[231] Product, Schulwitz, an manchen Orten noch jetzt gebräuchlich, Schlag auf den Hintern.
[232] das Geschenk, den üblichen Zehrpfennig für wandernde Handwerksburschen.
Das zweite Capitel.
Conjunctio Saturni, Martis et Mercurii.
Daselbst wurde ich viel höflicher empfangen als von obengedachter höflichen Jungfrauen; dann der Hausknecht kam gleich und fragte: »Was beliebt dem Herrn?«
Ich gedachte[233] zwar heut diesen ganzen Tag der Schreiberdienst, jetzt aber der Stubenofen, sagte aber doch zu ihm: »Ein gute halb Maß Wein«, die er mir auch gleich langte, dann es war kein Badstub, darin man die Hitz bezahlte, sonder ein Ort der Zehrung, darin man die benöthigte Wärme umsonst hatte oder wenigist in die Zech rechnete.
Ich setzte mich mit meiner halben Maß Wein sehr nahe zum Ofen, um mich rechtschaffen auszubähen, alwo sich an eben demselbigen Tische ein Mann befande, der im Pfenningwerth zehrete[234] und dreschermäßiger Weis mit beiden Backen so gewaltig zuhiebe, daß ich mich darüber verwunderte. Er hatte allbereit eine Supp im Magen und vor[235] zwei Kraut und Fleisch allerdings aufgerieben[236], da ich hinkam, und fragte noch darzu nach einem guten Stück Gebratens, welches verursachte, daß ich ihn besser betrachtete; da sahe ich, daß er nicht nur zum Fressen, sonder auch an der Gestalt viel ein anderer Mensch war, als ich mein Lebtag jemals einen gesehen; dann von Proportion des Leibs war er so groß, als wäre er in Chili[237] oder Chica[238] geboren worden. Sein Bart war ebenso lang und breit als des Wirths Schiefertafel, dahin er der Gäste aufgetragene Zehrung annotirte; die Haupthaar aber kamen mir vor wie diejenige, die ich mir etwan hiebevor eingebildet, daß Nabuchodonosor dergleichen in seiner Verstoßung getragen habe. Er hatte einen schwarzen Kittel an von wüllenem Tuch, der gieng ihm biß an die Kniekehlen, auf ein ganz fremde und beinahe auf die alte antiquitätische Manier mit grünem Wüllentuch an den Näthen unterlegt, gefüttert und ausgemacht. Neben ihm lag sein langer Pilgerstab, oben mit zweien Knöpfen und unten mit einem langen eisernen Stachel versehen, so dick und kräftig, daß man einem gar leicht in einem Streiche die letzte Oelung damit hätt reichen mögen.
Ich vergaffte mich schier zum Narren über diesem seltzamen Aufzug, und indeme ich ihn je länger je mehr betrachtete, wurde ich gewahr, daß sein ungeheurer Bart ganz widersinns, das ist wider die europäischen Bärt geart und gefärbt war; dann die Haar, so ererst bei einem halben Jahr gewachsen, sahen ganz falb, was aber älter war, brandschwarz, da doch hingegen bei andern Bärten von solcher Farb die Haar zunächst an der Haut ganz schwarz und die übrige je älter je falber oder wetterfärbiger zu erscheinen pflegen. Ich gedachte der Ursach nach und konte keine andere ersinnen, als daß die schwarze Haar in einem hitzigen Lande, die falbe aber in einem viel kältern müsten gewachsen sein, und solches war auch die Wahrheit; dann nachdem dieser auf sein Gebratens warten und also mit dem Essen ein wenig pausiren muste, ließe ers über das Trinken gehen, da er dann nit weniger thun konte, als mir eins zuzubringen, wann er anders haben wolte, daß ihm jemand den Trunk gesegnen solte, weil ohne mich noch kein anderer Gast vorhanden; und demnach mir das Maul, welches die grausame Kälte ganz starrhart zugefrört hatte, auch nunmehr wieder ein wenig begunte aufzuthauen, sihe, da kamen wir gar miteinander in ein Gespräch, warin ich ihn zum allerersten fragte, ob er nicht ererst vor ungefähr einem halben Jahr aus India kommen wäre. Doch damit er keine Ursach haben möchte, zu antworten: was gehets dich an? brachte ichs meines Bedunkens gar höflich vor, dann ich sagte: »Mein hochgeehrter Herr beliebe meiner vorwitzigen Jugend zu vergeben, wann sie sich erkühnet zu fragen, ob derselbe nicht allererst vor einem halben Jahr aus India kommen.«