Zwei Nächte später sitzt er, das Gesicht noch etwas zerschunden, das Nasenbein angeschwollen vom Falle, in der Manhattan-Bar. Allein. Trinkt. Scharfe giftige Getränke, die reizen, nicht einschläfern. Vor dem Schlafe fürchtet er sich und meidet ihn seit Tagen. Das Wachsein in seinen entsetzlichsten Formen ist nicht so grauenvoll wie das Erwachen nach dem Schlaf. Um dieser zwei Minuten Erwachens willen bleibt er lieber schlaflos.

Ihm gegenüber am nächsten Tische sitzt eine schöne, lauernde Dirne mit glitzernden Nägeln und einem phantastischen Reiher im irrlichternden Haar. Sie lächelt süß und mädchenhaft. Der Alfons an ihrer Seite blickt frostig und würdevoll und taxiert seine graue Hemdperle.

Er trinkt seinen Cocktail und lauscht, dem Weibe abgeneigt, gedämpften Orchesterklängen, die dem Publikum einzureden suchen, »ein Mäderl müßt' es sein, ein Mäderl lieb und fein.«

Aber siehe, durch die lange Zeile zwischen den weißgedeckten, runden, kleinen Tischen stürzt ein Strom von Harmonie und trägt ihn liebend hoch, die bunten, verschleierten Glühblumen an der Decke beschreiben feurige, kristallene Kreise, das Weltall steht in Musik. Und das Barorchester wird hymnisch und stimmt einen gregorianischen Choral an. Ohne die Augen aufzuheben weiß er jeden Schritt, den sie näher tut, weiß um ihr Vorbeigehen und daß sie jetzt vorüber ist, daß er wieder aufschauen kann, und empfängt eben noch den höflich devoten Gruß des Barons und zweier ihn begleitenden Offiziere, von denen der eine, ein »Freund«, ihn ansprechen will, doch sichtlich erschrocken den an seiner Stirne abprallenden Vorsatz aufgibt und der übrigen Gesellschaft folgt.

Nun sitzt sie, fünf Schritte von ihm entfernt, in einer Loge. Blicklos weiß er, daß sie das türkisfarbene Kleid trägt, sein liebstes. Sie sieht ihn an, er spürt es und alles Blut hört auf durch sein Geäder zu gehen, sein Herz schlägt hart und laut ins Leere. Er wird jetzt aufstehen und zu ihr hingehen – Irrsinn, stürzen zu ihr, alles niederreißen, fortschleudern, was im Weg ist, vor ihr niederfallen, heulend den Kopf in ihren Schoß werfen –! Er wird es – er hebt sich auf, etwas mühsam, einem Rückenmarkleidenden ähnlich, dem die eigenen Beine lächerlich fremd sind, wendet halb den Kopf, sieht ihren Blick dem seinen entgegenfliegen, aber den Ausdruck zu erkennen vermag er nicht mehr, vor seinen Augen ist Dunst, Rauch und Schwefel. Eine Wolke Haß und Hölle blendet und erstickt ihn. Trüb und zwinkernd glotzen seine Augen hindurch. Nur schlagen, treffen, bluten machen – Fangstoß!

Und da sieht er, fast verwundert, daß er schon an dem Tisch der kleinen glitzernden Kokotte steht und hört sich ganz ruhig sagen: »Darf ich mich an Ihren Tisch setzen, Gnädigste? Sie gestatten? Mein Name –« und nimmt triumphierend und zerbrochen Platz.

In dieser Nacht ist es, daß ihn »der Traurige«, den er die ganze Zeit unsichtbar um sich gefühlt hat, zum ersten Male besucht.

Er hat die Hetäre ins Bristol begleitet, liebevoll der hellgelben Paquintoilette entledigt und sich – trotz schönster Beine unter einem Anhauch von Seidenstrümpfen – ohne jede Berührung nach reicher Entlohnung entfernt.

Es ist drei Uhr morgens und der erste Dezemberschnee flimmert seraphisch durch die schweigende Nacht. Er entläßt den schlafwarmen, nachtschweißigen Diener und betritt sein Arbeitszimmer. Das elektrische Licht überflammt es weiß und geheimnislos. An dem dunklen, eingelegten Tisch in der Mitte des Raumes sitzt der Traurige. Er hat die Züge Dantes und trägt ein Gewandstück, das ein Mittelding zwischen Frackmantel und Kutte ist.

Secundus ist weder erschrocken noch erstaunt. Er grüßt still, bringt das Licht zum Schweigen und läßt sich der Erscheinung gegenüber nieder. Bewundernd betrachtet er die überaus schönen florentinischen Hände des Gastes, die schmucklos und ruhig auf dem dunklen Holz der Tischplatte liegen, wie angeheftet an das Holz.