Immer wieder, namentlich von französischer Seite, ist ein derartiger Zusammenhang, will sagen eine ständig wachsende Abhängigkeit Verrocchios von den künstlerischen Idealen Leonardos behauptet worden. Wie sehr mit Unrecht, haben hoffentlich die vorhergehenden Kapitel dargethan. Die Entwickelung Verrocchios vollzieht sich so naturgemäß, so zwingend logisch allein aus seiner künstlerischen Veranlagung, daß ein Eingriff des höheren Genies Leonardos unnötig, ja zweckwidrig erscheint. Wer ohne einen solchen nicht auszukommen vermeint, hat wie ein schlechter dramatischer Dichter den Charakter seines Helden geknickt, statt ihn in ansteigender Linie folgerichtig zu entwickeln.
Was in Verrocchios Kunst ringt und sich befreien möchte, ohne die Fesseln ganz abstreifen zu können, dieser ungemeine Geist, der „nach einer strengeren und tieferen Begründung“ strebte — das gerade macht ihn uns Deutschen verständlich und liebenswert. Ist doch diese Verkettung starken Talentes mit fast wissenschaftlicher Grübelei das Merkmal deutschen Kunstschaffens von jeher gewesen. Solche Talente, suchende Arbeiter, schaffen nicht in erster Linie für den Genießenden, wie sie selbst in der bloßen schönen Erscheinung nicht Befriedigung finden. Sie schleppen schwer an ihren Gedanken. Auch im besten Falle sind sie ein Übergang, eine Brücke, un ponte sopra del quale se passa cum destrezza, wie der alte Giovanni Santi gedichtet hat. Sie sind Pflüger und Säemann, deren Aussaat von dem Boden abhängt, auf den sie fällt. War dieser Boden fruchtbar Ackerland, so ist ihr Los zurückzutreten wie der Landmann, den von dem wohlbestellten Felde die Stunde des Aveläutens heimruft.