In dem rasch gekauften schnellsten Kraftwagen der Stadt wirft er, selbst steuernd, sich an die Grenze von Graubünden. In dem Kanton ist der Automobilverkehr untersagt. Er muß mit der Bahn weiter. Spät am Abend ist er in Davos. Blick in die Kurliste weist ihm das Belvedere. In der Nacht begibt er sich hin, nimmt unter falschem Namen ein Zimmer in der Nähe ihres – schlau erkundeten – Appartements. Verläßt es nicht mehr bis ein Uhr nacht. Dann tastet er sich durch den verdunkelten Gang zu ihrer Türe. Ihre Schuhe – sehr schmale, längliche, hohe Schuhe mit dunkelgrauem, ganz weichem Lederbesatz – stehen vor der Türe. Aber nicht wagend, ihre Schuhe zu berühren, legt er – lang hingestreckt – die Stirne auf die Schwelle der Türe und küßt den vielleicht von ihr berührten Boden. Witterung eines Menschen macht ihn auffahren. Hinter ihm grinst aus dem Dunkel die devot geile Fratze eines verspäteten Zimmerkellners. Ein Schlag an die Schläfe wirft das Gesicht betäubt auf den roten Teppichläufer. Den Hingestreckten packt Secundus an den Beinen und schleift ihn lautlos durch das lange Dunkel. Die Türe zu einem Liftschacht steht zufällig offen. Der Abgrund dreier Stockwerke gähnt herauf. Im Begriff, den befrackten Fremdkörper hinunterzuschmeißen, läßt er plötzlich angeekelt los. Mit in den Schacht hinabbaumelnden Beinen bleibt die leblose Hemdbrust liegen. Durch um seinen Leib zusammenschlagende Finsternis bricht Secundus in sein Zimmer zurück.
Mit dem ersten Morgenzug fährt er nach Paris weiter. Die Fürstin hat sich inzwischen von einem Liftboy entjungfern lassen und teilt ihm dies mit. Er nimmt es zur Kenntnis und gibt seiner Teilnahme für den Liftboy Ausdruck.
Nach Wien zurückgekehrt finden sie die Saison auf ihrem Höhepunkt. Premièren, Redouten, Soupers, musikalische Soiréen mit Bridge. Das Tempo ist entsetzlich schnell, der Rhythmus häßlich und stampfend wie der einer Lokomotive, die abwechslungshalber von Zeit zu Zeit schrille Pfiffe ausstößt. Zwischen den Rädern ballen sich Leichenklumpen. Jüdinnen reiten durch den Prater, Kommerzialräte verbrüdern sich mit Aristokraten, die Rammelei ist groß und man wahrt Formen, die keine mehr sind.
Er gibt große Feste in seinem Palais. Feste, die auch mit seinem Vermögen nicht im Einklang stehen. Die Nhilius sind nicht mehr geladen. Dies fällt auf. Der früher sehr intime Verkehr mit dem Emporkömmling und der zu schönen Frau ist schon längst in der »Gesellschaft« verurteilt worden. Viele andere »tonangebende« Salons (o Worte des Ekels!) folgen dem Beispiel. Die es nicht tun, veranlassen Secundus' Anspielungen auf die Baronin dazu. Sie wird fallen gelassen. Die giftige Atmosphäre des Skandals liegt dunstig um die Reine.
Ein alter, etwas lächerlicher Diplomat, der viel bei den Nhilius verkehrt hat, nimmt sich ihrer an und stellt Secundus zur Rede.
»Ihr Benehmen ist nicht so, wie es sich einer Dame gegenüber gehört.«
»Sie meinen –?«
»Sie haben diese Frau durch bewußte Verleumdungen um ihren Ruf gebracht. Ich finde das – zum mindesten – mauvais genre.«
»Sie sind siebenzig, lieber Graf.«
»Leider. Das verbietet mir anders für diese Dame einzutreten.«