Das vierte Capitel.

Der Autor geräth unter einen Haufen Zigeuner und erzählet den Aufzug der Courage.

Ich sagte zum Simplicio, es wäre schad, daß er diese Histori nicht auch in seine Lebensbeschreibung eingebracht hätte; er aber antwortet mir, wann er alle seine so beschaffne Begegnussen hinein bringen hätte sollen, so wäre sein Buch größer worden als des Stumpfen Schweizerchronik[260]; überdas reue ihn, daß er so viel lächerlich Ding hinein gesetzt, weil er sehe, daß es mehr gebraucht werde, anstatt des Eulnspiegels die Zeit dardurch zu verderben, als etwas Guts daraus zu lernen. Darauf fragte er mich, was ich selbst von seinem Buche hielte, und ob ich dardurch geärgert oder gebessert worden wäre. Ich antwortet, mein Judicium wäre viel zu gering, entweder dasselbige zu schelten oder zu loben; und ob ich gleich nit wider das Buch, sonder ihn, Simplicissimum, selbsten schreiben müssen, dabei auch des Springinsfelds nicht zum rühmlichsten gedacht worden, so hätte ich doch das Buch weder gelobt noch getadelt, sonder damals gelernet, daß derjenig, so übermannet sei, sich nach derjenigen Willen und Anmuthung schicken müste, in deren Gewalt er sich befände. Als ich dieses gesagt und meiner Muttersprach nach ziemlich schweizerisch geredet, welche Mundart andere Teutsche vor grob, ja zum Theil gar vor hoffärtig und unhöflich zu halten pflegen, Springinsfeld aber solches mit angehöret, als welcher die Ohren wie ein alter Wolf spitzte, da ich ihn nennete, sagte er: »Potz grütz, du Gölschnabel! hätt ich di dußa, i wottar da garint[261] rüra!«

Aber Simplicius antwortet ihm: »Ich hätte schier gesagt: du alter Geck, es ist nit mehr um die Zeit, die wir zu Soest belebten[262] und unserm Muthwillen nach gleichsam über das ganze Land herrschten. Du must jetzt mit deiner Stelzen nach einer andern Pfeifen tanzen, oder gewärtig sein, wann du es zu grob machst, daß man dir einen steinernen oder wol gar einen spanischen Mantel[263] anlegt. In dieser freien Stadt stehet jedem zwar auch frei, zu reden was er will; wer aber über die Schnur hauet, der muß es auch verantworten oder büßen.«

Mich hingegen fragte Simplicius, wer oder was mich dann gemüßiget hätte, wider seine Person zu schreiben; und sonderlich verwundere ihn, daß auch neben ihm des Springinsfelds gedacht werden müssen, neben welchem er doch die Tage seines Lebens über drei Vierteljahr nicht zugebracht. Ich antwortet: »Wann ihm mein hochgeehrter Herr, wie ich mich dann keines andern versehe, die Wahrheit gefallen lassen und mir, was ich gethan, verzeihen, zumalen auch vor diesem importunen Springinsfeld, dessen Humor und ohngewichtiger Sinn mir vorlängst andictirt worden, versichern will, so will ich ihnen beeden so wunderliche Geschichten von ihnen selbsten erzählen, daß sie sich auch beede selbst darüber verwundern sollen, mit Versicherung, wann ich meinen hochgeehrten Herren von solchen löbl. Qualitäten beschaffen zu sein gewust hätte, als ich jetzunder vor Augen sehe, daß ich seinetwegen keine Feder angesetzt haben wolte, und solten mir gleich die Zigeuner den Hals zerbrochen haben.«

Ob nun gleich Simplicius ein groß Verlangen hatte, zu hören, was ich vorbringen würde, so sagte er doch zuvor: »Mein Freund, es wäre ein dumme Unbesonnenheit, ja wider alle Gerechtigkeit und die Darstellung eines tyrannischen Sinns, wann wir einander[264] strafen wolten um Sachen, die wir selbst begangen. Hat er in seinem Schreiben meine Laster gerüttelt, so übertrage ichs billich mit Geduld, dann ich habe andern die ihrige, doch, daß es ihnen an ihren Ehren nicht nachtheilig sein kan, unter fremden Namen, auch rechtschaffen durchgehechelt. Verdreust es diejenige, so ich getroffen, warum haben sie dann nicht tugendlicher gelebt, oder warum haben sie mir Ursach gegeben, solche Laster und Thorheiten zu tadlen, die mir, ehe ich sie gesehen, in meiner Unschuld ganz unbekant gewesen? Er erzähle nur her; ich versprich und versichere alles, was er von mir begehrt und gebeten.« Ich antwortet: »Ich möchte gleich reden oder schweigen, so würde doch bald weltkündig werden, was ich zu schreiben mich zwingen lassen müssen.«

Darauf wandt ich mich gegen dem Springinsfeld und fragte ihn, ob er in Italia nit eine Matresse gehabt, die Courage genant worden. Er antwortet: »Ach die Bluthex! Schlag sie der Donner! Lebt das Teufelsviehe noch? Es ist kein leichtfertigere Bestia seit Erschaffung der Welt von der lieben Sonnen niemal beschienen worden!« »Ei, ei«, sagte Simplicius zu ihm, »was seind das abermal vor leichtfertige unbesonnene Wort?« Zu mir aber sprach er: »Ich bitte, er fahre doch nur fort, oder er fahe doch vielmehr an zu erzählen, was ich so herzlich zu hören verlange.«

Ich antwortet: »Mein hochgeehrter Herr wird sich bald müd gehört haben, dann dieses ist eben diejenige, deren er im sechsten Capitul des fünften Buchs seiner Lebensbeschreibung selbst gedacht hat.«