»Ich liebe dich. Nichts mehr, was uns trennt, kein Schatten zwischen uns. Über unseren Häuptern die Luft brennt von Glück. Schwere bindet uns nicht mehr. Soll ich fliegen? Jetzt, vom Lager auf, drei Fuß über dem Boden?«

»Ach du! Unerhört Geliebtester!« Sie lacht, lacht wie ein tolles Kind und küßt hunderttausendmal seine Haare.

»Morgen kommt er zurück –. Ich suche ihn auf – morgen, nein, das ist heute noch – zu Mittag. Spreche mit ihm. Du sollst nichts, nichts damit zu tun haben, er gibt dich frei. Wie sollte er nicht? Du bereitest das Nötigste vor, wegzugehen. Du sollst ihn nicht wiedersehen. Nach der Unterredung rufe ich dich an, wie immer sie ausfällt. Dann gehst du – kommst – zu mir!«

»Das alles – und das ist wirklich?«

»In zwei Monaten bist du meine Frau – Und dann fort – ganz, ganz weit fort, auf Jahre werfen wir uns in die Welt. Indien. Java. Japan. Yokohama und Singapore. Die Dschungeln. Der Orinoco. Die Wüste. Das Meer. Panther und Schlangen um uns. Böse gelbe und gute, demütige schwarze Menschentiere unsre Gesellschaft. Wir rauben eine Dschunke und treiben Piraterie in der Südsee. Denk' das alles –!«

Stunden kreisen, Welten altern. Geburt und Sterben ist in der Nacht. Kleine Kinder überwinden Fieberkrisen, Studenten stehen wüst und durstig von Dirnenbetten auf, Succubi mit pompösen Brüsten besuchen einen Einsiedler, in Grabkammern altern weißüberpuderte Skelette.

Um sie ist wieder das Zimmer. Stumpf und weiß tastet Morgenlicht in den todesdunklen Raum.

Der Abschied ist voll namenlosen, betäubenden Schmerzes. Zwölf Stunden Trennung sind vor ihnen, eine Zeitmasse, eine graue, gallertige Masse, ein unübersehbares Tangmeer Zeit, in das sie sich stürzen müssen. Und die träge Masse hindert Tempo und Kampf, sie müssen sich ergeben und – warten.

Er ist gegangen. Die letzte Türe schließt er hinter sich, er steht im Garten. Hart und herbstlich sind alle Konturen. Dünne weiße Nebelfäden hängen sich an seinen Überrock. Ein großer schwarzer Hund kommt langsam und fröstelnd durch den erstorbenen Garten auf ihn zu, erkennt ihn und reibt stumm den riesigen Kopf an seinem Knie. Da erwacht er erst ganz, erst furchtbar. Beugt sich herab und streichelt mit sinnloser Zärtlichkeit das schwarzzottige Fell des Tieres. Der Hund wedelt zweimal, dreimal schwach und meint, daß der Morgen häßlich, Gott aber doch gut sei.

Der Herr nickt und zieht ein Fläschchen aus der Tasche, entkorkt es vorsichtig und schüttet ein paar Tropfen auf sein Taschentuch. Der penetrante saure Geruch macht das Tier zittern. Mit einer Hand hält er den schönen, schweren Kopf fest und drückt mit der andern das Tuch auf die Schnauze des Tieres. Es stirbt ganz ruhig und schmerzlos.