Der Gedanke, die Zeitgeschichte in einen Roman zu verweben, war nicht neu. Dietrich von Werder, der selbst eine Zeitlang Inhaber und Führer eines schwedischen Regiments gewesen, hatte in Episoden seiner »Dianea« (1644 nach Loredano), jedoch vorsichtig, indem er die Namen in Anagramme versteckte, einen Versuch gemacht. Auch dem weitschweifigen Buchholz, in den oben erwähnten »Heldengeschichten« war es, wie er selbst sich dessen rühmte, gelungen, »außer der ganzen Theologie und Philosophie in erbaulichen Discursen auch den ganzen Dreißigjährigen Krieg durch Veränderung etlicher weniger Umstände mit einzubringen«. Aber wie anders gestaltet sich das alles bei Grimmelshausen! Was dort als unnütze Spielerei eines Pedanten erscheint — denn ein Zweck ist doch überhaupt nicht einzusehen — ist hier der furchtbare Boden, auf dem mit Leben und Blut begabte Menschen erwachsen und die lebendige Handlung sich auswirkt.
Grimmelshausen läßt den alten Landsknecht, der dem verlockenden Klange der venetianischen Werbetrommel nicht hatte widerstehen können und als Krüppel zurückkehrte, bald darauf mit Simplicissimus zusammentreten. Die Geschichte seines Lebens wird also im Winter 1669 auf 70, kurz nach dem »Trutz Simplex«, geschrieben sein, was auch mit den übrigen Angaben stimmt.
Sein wüstes Leben endete nach kurzer Ruhe in der Stille und dem Frieden eines Schwarzwaldthales, unter dem Dach des trefflichen Freundes, dem es endlich noch gelungen war, die Seele des schwer zugänglichen alten Gesellen zu retten, nachdem er ihn zu christlicher Erkenntniß und einem ehrbaren Wandel bekehrt hatte.
Damit ist der engere Kreis der Simplicianischen Schriften geschlossen. Die Anknüpfung der beiden noch übrigen Erzählungen und deren Verbindung untereinander ist, wie oben schon gezeigt wurde, wenn auch künstlicher und loser, doch in ansprechender Weise hergestellt. Wenn gerade hier das Wunderbare mehr noch als anderswo in den Gang der Darstellung eingreift, so ist zu bedenken, daß Grimmelshausen, wie er immer zu thun pflegt, unmittelbar aus dem Aberglauben und der Märchen- und Sagenwelt des Volkes geschöpft hat. Für unsere Zeit freilich, die auch in dieser Beziehung dem alten Volksbewußtsein sich entfremdet, wird eine kurze Ausführung des Hauptgehalts der benutzten Motive nicht für überflüssig gehalten werden.
In der Gabe der Unsichtbarkeit ist ein aus dunkelm Alterthum stammender Aberglaube zu erkennen, der in verschiedenen Formen auftritt, z. B. im Besitz eines Ringes, wie ihn der Lydierkönig Gyges trug, im germanischen Götterglauben unter den »Wunschdingen« als Tarnkappe. Hier ist das Zauberwerkzeug das Nest eines Vogels. Jakob Grimm (»Deutsche Sagen«, I, 40) kennt für diesen Glauben keine andere Quelle als eben Grimmelshausen's »Springinsfeld«. Er meint, der Name hänge mit einer gleich der Mandragora oder der Alraun zauberkräftigen Pflanze, dem Zweiblatt, zusammen, das allgemein in den neuern Sprachen »Vogelnest« genannt werde. Aber in der That lebt der Glaube noch heute im Volke (in Niedersachsen, im Fürstenthum Göttingen und Grubenhagen). Ein Vogel trägt einen unsichtbar machenden Stein oder ein Kraut in sein Nest — genau so faßt es Grimmelshausen —, um dasselbe vor Gefahren sicher zu stellen. Diese Kraft ist unter andern dem Heliotrop eigen; auch Iwein verdankte die Unsichtbarkeit einem in einen Ring gefaßten Stein (Hartmann von Aue, »Iwein«, Abent. II, V. 1203 fg.). Unter den in Deutschland einheimischen Pflanzen besitzt sie das Farrnkraut, dessen Same, der freilich nur in der Johannisnacht zeitig wird, z. B. zufällig in den Schuh gefallen sofort den Menschen aus aller Augen verschwinden läßt. Daß das Nest im Wasser sichtbar bleibt, beruht auf der im gesammten Alterthum verbreiteten Vorstellung von der reinigenden, allem Bösen feindlichen Kraft des Elements, die jeden Zauber bricht, und erscheint durch Ideenverbindung auf den Spiegel übertragen, der im Volksglauben auch unsichtbar anwesende Geister erblicken läßt.
