Die Simplicianischen Schriften.
I.
Die wieder allgemeiner gewordene Theilnahme für Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen und seinen biographischen Roman »Simplicissimus« gerade in dem Jahre, wo seit dem Ende seines reichen Dichterlebens zwei Jahrhunderte vergangen sind, ist an sich für den Kenner und Verehrer seiner Schriften eine erfreuliche Thatsache. Dieselbe beruht jedoch nur bei einem kleinen Theile der Lesewelt auf der Erkenntniß des vollen Werthes des vielgenannten Mannes; sie ist vielmehr durch eine besondere Veranlassung, man dürfte sagen, zufällig und gewaltsam geweckt worden. Darum scheint die Befürchtung nahe zu liegen, dieselbe werde bald und ohne Nachwirkung vorübergehen. Ueberdies ist die Bearbeitung des »Simplicissimus«, welche den ersten Anstoß zu dem Streite entgegenstehender Meinungen gegeben hat, leider nicht geeignet, ein genügendes oder gar nur ein wahres Bild von Grimmelshausen's schriftstellerischer Individualität zu geben. Darin aber liegt die Aufforderung an die Wissenschaft, das Recht zu wahren, das doch ein jeder hat: zu verlangen, daß seine Art, sein Wollen und Können unverkürzt und unentstellt zur Geltung gelange, namentlich wo so vielfach und nachdrücklich in der Oeffentlichkeit davon die Rede ist.
Im »Simplicissimus« wird uns der Verlauf eines Menschenlebens vorgeführt, das in seinen allgemein gültigen Momenten immer verständlich bleibt, wenn auch der Entwickelungsgang desselben durch Zustände und Ereignisse bedingt wird, die der Gegenwart fremd erscheinen mögen. Diese Verhältnisse und Thatsachen gehören der Geschichte unseres Vaterlands an, die doch ein jeder, wenigstens ihren großen Zügen nach, kennen soll. Den meisten jedoch stellt sich gerade jener Zeitabschnitt nur in allgemeinen, dunkeln und unsichern Umrissen dar, die sich schwer mit ihren Localfarben, mit Schatten, Licht und Reflexen ausmalen lassen. Von Grimmelshausen's Hand aber besitzen wir ein nach dem Leben gemaltes, ausdruckvolles und farbenreiches Bild; das muß jeder empfinden, der überhaupt sehen kann und will. Aus der durch dieses Gemälde erleichterten Entgegenstellung des Sonst und Jetzt wird der eine dies, der andere jenes entnehmen, was ihm frommt, auch diejenigen, denen die Rede des Buchs hart klingt; vielleicht werden diese dabei auf den Gedanken kommen, daß ihre, überdies schlecht construirten Rückschraubungsmaschinen mindestens ohne Gewinn arbeiten, vielleicht sogar ihre Baumeister sammt der Bedienung schwer schädigen möchten.
Der Herausgeber des soeben in zweiter Auflage erschienenen »Simplicissimus« erblickte in dem Gesagten die Aufforderung, das Seinige zu thun, um die volle Schätzung Grimmelshausen's in einem größern Leserkreise zu fördern, und entschloß sich zur Fortsetzung der Arbeiten für das Verständniß seiner Schriften durch die Aufnahme der beiden vorliegenden Bände in die Sammlung der »Deutschen Dichter des siebzehnten Jahrhunderts«. Dieselben schließen sich dem Hauptwerke unmittelbar an.
Das innere Leben eines wahren Dichters ist eine kleine Welt für sich, ein geschlossener Kreis von Vorstellungen, Anschauungen und Empfindungen, in welchem alles zum harmonischen Abschluß gelangt ist; diese Harmonie durchdringt dann auch sein Schaffen und bedingt die Kunst der Darstellung bis auf ihr äußeres Mittel, die Sprache. In diesem Sinne ist auch Grimmelshausen ein wahrer Dichter; ich nehme keinen Anstand, dies hohe Lob auszusprechen. Für denjenigen freilich, der in eine bestimmte bedeutungsvolle Individualität sich hineingedacht hat, liegt die Gefahr einseitiger Ueberschätzung sehr nahe. Aber ich bin nach reiflicher Erwägung zu keinem andern Urtheil gelangt.
