»Von drei Stufen der Liebe spricht ein wissender Meister. Zum ersten scheidet die Liebe, das ist der Tod, den Menschen vom Vergänglichen, von Freunden, Gut und Ehren, daß er nichts mehr besitzt noch benützt um seinetwillen. Ist dies erreicht, fängt die Seele alsbald an zu suchen und auszuschauen nach den geistigen Gütern, nach Andacht, Gebet, Tugend, Verzückung, nach Gott. Und diese Freuden sind nun der Seele so lieblich, daß sie viel widerwilliger von ihnen scheidet als von den irdischen. Aber dies ist nur der Anfang von dem, was die Liebe wirkt. Denn ist sie wirklich »stark wie der Tod«, so wirkt sie weiter, daß die Seele auch vom geistigen Trost Abschied nimmt, daß der Mensch sich darein ergibt, für Gott alles im Stich zu lassen, woran seine Seele bisher Lust gehabt hat, daß er Gott um Gottes willen fahren läßt und sich Gottes um Gottes willen entschlägt. Denn wie könnte man Gott Besseres und Köstlicheres zum Opfer bringen als um seinetwillen ihn selber? Dies ist die zweite Stufe. Aber die dritte, die noch viel stolzer und vollkommener die Seele emporträgt ans letzte Ziel, der letzte Grad, den die Liebe wirkt, die da stark ist wie der Tod und das Herz bricht, der ist, daß die Seele auf ihr ewiges Leben Verzicht leiste, auf alles, was sie von Gott und seinen Gaben besitzen könnte, daß die Hoffnung auf das ewige Leben in Gott sie hinfort nicht rühre, noch erfreue, noch ihre Mühsal leichter mache! Hier hast du die Formel für dich und mich.«
»Dies wäre das Letzte?«
»Da ich die Cherubaugen von Gott wandte, liebte ich ihn am höchsten. So liebte ich Gott, daß ich nicht mehr mich zum Opfer brachte – was hätte das gewogen? – sondern ihn in mir. Denn dies ist die letzte Liebe, die nicht mehr liebt, um geliebt zu werden – das ertrüge sie bereits nicht mehr – sondern sich verbirgt und mit Steinen wirft, um gehaßt zu werden. Unseren Feinden Böses zu tun, was ist da Großes dabei? Tun das nicht auch die Zöllner? Aber die wir lieben zu hassen und zu beleidigen, um nicht mehr wohlgefällig in ihren Augen zu sein, das ist das Stärkste und Äußerste. Mit dieser Sünde erst trittst du aus dem Bereich der Gnade, denn wer selbst auf das ewige Leben Verzicht leistet, stellt sich außerhalb Gottes und Gott vermag nicht mehr in ihm zu wirken.«
»Das war es, daß du abfielst?«
»Daß du und ich abfielen. Um des Guten willen tat ich das Böse, da Gott das Leben schuf, baute ich den Tod aus Mörtel und Lehm, um Gottes willen ward ich der – andere.«
»Und so tat auch ich?«
»Du hattest die große Liebe. Darum wardst du zum Empörer gleich mir.«
»Und es gibt keine Hoffnung?«
»Hegte ich sie, wäre das Opfer vollkommen? Wenn du gemordet hast, wirst du bei der Leiche hocken und hoffen, daß sie dir die Hand reicht?«
»Wenn aber Gott es erkennte? Wenn seine Liebe so groß wäre, daß sie auch das Opfer in sich fassen könnte und über dich hinauswüchse und dich zu sich zöge, trotz deiner Verneinung?«