»Es gilt gleich«, antwortet Simplicius, »er sage nur, was er von ihr weiß, und schone meiner auch nit!«
Auf solches erzählete ich folgender Gestalt, was Simplicius wissen wolte.
»Gleich auf nächstverstrichnem Herbst, da es, wie bekant, einen ausbündigen Nachsommer setzte, war ich auf dem Weg begriffen, mich aus meinem Vatterland gegen dem Rheinstrom, und zwar auf hieher zu begeben, entweder als ein armer Schüler Präceptorsweis, wie es hier gebräuchlich, meine Studien fortzusetzen, oder auf Recommendation meiner Verwandten, von denen ich zu solchem Ende Schreiben bei mir hatte, einen Schreiberdienst zu bekommen. Da ich nun auf der Höhe des Schwarzwaldes von Krummenschiltach[265] hieherwarts wanderte, sahe ich von weitem einen großen Haufen Lumpengesindel gegen mir avanzirn, welches ich im ersten Anblick vor Zigeuner erkennete, mich auch nicht betrogen fande; und weil ich ihnen nit trauete, verbarg ich mich in eine Hecke, da sie zum allerdicksten war. Aber weil diese Bursch viel Hunde, so wol Stäuber[266] als Winde bei sich hatten, spürten mich dieselbige gleich, umstellten mich und schlugen an, als wann ein Stück Wildbret vorhanden gewest wäre.« »Das höreten ihre Herren alsobalden und eileten mit ihren Büchsen oder langen Schnaphahnen-Röhren auf mich zu. Einer stellte sich hieher, der ander dorthin, wie auf einem Gejaid[267], da man dem bestäten[268] und aufgetriebenen Wild aufpasset. Als ich nun solche meine Gefahr vor Augen sahe, zumalen die Hunde auch allbereit an mir zu zwacken anfiengen, da fieng ich auch an zu schreien, als wann man mir allbereit das Weidmesser an die Gurgel gesetzt hätte; hierauf liefen beides Männer, Weiber, Knaben und Mägdlein herzu und stellten sich so werklich[269], daß ich nicht schließen konte, ob mich das garstige Volk umbringen oder von den Hunden erretten wolte. Ja ich bildete mir vor Forcht ein, sie ermordeten die Leute, die sie dergestalt wie mich an einsamen Orten betreten, und zehrten sie hernach selbst auf, damit ihre Todtschläge verborgen blieben. Es gab mich auch wie noch[270] Wunder, und ich verfluchte das Zusehen derjenigen, denen das Wild und die jagdbare Gerechtigkeiten zuständig, daß sie ihre Länder mit bei sich habenden Hunden und Gewehr von diesem beschreiten Diebsgesindel also durchstreichen lassen!«
»Da ich mich nun solchermaßen zwischen ihnen befande wie ein armer Sünder, den man jetzt aufknüpfen will, so daß er selbst nicht weiß, ob er noch lebendig oder bereits halb todt seie, sihe, da kam ein prächtige Zigeunerin auf einem Maulesel daher geritten, dergleichen ich mein Tage nicht gesehen, noch von einer solchen gehöret hatte, wessentwegen ich sie dann, wo nicht gar vor die Königin, doch wenigst vor eine vornehme Fürstin aller anderer Zigeunerinnen halten muste. Sie schiene eine Person von ungefähr sechzig Jahren zu sein, aber wie ich seithero nachgerechnet, so ist sie ein Jahr oder sechs älter. Sie hatte nicht so gar wie die andere ein pechschwarzes Haar, sonder etwas falb, und dasselbe mit einer Schnur von Gold und Edelgesteinen wie mit einer Kron zusammen gefaßt, an dessen Statt andere Zigeunerinn nur einen schlechten Bendel oder, wans wol abgehet, einen Flor oder Schleier oder auch wol gar nur eine Weide zu brauchen pflegen. In ihrem annoch frischem Angesicht sahe man, daß sie in ihrer Jugend nicht häßlich gewesen. In den Ohren trug sie ein Paar Gehenk von Gold und geschmelzter Arbeit[271], mit Diamanten besetzt, und um den Hals eine Schnur voll Zahlperlen[272], deren sich keine Fürstin hätte schämen dörfen. Ihre Serge[273] war von keinem groben Teppich, sonder von Scharlach und durchaus mit grünem Plüsch-Samet gefüttert; nebenher aber, wie ihr Rock, der von kostbarem grünem englischen Tuch war, mit silbernen Passamenten verbrämt. Sie hatte weder Brust noch Wams an, aber wol ein Paar lustiger[274] polnischer Stiefel; ihr Hemd war schneeweiß, von reinem Auracher Leinwat[275], überall um die Näthe mit schwarzer Seiden auf die böhmische Manier ausgenähet, woraus sie hervor schiene wie eine Heidelbeer in einer Milch. So trug sie auch ihr langes Zigeunermesser nicht verborgen unterm Rock, sondern offentlich, weil sichs seiner Schöne wegen wol damit prangen ließe; und wann ich die Wahrheit bekennen soll, so bedunkt mich noch, der alten Schachtel seie dieser Habit sonderlich zu Esel (hätte schier: zu Pferd, gesagt) überaus wol angestanden, wie ich sie dann auch noch biß auf diese Stund in meiner Einbildung sehen kann, wann ich will.«
Fußnoten:
[260] Johann Stumpf, geb. 1500, gest. 1566 zu Zürich. Seine Schweizer Chronik, 1548, ist ein umfangreicher Foliant.
[261] garind, grind, Kopf.
[262] belebten, verlebten.
[263] spanischer Mantel, ein schwerer Zuber mit einem Loch im Boden, den der Delinquent tragen mußte; mit einem steinernen Mantel ist das Gefängniß gemeint.