin sein Gegenstück findet, daß ein König von der in der Hölle gelernten Kunst des Soldaten so entzückt wird, daß er ihm eine seiner Töchter verspricht. Die österreichische Fassung kenne ich nur aus Happel's »Größten Denkwürdigkeiten der Welt« (II, 712). Die Geschichte spielt in einer Stadt, wo noch die »Abbildung derselben auf einer Tafel« aufbewahrt wird. Statt der verlornen Schlacht bei Nikopolis unter Sigismund 1396 wird die Niederlage des christlichen Heeres bei Varna 1414 unter Ladislav genannt. Die Wahrscheinlichkeit, daß Grimmelshausen aus dem Volksmunde geschöpft, würde diese Abweichung genügend erklären.

Zum Schluß sei es gestattet, hier eine Anmerkung zum ersten Kapitel des »Simplicissimus« zu vervollständigen. Grimmelshausen spricht über die Sucht geringer Leute, sobald sie es zu einigem Wohlstand gebracht, als vornehme Herren aufzutreten und von altem Adel sein zu wollen, wenn auch ihre Vorältern niedrige oder selbst unehrliche Gewerbe getrieben haben: »obgleich ihr ganzes Geschlecht von allen 32 Anichen her also besudelt und befleckt gewesen, als des Zuckerbastels Zunft zu Prag immer sein mögen.« Aus Seibt's erwähnten Mittheilungen, die mir erst nach dem Drucke des ersten Theils der zweiten Auflage zukamen, sehe ich, daß in Nicl. Ulenhart's Erzählung »Isaak Winterfelder und Jobst von der Schneid« (Augsburg 1617. 8. Vgl. Goedeke Grundriß, S. 432), einer Uebersetzung von Cervantes' Novelle »Rinconete y Cortadillo«, deren Schauplatz nach Prag verlegt wird, das Oberhaupt aller Gauner und Dirnen dieser Stadt »Zuckerbastel« genannt wird. Grimmelshausen wird also die Ulenhart'sche Bearbeitung gekannt haben. Meine Erklärung des Namens scheint daneben bestehen zu können.


Fußnoten:

[1] Vgl. den Titel S. 3 dieses Bandes. Auf der Rückseite stehen im Original — zur Erklärung des vorgehefteten Kupferstichs Courage als Zigeunerin auf einem Maulesel unter ihrer Bande, allerlei Toilettengegenstände auf der Erde verstreuend — folgende Verse:

[2] S. 52 dieses Bandes Zeile 2 muß es statt »seiner leiblichen Frauen Tochter« heißen: seine leibliche Frau Tochter.

[3] Titelkupfer: Der Stelzfuß mit der Geige.