Er verwunderte sich, sahe mich an und antwortet: »Wann ihr sonst keine Nachricht und Kundschaft von meiner Person habt, als daß ihr mich jetzt das erste mal sehet, so messe ich euerer Jugend keinen Vorwitz, sonder einen rechtschaffenen Verstand und ein solches Judicium zu, welche beide ein Begierde in euch erwecken, dasjenig eigentlich zu wissen, was euer Verstand von mir gefaßt und das Judicium beschlossen habe; derowegen sagt mir zuvor, woraus ihr abgenommen, daß ich vor einem halben Jahr noch in India gewesen, so will ich euch hernach zu vernehmen geben, daß ihr von mir und meiner Reise recht geurtheilt.«
Als ich ihm nun sagte, daß mir die Haar seines Barts solches zu verstehen geben, antwortet er, ich hätte recht und damit an Tag gelegt, daß noch mehr als nur dieses hinter mir stecke.
Hierauf mahnet er mich, Bescheid zu thun. Dieweil er aber seinen Wein mixtirt, scheuete ich mich zu trinken; dann er hatte aus seinem Sack ein zinnern Büchse gezogen, in deren ein Electuarium[239] war, das allerdings dem Theriak[240] gleich sahe; aus derselben nahm er eine Messerspitze voll derselbigen Materi und mischets unter ein gemeines Trinkgläslein neuen Wein (dann er trank kein alten, sonder nur neuen Zweenbatzenwein), davon er so dick und gelb wurde, daß er schier einer widerwärtigen Purgation oder doch wenigist einem alten Baumöl sich vergliche. Wann er nun trinken wolte, so gosse er jederzeit ein einzigen Tropfen hiervon in das Glas, davon der milchfarbe neue Wein sich alsobalden veränderte, alle noch in sich habende unvergohrne faeces[241] zu Boden fallen ließe und wie ein alter abgelegner Wein von Farb dem Gold gleich erschiene. Er sahe wol, daß ich keinen sonderlichen Lust zu seinem Getränk trug, sagte derowegen, ich solte kecklich trinken, es würde mir nichts schaden; und als ich mich überreden ließe, den Wein zu versuchen, befande ich ihn so lieblich kräftig und gut, daß ich ihn vor Malvasier oder spanischen Wein getrunken hätte, wann ich nicht gesehen, daß es ein neuer Elsasser gewesen. Darauf erzählte er mir, daß er diese Kunst bei den Armeniern gelernet, und erwiese im Werk, daß ein alter abgelegener, sonst an sich selbst sehr köstlicher Wein, wie ich damal vor mir stehen hatte, von diesem Elixir, wie ers nennet, bei weitem nicht so gut wurde als ein gemeiner neuer; dessen gab er Ursach, daß der neue seine Kräfte noch völliger bei einander und, wie in etlichen Jahren dem alten geschehen, noch nichts darvon verloren hätte.
Wie wir nun so von dem Wein und dieser Kunst miteinander discurirten, da trat ein alter Kronzer[242] mit einem Stelzfuß zur Stuben hinein, den die eingenommene Kälte auch gleich wie mich zum Stubenofen triebe. Er hatte sich kaum ein wenig gewärmet, als er eine kleine Discantgeige hervorzog, dieselbe stimmte, vor unsern Tisch trate und eins daher striche, worzu er mit dem Maul so artlich humset und quickelirt, daß einer, der ihn nur gehört und nicht gesehen, hätt glauben müssen, es wären dreierlei Saitenspiel untereinander gewesen. Er war ziemlich schlecht auf den Winter gekleidet und hatte auch allem Ansehen nach keinen guten Sommer gehabt, dann sein magere Gestalt bezeugte, daß er sich mit den Schmalhansen betragen[243], und seine ausgefallene Haar, daß er noch darzu eine schwere Krankheit überstehen müssen. Der Schwarzrock, so bei mir saße, sagte zu ihm: »Landsmann, wo hastu dein anderes Bein gelassen?«
»Herr«, antwortet dieser, »in Candia.«
Darauf sagte jener: »Das ist schlimm.«
»O nein, nit so gar schlimm«, antwortet der Stelzer, »dann jetzt freurt[244] mich nur an ein Fuß, und ich bedarf auch nur einen Schuch und einen Strumpf.«
»Höre«, sagte der im schwarzen Rock ferner, »bistu nit der Springinsfeld?«
»Vor Zeiten«, antwortet dieser, »war ichs, aber jetz bin ich der Stelzvorshaus, nach dem gemeinen Sprichwort: Junge Soldaten, alte Bettler! Aber wie kennet mich der Herr?«
»An deiner artlichen Music«, antwortet jener, »als welche ich bereits vor mehr als dreißig Jahren zu Soest gehöret habe. Hastu nicht damals einen Cameraden gehabt unter denen daselbst gelegenen Dragonern, der sich Simplicius genennet?«