[483] Haftenmacher, der Hefteln und Stecknadeln macht.
[484] Spengler, Gürtler, Klempner.
Das dreiundzwanzigste Capitel.
Seines blinden Schwähers, der Schwiegermutter und seines Weibes wird Springinsfeld nacheinander wieder los.
»Wiewol ich dieses Possens halber noch lang hernach grandige[485] Grillen im Capitolio hatte, so war meine Leirerin dannoch so verschmitzt, listig und freundlich, daß sie mir endlich dieselbe nach und nach vertriebe, dann sie sagte, wann mir ja so viel daran gelegen wäre, so wolte sie mir gern vergönnen, ja selbst die Anstalt darzu machen, daß mir anderwärts eine Jungfrauschaft gleichsam wie im Raub zu theil werden müste; aber das junge Rabenaas übertrieb[486] und hielte mich so streng, daß ich anderer wol vergaß. Und eben diese ists, die mich gelernet hat, kein Tuch mehr zu einem Weib vor mich zu kaufen, wann gleich alle Tag Jahrmarkt wäre. Sie brachte es endlich auch dahin, daß ich beinahe der Knecht, sie und ihre Eltern aber die Herren über mich waren, unangesehen ich so viel mit meiner Geigen, dem Taschenspiel und anderer Kurzweil zuwegen brachte, daß ich ein fettes Maulfutter und faule Täge ohne sie hätte haben mögen. Ueberdas plagte mich die Eifersucht auch nicht wenig, weil ich vielmal mit meinen Augen sehen muste, daß sie sich viel ausgelassener und geiler gegen den Kerlen heraus ließe, als die Ehrbarkeit einer frommen Leirerin zuließe. Daß ich aber solches alles erduldete und mich endlich ganz und gar drein ergeben konte, war die Ursach, daß ich meinem Alter nicht trauete, besorgende, dessen herannahende Gebrechlichkeit möchte mich etwan in eine Krankheit werfen, in deren ich alsdann von aller Welt verlassen sein würde, wann ich diß mein ehrlich Weib und ihre ehrbare Freundschaft vorn Kopf stieße, welche gleichwol bei 300 Reichsthalern, das ich nur wuste, in Geld beisammen hatten, solches auf dergleichen Nothfall anzuwenden. Ja, was mehr ist, ich ließe endlich mein Weib als ein junges geiles Ding grasen gehen, wo es wolte, weil ich selbst nit viel mehr möchte, und machte mir hingegen die faule Täg mit Essen und Trinken zu nutz. Endlich verhartet ich in diesem Spenglerleben[487], darin wir gar verträulich mit einander zu hausen anfiengen, daß ich zuletzt keiner Ehrbarkeit mehr achtete.«
»Indessen haben wir Unter- und Oberösterreich, das Ländlin der Ens, das Erzbisthum Salzburg und ein gut Theil von Baiern durchstrichen, alwo mir mein Schwähervatter an einem Schlagfluß erstickt. Die Mutter folgt ihm hernach und ließe uns fünf ellende Krüppel zu versorgen. Der älteste Sohn wolte Herr vor sich selbst sein und das Almosen allein suchen; das ließen ich und mein Weib gern geschehen. Zu den übrigen vieren aber hatten wir zweinzig Meister vor einen; es waren aber nur starke Bettlerinnen, die solche zu sich nahmen, das Almosen mit ihrer Armseligkeit einzutreiben. Wir ließen sie ihnen auch gern folgen, weil wir bedacht waren, unser Nahrung nicht mehr unter dem Schein ellender Bettler, sonder durch unser Saitenspiel zu gewinnen, welches reputierlicher zu sein schiene und meinem Weib, wie ich darvor halte, auch besser zuschlug.«
»Derowegen ließe ich mich und sie ein wenig besser kleiden, nämlich auf die Mode, wie Leirergesindel aufzuziehen pflegt; auch bekam ich zu meiner Gaukeltaschen etliche Puppen, damit ich hin und wieder den Bauren ums Geld ein angenehme Kurzweil machte, dann wir fiengen an und zohen nur den Jahrmärkten und Kirchweihen nach, welches unser Geld nach und nach ziemlich vermehrte. Wir saßen einsmals bei einander im Schatten an einem lustigen Gestad eines stillen vorüberfließenden Wassers, nicht nur zu ruhen, sonder auch zu essen und zu trinken, was wir mit uns trugen. Da machten wir Anschläg, wie wir auch einen Puppaperkram mit einem Glückhafen, Trillstern[488], Würfel- und Riemenspiel[489] aufrichten wolten, um unsern Gewinn damit zu vermehren, dann wir hielten darvor, wann eins nit abgieng[490], so gieng doch das ander. Unter solchem Gespräch sahe ich an dem Schatten oder Gegenschein eines Baums im Wasser etwas auf der Zwickgabel[491] liegen, das ich gleichwol auf dem Baum selbst nicht sehen konte. Solches wiese ich meinem Weib wunderswegen. Als sie solches betrachtet und die Zwickgabel gemerkt, worauf solches lag, klettert sie auf den Baum und holet herunter, was wir im Wasser gesehen hatten. Ich sahe ihr gar eben zu und wurde gewahr, daß sie in demselben Augenblick verschwand, als sie das Ding, dessen Schatten wir im Wasser gesehen, in die Hand genommen hatte. Doch sahe ich noch wol ihre Gestalt im Wasser, wie sie nämlich den Baum wieder herunter kletterte und ein kleines Vogelnest in der Hand hielte, das sie vom Baum herunter genommen hatte. Ich fragte sie, was sie für ein Vogelnest hätte. Sie hingegen fragte mich, ob ich sie dann sehe. Ich antwortet: Auf dem Baum sehe ich dich selbst nicht, aber wol deine Gestalt im Wasser.«
»Es ist gut, sagte sie, wann ich hinunter komm, so wirstu sehen, was ich habe.«
»Es kam mir gar verwunderlich vor, daß ich mein Weib solte reden hören, die ich doch nicht sahe, und noch seltzamer wars, daß ich ihren Schatten an der Sonnen wandlen sahe und sie selbst nicht. Und da sie sich besser zu mir in den Schatten näherte, so daß sie selbst keinen Schatten mehr warf, weil sie sich nunmehr außerhalb dem Sonnenschein im Schatten befand, konte ich gar nichts mehr von ihr merken, außer daß ich ein kleines Geräusch vernahm, das sie beides mit ihren Fußtritten und ihrer Kleidung machte, welches mir vorkam, als wann ein Gespenst um mich herummer gewesen wäre. Sie setzte sich zu mir und gab mir das Nest in die Hand. Sobald ich dasselbige empfangen, sahe ich sie wiederum, hingegen aber sie mich nicht. Solches probierten wir oft mit einander und befanden jedesmal, daß dasjenige, so das Nest in Händen hatte, ganz unsichtbar war. Darauf wickelt sie das Nestlein in ein Nastüchel, damit der Stein oder das Kraut oder Wurzel, welches sich im Nest befande und solche Würkung an sich hatt, nicht heraus fallen solte und etwan verloren würde, und nachdem sie solches neben sich gelegt, sahen wir einander wiederum wie zuvor, ehe sie auf den Baum gestiegen. Das Nestnastüchel sahen wir nit, konten es aber an demjenigen Ort wol fühlen, wohin sie es gelegt hatte.«