Springinsfeld muste sich ein wenig schämen und bat um Verzeihung; dann Simplici Mienen waren so ernsthaft und bedrohenlich, daß er einen jeden damit erschröcken konte. Ich aber sagte zu demselbigen: »Weil meines hochgeehrten Herrn Reden und Schriften voller Sittenlehren stecken, so muß ohne Zweifel diejenige Geschichte, deren er sich mit einem so herzlichem Gelächter erinnert, beides lustig zu hören und etwas Nutzlichs daraus zu lernen sein«, mit Bitte, er wolte sie doch ohnbeschwert erzählen.

»Nichts anders«, antwortet Simplicius, »lernet[256] sie, als daß einer, so jemand etwas Nöthiges fragt, solche Sprach und Wort gebrauchen soll, daß sie der, so gefragt wird, geschwind verstehe und in der Eil einen richtigen Bescheid darüber geben könne; sodann, daß einer, der gefragt worden, die Frag aber nicht eigentlich und gewiß verstanden, nit alsobald antworten, sonder von dem Fragenden, vornehmlich wann er von höherer Qualität ist, noch einmal seine Frag zu vernehmen gebührend begehren soll. Die lächerliche Histori ist diese. Als ich noch Page beim Gouverneur in Hanau war, da hatte er einsmals ansehenliche Officier zu Gaste, darunter sich auch etliche Weimarische befanden, denen er mit dem Trunk trefflich zusprechen ließe. Die Fremde und Heimische waren gleichsam in zwo Parteien unterschieden, einander wie in einer Battalia mit Saufen zu überwinden. Das Frauenzimmer stund auf und verfügte sich in sein Gemach, gleich nachdem man das Confect aufgestellt, weil ihnen mitzugehen die Gewohnheit verbote; die Cavalier aber sprachen einander so scharf zu, sich stehend vollends aufzufüllen, daß sich auch etliche mit dem Rucken an die Stubthür lehneten, damit ja keiner aus dieser Schlacht entrunne, welches mich an diejenige Marter ermahnet, darmit Tiberius[257], der römische Kaiser, viel Leut getödtet; dann wann er solche umbringen lassen wolte, ließe er sie zuvor zu vielem Trinken nöthigen, ihnen hernach die s. h. Harngäng dermaßen vernußbicklen[258], daß sie den Urin nicht lassen könten, sonder endlich mit unaussprechlichen Schmerzen sterben musten. Endlich entwischte einer, der damal kein größer Anliegen und Begierde hatte, als das Wasser zu lassen, und weil es ihn ohn Zweifel gewaltig drängte, liefe er wie ein Hund aus der Kuchen, der mit heißem Wasser gebrühet worden, in welcher Eil er mir zu seinem und meinem Unglück begegnete, fragende: «Kleiner, wo ist das Secret?»

»Ich wuste damal weniger als der Teutsche Michel[259], was ein Secret war, sonder vermeinte, er fragte nach unserer Beschließerin, welche wir Gret nanten, die sonst aber Margaretha hieße und sich eben damals beim Frauenzimmer befand, dahin sie die Jungfer rufen lassen. Ich zeigte ihm hinten am Gang das Gemach und sagte: ›Dort drinnen.‹«

»Darauf rennete er darauf los, wie einer, der mit eingelegter Lanzen in einem Turnier seinem Mann begegnet. Er war so fertig, daß das Thüraufmachen, das Hineintreten und der Anbruch des strengen Wasserflusses in einem Augenblick miteinander geschahe in Ansehung und Gegenwart des ganzen Frauenzimmers. Was nun beide Theil gedacht und wie sie allerseits erschrocken, mag jeder bei sich selbst erachten. Ich kriegte Stöße, weil ich die Ohren nit besser aufgethan; der Officier aber hatte Spott darvon, daß er nicht anders mit mir geredet.«


Fußnoten:

[246] Rebmann, Weinbauer.

[247] Kärst, zweizinkige Hacke, besonders zum Gebrauch in den Weinbergen.

[248] gerben, gar, fertig machen, speciell von Hülsenfrüchten: entkörnen, also doppelsinnig.

[249] röllen, durch Rollen enthülsen.