Was für die gesammte Gattung der epischen Dichtung gilt, dem muß auch in der besondern Art derselben, dem Roman, derjenigen Form, in welche das eigentliche Epos in der neuern Zeit verlaufen mußte, im allgemeinen wenigstens, Geltung zukommen: daß die ideale Welt des Dichters, sein individuelles Geistesleben, mit dem thatsächlichen geistigen und sittlichen Inhalt gerade der realen Welt zusammenfalle, in der die geschilderten Ereignisse vorgehen, auf deren Boden die Charaktere erwachsen, die Handlung sich entwickelt. Wo hier ein Zwiespalt eintritt, da wird selbst die höchste formelle Kunst denselben nicht gänzlich ausgleichen; in die Auffassung und Darstellung wird die Reflexion sich einmischen, und möglicherweise werden sogar die Motive der Handlungen sich als künstliche Maschinerie erweisen. Diese Trennung zwischen einer vergangenen Zeit mit ihren Anschauungs- und Lebensformen und der Apperception des Dichters wird störend in der Dichtung selbst empfunden und läßt das Gefühl der Unbefriedigtheit zurück. Auf der andern Seite aber scheint in Bezug auf die Arbeit des Schaffens selbst eine Bedingung unerläßlich zu sein, sobald die Bühne, auf welcher die Handlung sich bewegt, der Wirklichkeit und der Gegenwart angehört, mehr noch da, wo das Thatsächliche der eigenen Persönlichkeit nahe tritt, die Bedingung, daß bei der Ausführung seines Werkes dem Dichter alles schon in eine gewisse Ferne gerückt und die durch subjective Theilnahme für Personen und Ereignisse gestörte Ruhe wiedergewonnen sei, denn nur einem ungetrübten Blick kann die klare Erfassung des Gegebenen und seiner Erfolge gelingen.
Grimmelshausen wurde geboren, wuchs heran und lebte als Mann in der Zeit, die er schildert; sein eigenes Leben erscheint durch dieselbe so vollkommen bedingt, daß die Annahme fast mit Gewalt sich aufdrängt, er selbst sei der Held seines Hauptwerkes, obgleich das biographische Material noch fehlt, diese Identität auch nur in den wichtigsten Punkten festzustellen, und seine schriftstellerische Thätigkeit fällt erst gegen das Ende seines Lebens, wo der große Kampf, in dessen Mitte er die Leser versetzt, ausgekämpft war, wenngleich seine Heftigkeit noch in schmerzhaften Nachzuckungen sich fühlbar machte.
Das, was wir die innere Welt des Dichters genannt haben, deren Ausbau die Einleitung zum »Simplicissimus« zu schildern versucht, in ihrem vollständigen Zusammenfallen mit der äußern Welt bildet die reale Grundlage einer Reihe von Schriften, die nach des Verfassers eigenem Ausdruck die »Simplicianischen« genannt werden. In ihnen bewegt sich alles innerhalb eines bestimmten Kreises; aber noch mehr, in der Mitte steht eine Hauptperson zu der die übrigen je nach ihren Charakteren in dauernde oder flüchtige Beziehung gesetzt sind. Er wollte auch, daß die Zusammengehörigkeit dieser Schriften, die er als die Hauptaufgabe seines eigentlichen Berufs betrachtete, neben denen seine übrige Schriftstellerei nur eine beiläufige und gelegentliche war, von seinen Lesern nicht übersehen werde. Er hat sich darüber kurz und bündig ausgesprochen, indem er die Reihefolge, die sich schon aus innern Gründen wie der Zeit der Entstehung nach ergibt, noch ausdrücklich feststellt. Dieser Zusammenhang zu einem größern Ganzen wird in nachstehender Weise vermittelt.