Er läßt es zu Boden gleiten, gerade vor die Türe, kniet nieder und küßt das lang herabhängende kühle, seidige Ohr. Dann geht er aufgestellten Kragens. Der Morgen ist sehr kalt.
Es ist eine Wohnung im zweiten Stock eines alten Hauses der inneren Stadt. Alte Wohnung in einem alten Haus einer alten Gasse. Die Wände des Treppenhauses sind frisch getüncht, aber die Stufen hoch und ausgetreten. Mürrischer, verrunzelter Stein. Er drückt auf den Knopf des elektrischen Läutewerkes, das störend und fremd wirkt. Noch fremder ein Gesellschaftstelephon in dem engen, wenig belichteten Vorzimmer, zu dem eine uralte, verdummte Magd die Tür öffnet.
»Die Exzellenz? Die gnädige Exzellenz seien nicht zu Hause, aber das gnädige Fräulein Tochter würden gewiß empfangen.«
Er tritt ein. Durch eine schmale Tür in unheimlich dicker Mauer. Die Luft des sehr hohen Zimmers ist bitter und staubig. Unter halb herabgelassenen Jalousien, zwischen halb zur Seite geschobenen schweren Stores bricht – Staub auftanzen lassend – graues muffiges Sonnenlicht herein. Wohin es fällt, Sammet, Teppiche, verblichene Seidenpölster, etwas fleckige Plüschmöbel, etwas blinde Spiegel, Bilder im Makartstil mit ausgegangenen Farben, vertrocknete Bukette in imitierten Vasen, kein Fuß Wand, kein Fuß Diele frei von Plüsch, Teppichen und Bildern. Und Nippes, Nippes in erschreckenden Quantitäten. Über einem breit ausladenden Kanapee ein stark gedunkeltes Porträt des Großvater-Feldzeugmeisters. Peinliche Erinnerungen an 59 und 66 steigen auf. Das Urbild des alten Generals – Radetzkyschule – der zehn Attacken reiten und keine Schlacht gewinnen konnte. Um ihn Türkensäbel und Reiterpistolen mit gezogenem Lauf malerisch gruppiert. Das Zimmer wirkt als Ganzes, als müßte sein bloßes Vorhandensein in dieser stillen Gasse und diesem ruhigen Hause durch furchtbare Ausstrahlung ungeahnter Kräfte lähmend auf allen Verkehr und alles Vorwärtskommen in hundert Quadratmeilen Entfernung wirken.
Secundus bleibt stehen und klopft leicht, gedankenlos, gewohnheitsgemäß den Staub aus der Lehne des riesigen, unheimlich tiefen Fauteuils, in den er sich dann setzen wird. Er vermag nichts zu denken. Das halbe Licht, die völlig staubgesättigte Atmosphäre, die verzeichneten Götter auf den antikisierenden Bildern üben selbstverständliche, erschlaffende Suggestion auf ihn aus. Jegliche Gefühlsregung muß mangels Resonanz in diesen Tapeten ersticken.
Betäubende Ruhe sinkt über ihn. Ekstasen, ungeheurer, tobender Gefühlsrausch verrieselt wie Sand, wird Moder, der vom Wind angeblasen zerstiebt.
In müder Gespanntheit hängen seine Blicke an sich öffnender Türe. »Das gnädige Fräulein« treten ein. Es ist schwarz gekleidet – die Trauer um den verstorbenen Feldmarschalleutnant-Vater – schlank, groß, edel, weiß und böse.
Die etwas schütteren Brauen leicht emporgezogen begrüßt sie ihn. Er verbeugt sich und spricht, scharf betonend, als richte er einen höheren Auftrag aus: »Ich bitte Sie um Ihre Hand, Sabine.«
Beherrschtes Erstaunen erwidert seinen Worten. Aufflammender Blick wird mit wahnsinniger Selbstzucht niedergehalten, Mondkühle über das weiße Gesicht gebreitet. Nur die Nüstern beben gierig und bereit.
»Nehmen Sie Platz, Fürst.« Der sonst gebrauchte Vorname wird fallen gelassen, behutsame Konvention scheint am Platze. Das Niedersetzen, leichtes Überschlagen des rechten Beines, unmerkbares Glätten der Kleidfalten gewährt Gelegenheit, sich zu sammeln, die kreisenden Gedanken zu ordnen.