Die Episode von dem Tode des Leiermädchens schließt sich unmittelbar an den Fund des köstlichen, doch in unrechter Hand gefährlichen Schatzes. Dieser Gefahr war ihr Gefährte, der schon einmal mit einem Spiritus familiaris in Noth gekommen, und zwar ebenfalls durch die Schuld eines Weibes, glücklich entgangen. Seine böse Ahnung sollte an der Besitzerin, die sofort damit verschwand, in Erfüllung gehen. Lange genug hatte die leichtfertige Dirne allerhand Gaunerstreiche, Neckereien und Spuk damit ausgeführt, als sie auf den Gedanken kam, ein großartigeres Zauberdrama, eine Feerie im romantischen Stil, worin sie selbst die Hauptrolle übernahm, in Scene zu setzen, ohne zu ahnen, daß das prosaische Fatum des modernen Weltalters, die Justiz, dem Lustspiele einen tragischen Schluß anhängen werde. Die Wahl des Stoffes ist sehr glücklich; sie entnahm denselben einer der reizendsten Geschichten aus den Volksbüchern des sechzehnten Jahrhunderts: wie eine überirdische Jungfrau einen sterblichen Menschen durch ihre Liebe beglückt. Grimmelshausen hat zwei in der Dichtung getrennte Ueberlieferungen miteinander verbunden, wie sie denn wirklich auf Einer ursprünglichen Auffassung beruhen werden. Ein mittelhochdeutsches Gedicht, um das Jahr 1300 verfaßt, nach einer nun verlornen Straßburger Handschrift zuerst 1480, dann öfter gedruckt, 1580 von Johann Fischart bearbeitet, zuletzt neu herausgegeben von Oskar Jänicke (»Altdeutsche Studien«, Berlin 1871), erzählt die Sage in folgender Gestalt: Ritter Petermann von Temringen, vom Schloß Stauffenberg in der Ortenau, wollte am Pfingsttag früh zur Messe nach Nußbach reiten, da fand er unterwegs eine wunderschöne Frau auf einem Felsen sitzend. Schon lange, sagte sie, habe sie ihn erwartet, schon lange sei sie ihm in Liebe zugethan, seit er ein Pferd überschritten; überall habe sie ihn geschirmt im Kampf, beim Turnier wie im Stürmen und Streiten. Sie werden einig, sich zu verbinden, und der Ritter geht die einzige ihm gestellte Bedingung freudig ein: »nimm welche du willst, doch nie ein ehelich Weib!« So leben sie zusammen; auf seinen Wunsch ist sie bei ihm, daheim und draußen, wo auch seine Ritterschaft ihn hinführt. Als er einst mit Ehre und Gut heimkehrte, lagen ihm die Verwandten an, sich endlich ein Weib zu suchen. Er bleibt standhaft und erneuert der Geliebten sein Gelübde, aber in banger Ahnung warnt sie ihn vor dem Treubruch, er werde sonst in drei Tagen sterben müssen. Als es sich darauf begab, daß zu Frankfurt ein Römischer König gewählt wurde, stellte auch er sich am Hoflager ein. Da dringt auch der König in ihn und bietet ihm die einzige Nichte, die Erbin von Kärnten, zur Braut; auch jetzt kann er sich nicht entschließen, und erst als die allein seligmachende Kirche in der Person eines Bischofs sich einmischt und ihm die Hölle heiß macht, gibt er nach. In der Nacht kündigt ihm die schmerzlich Betrogene die nahe Erfüllung seines Geschicks an, wenn er nicht jetzt noch von seinem Vorhaben abstehe; als näheres Vorzeichen werde er ihren nackten Fuß erblicken. Aber der Mann hält alles für Betrug des Teufels. Die Braut hält ihren Einzug auf der Burg, die Hochzeit wird gefeiert, da stößt plötzlich der schönste Frauenfuß durch die Decke des Saales. Nun bestellt der Ritter sein Haus und stirbt. Die junge Braut gelobt, in einem Kloster dem Vermählten treu zu bleiben.
