Abb. 78. Die büßende Magdalena.
Thonstatuette, alt bemalt und vergoldet.
Berlin, Königl. Museen.
Mit Credi und mit Perugino weilt endlich auch der in Verrocchios Werkstatt, für den das Wort Dantes von Homer gilt „sovra gili altri com’ aquila vola“: Leonardo da Vinci. Vasari wußte wohl, was er that, als er mit der Einführung dieses unbestreitbar größten italienischen Künstlers einen neuen Abschnitt seines biographischen Werkes begann. Das Proömium, mit dem Vasari diesen neuen dritten Teil einleitet, schildert in raschem Rückblick noch einmal das mühevolle Hinauf; dann öffnet sich die weite Gipfelschau über das gelobte Land der Hochrenaissance. Und als erste Gestalt eines voll entwickelten Hochrenaissancemeisters tritt Leonardo auf. Seine Verdienste werden ins hellste Licht gesetzt: die überirdische Anmut, die Beseelung der Gestalten, die reiche Fülle der Formen, der zarte Schmelz des Kolorits. Kein Hinweis auf Verrocchio, bei dem das alles wie in Keimzellen vorgebildet liegt. Kein Lob dieses Meisters, dessen größter Ruhm es fortan bleibt, einen solchen Schüler herangebildet zu haben. Mit einem Hochgefühl, als habe er thätig mit eingegriffen, rühmt Vasari die Überwindung „jener trockenen, scharfen und harten Methode“ der Quattrocentokünstler mit ihrem fast eigensinnigen Hang für das schwer Ausführbare und noch dazu oft Ungefällige. Dieser künstlerisch einseitige Standpunkt allein macht Vasaris Urteil über Verrocchio begreiflich: hier habe Studium und Fleiß, wie bei keinem anderen Künstler, die Mängel natürlicher Begabung ausgeglichen.
Abb. 79. Werkstatt des Verrocchio. Engel mit dem (ausgebrochenen) Wappen der Stadt Pistoja. Marmor. Im großen Saal des Stadthauses zu Pistoja.
Dem Historiker erscheint der eine, Verrocchio, nur die unbedingte Vorstufe zum anderen, Leonardo, weil die Natur keine Sprünge macht. Was bei dem Lehrer Ansatz war, entwickelt sich zu voller Blüte beim Schüler. Oft ist es, als sei Verrocchios ganze Kunstwelt ein Mikrokosmus von Leonardos künstlerischem Weltall. Wir haben von den wissenschaftlichen Studien Andreas gehört, von seiner Beschäftigung mit der Musik, seinen genauen technischen Kenntnissen auf allen Gebieten künstlerischen Schaffens, und wir begreifen, daß nur in seiner Werkstatt Leonardos Genie den rechten Nährboden finden konnte.
Für einen so regen, unruhig suchenden Geist wie Leonardo boten indessen auch diese Werkstatt und dieser Lehrer Gefahren. Die Mannigfaltigkeit der einlaufenden Aufträge lockten die Wißbegier von einem technischen Gebiet aufs andere hinüber. Verrocchios in allen Angelegenheiten des Handwerks pedantische Gründlichkeit vererbte sich wohl auf Leonardo, zugleich aber auch eine launenhafte Zersplitterung der Arbeitskraft, ein Hang zu theoretischen Grübeleien, zu technischen Spekulationen.
Von einem persönlich innigeren Verhältnis der Künstler untereinander verlautet nichts. Wenn aber Leonardo noch als in die Zunft eingeschriebener Meister Jahre hindurch bei Verrocchio bleibt, so darf, auch in Anbetracht der liebenswürdigen Umgangsformen Leonardos, auf ein gutes Einvernehmen geschlossen werden, das Vasari umsonst mit der Eifersucht des Älteren zu trüben versucht hat. Die künstlerische Verbindung der beiden ist so eng gewesen, daß die Kritik noch heute oft im unklaren ist, wem von ihnen gewisse kaum zu unterscheidende Werke angehören müssen.
Für unseren Zweck tritt indessen die Frage nach der Abhängigkeit Leonardos von Verrocchio zurück gegen die nach der Rückwirkung des genialen Schülers auf seine Umgebung.
Für die jungen Leute, die mit Leonardo bei Verrocchio thätig waren, steht eine solche künstlerische Rückwirkung fest. Ohne Leonardos Vorbild wären trotz Verrocchio weder Credi noch Perugino die Künstler geworden, als welche wir sie kennen. Nun aber der Meister selbst? Seltsam locken die Thatsachen. Vor Leonardos Eintritt in die Werkstatt können wir kein einziges Werk Verrocchios datieren, mit Ausnahme vielleicht des David. Dann mit dem Ausgang der sechziger Jahre setzt die stolze Reihe ein in kaum unterbrochener Folge, mit steigender künstlerischer Freiheit, vom Zarten zum Anmutigen, vom Anmutigen zum Großartigen. Eine von Stufe zu Stufe aufsteigende Überwindung der maniera alquanto dura e crudetta läßt sich feststellen, immer zahlreicher werden die Parallelen mit Leonardo. Sollte diese von Werk zu Werk freier und vertiefter sich entfaltende Kunst des vielbeschäftigten Meisters mit dem überraschend andauernden Aufenthalt Leonardos in der Werkstatt bis 1480 ohne ursächlichen Zusammenhang sein?