Er küßt ihre schmale, entartete Hand: »Fürstin!«
Aber dann, da das Brausen des steinernen Meeres, eingefangen in der mißtönenden Muschel, an sein Ohr schlägt, da Ruf und Gegenruf sich antworten, Laute aus Lärm sich ballen und endlich aus schwarzen Wogen Getöses ein nackter, blendender Engel ihre Stimme steigt und elektrische Wellen die Todesbotschaft an ihr unbereites Ohr schwingen, läßt er den Hörer fallen und entstürzt, von wütendem Grausen geschüttelt, die abgetretene Treppe hinab.
Sein Auto rast durch den Mittag, endlose, zum Erbrechen volle Vorstadtstraßen durch. Die Menschheit wimmelt dem Mittagessen entgegen, das Leid der Kreatur erstickt im Suppendampf. Ladenmädchen, von verseuchten Jünglingen gefolgt, lüften unreinliche Jupons, verschimmelte Beamte eilen speisegeil nach Hause, aus einem Fabrikstor donnern dunkel und geschunden Arbeiter auf das Pflaster.
Sein gemartertes Herz grüßt sie mit tausendfacher Liebe. Er läßt das Auto kehren, fährt dann in rasendster Eile zur Bank und bestimmt dort die Satzungen einer Einmillionenstiftung für kranke Arbeiter und erwerbsunfähige Prostituierte. Und fühlt sich nicht entsühnt, vermag seine stürzende Seele nicht an das gute Werk zu klammern, das fremd und leuchtend ihm entschwebt, saust tiefer, gräßlicher und fühlt den Druck eines Meeres auf seinem keuchenden Leib.
Tage und Nächte vergehen. Wie? Wer weiß es? In Kleinlichstem, Unwichtigstem. Der große, strahlende Gottestag – der jungfräuliche Marmorblock, den seine Seele jeden Morgen umarmt hat, demütig wartend, wie die Hand der Mächte ihn formen würde – zerrieben in Minuten und Sekunden von Alltäglichkeit, Vorbereitungen zur Hochzeit, ein paar Diners, Spiel im Klub, bei dem er lächerlich hohe Summen gewinnt, und nichts, nichts, nichts – der Abgrund, durch den er geschlossenen Auges immer weiter sinkt – mit pfeifender, gellender Seele.
Manchmal glaubt er sich endlich wahnsinnig und lächelt dumm und tragisch. Aber dann wirft er angeekelt auch diese Pose von sich und weiß sich alles unendlich wachen Sinnes erleben, weiß, daß er sein Erleben fest in der Hand hält, furchtbaren Willens gestaltet, und weigert sich, den Dichter zu spielen, der sein eigenes Erleben zum schlechten Drama geformt noch obendrein gerührt und weinend für die Bühne inszeniert.
Nur wenn der Diener die Post überreicht oder der Telephonapparat auf dem Schreibtisch ihn anschrillt, erschrickt er und – völlig gefaßt, zwar wissend, daß kein Wunder geschehen kann – erwartet er es dennoch mit der tierischen Andacht des Negers, der, eine weiße Maske vor dem Gesicht, seinen Fetisch umtanzt.
Von ihr weiß er nichts mehr. Nur daß sie lebt. Und wünscht sie tot, um tot zu sein.
Er verläßt spät das Palais durch einen Seitenausgang und wirft sich in die Gassen. An den Himmel gekreuzigt stirbt grandios und blutig der Abend. Gott geht riesig und dunkel durch die Stadt, über Häuser und Dome bricht sein Schatten herein, Schlotrauch umweht, gerade aufsteigend, seine schwebende Stirne.
Ehrfürchtig entweicht Secundus in eine schmale Seitengasse. Ein geschlossener Wagen rollt langsam an ihm vorbei. Hinter dem Coupéfenster erkennt er, vom Licht einer eben entzündeten Gaslaterne magisch umwölkt, ihr Antlitz. Der Wagen ist an ihm vorbeigefahren. Lautlos fällt er, mit der Stirne voraus, auf das Pflaster. Den Beschmutzten, Blutenden richtet ein von der Ecke herbeieilender Schutzmann auf und hilft ihm in einen Taxameter, der ihn nach Hause bringt.