Es tritt hier, was wir nur andeuten können, die Beziehung der Sage zum germanischen Götterglauben noch deutlich kennbar hervor. Stauffenberg's Geliebte ist als Walküre aufzufassen, als »Wünschelweib« oder »Wunschmädchen«. Der »Wunsch«, wodurch eigentlich und ursprünglich ihr Zusammenhang mit Odin angedeutet wird, steht ihr zu Gebot, während die spätere Anschauung den Namen von der Gabe ableitet, zu erscheinen, so oft der Geliebte sie herbeiwünscht. Sie kann ihm Glück und Reichthum zuwenden. Auch darin gleicht sie den Walküren, daß sie unsichtbar den Auserwählten hütet und ihn schützend in den Kampf begleitet. Doch alles das sammt ihrer Liebe ist Bedingungen unterworfen, die sie selbst nicht aufheben kann. Auch das ist ein alter Zug, daß der Umgang mit göttlichen Frauen das Leben der Helden kürzt; meist werden sie in der Blüte des Lebens hinweggerafft; so selbst in dem Mythus von Aphrodite und Anchises im griechischen Götterglauben.
Die »Melusina«, 1456 aus dem Französischen von Thüring von Ringolfingen übertragen, seit dem ersten Druck (Straßburg um 1474) bis in unsere Tage ein weitverbreitetes Volksbuch, berührt sich in den Grundzügen damit; Melusina ist jedoch entschieden eine Nixe, eine »Meerfein«, und das Ende ist anders gewandt. Sie verleiht einem Grafen von Poitiers alles Glück, Liebe und Treue, Sieg, Ehre, Reichthum, aber unter der Bedingung, daß er nie nach ihrem Ursprung noch jemals nach ihrem Thun und Lassen an einem bestimmten Wochentage fragen wolle, sonst werde jegliches Unheil über ihn kommen und er sie auf ewig verlieren. Er bricht wie der Temringer seinen Schwur und beschließt reuig sein Leben in einem arragonischen Kloster. Die Verbindung mit der ersten Sage wird bei Grimmelshausen dadurch vermittelt, daß das Leiermädchen sich Minolanda, Melusinnes Schwestertochter, nennt. König Helias hatte noch zwei zauberkundige Töchter, die vielleicht die Sage kannte, denn der Name erinnert an Minne, Meerminne. Eine solche ist auch in der localen Ueberlieferung, wie sie in Baden und am Schwarzwald zu Hause ist, die Geliebte des Stauffenbergers. Peter Diemringer, von der Jagd heimkehrend, findet sie an einem Born unfern Nußbachs. Sie nennt sich selbst ein »Mümmelchen« — der Mummelsee liegt in der Nachbarschaft —; des Ritters Namen hat sie den Jägern abgehört. Das übrige stimmt ungefähr: statt des Römischen Kaisers ist es ein fränkischer Herzog, der den Diemringer für seine Thaten auf einem Heerzuge mit der Hand seiner Tochter belohnen will. Als dieser von der Hochzeit heimkehrend durch einen seichten Fluß reitet, wird er plötzlich von stürmisch heranbrausenden Wellen fortgerissen.
Auch in dem Zauberspiel der Simplicianischen Leirerin stirbt der ungetreu gewordene Wanderbursch, aber auch die Schauspielerin büßt ihren Frevel. Das Zaubergeräth überdauert die Katastrophe, um als Leitmotiv von dem Verfasser der Simplicianischen Schriften noch ferner verwandt zu werden.