Am nächsten Morgen um 7 Uhr ging es südwestwärts fort mit dem Ziel Totorillas, dem am Südfuß des Chimborazo 3979 Meter hoch gelegenen Tambo, von dem der Saumweg über die Páramos und das »Große Arenal« nach dem westlichen Unterland führt. Sechs Stunden lang umritten wir die Ost- und Südostseite des Berges, immer auf und ab über Schluchten und Rücken durch gleichförmiges Páramogelände mit kniehohem Stipagras (Pfriemengras, Stipa Hans Meyeri Pilger) und ohne Busch und Baum. Von den Tücken des Páramocharakters hatten wir nichts zu fühlen. Rauheit und Unbeständigkeit des Wetters, häufige und schroffe Wechsel zwischen den Extremen, zwischen strahlender Hochgebirgssonne und wütendem, eisigem Regen- und Schneewind, sind ja die Eigentümlichkeiten der Páramoregion, die sie zur unwirtlichsten Region zwischen Tropenküste und Schneegrenze stempeln. Aber wir hatten günstige Sommertage getroffen. Zwar umwirbeln uns öfters Nebelfetzen und umsprühen uns mit leichten Regenschauern (Paramitos), während der Wind zischend über das Gras faucht, es zu Boden drückt und uns mit Sand und Steinchen bewirft, doch dauert der Spuk nur viertelstundenlang, worauf die Sonne über uns und über die graugrünen Grashügel sowie droben über die Felsen- und Schneewelt des Chimborazo um so herrlichere Lichtfluten ausgießt.

An vielen Stellen sahen wir in den Talsenken und an den Hügellehnen kleine Herden von Schafen, Rindern und Pferden weiden; meist ohne sichtbare Hirten. Darin bilden eben die Páramos den Reichtum des Hochlands und seiner armen Indianerbevölkerung, daß sie in jeder Jahreszeit dem Vieh eine sichere, wenn auch nicht fette Weide bieten. Die besten Teile haben sich freilich die Großgrundherren auch von den Páramos weggenommen, aber es bleibt noch genug für den Bedarf des »kleinen Mannes« und seiner kleinen Herde, noch genug auch für seinen bescheidenen Holzbedarf (Krummholz der Sträucher) und für seine Jagdlust (Kaninchen, Wachteln, Enten, Füchse usw.). Von solchen jagdbaren Tieren sehen wir freilich beim flüchtigen Durchreiten nur Spuren. Unser Weg, der »Camino«, wird aus mehreren tief eingeschnittenen Pfaden gebildet, die nebeneinander herlaufen, ineinander übergehen und sich wieder verzweigen. Oft sind im Tuff übermannstiefe Hohlwege ausgetreten und von Wasser und Wind weiter ausgefurcht, in denen nicht zwei Tiere aneinander vorüberpassieren können. Wer zuerst eintritt, ruft und pfeift, damit eine etwa von der andern Seite sich nähernde Karawane wartet.

Da das Wetter meist klar war, hatten wir nach Osten einen schier unermeßlichen Überblick über die weite, nach Riobamba hinabsinkende Hochmulde bis an die ferne Ostkordillere, über deren blaudunstige Kette die Schneespitzen des Cerro Altar herüberleuchteten. Weiter südlich quoll plötzlich hinter der Ostkordillere eine ungeheuere, teils blaugraue, teils kupferbraune Wolkenmasse empor, die Ausbruchswolke des von hier unsichtbaren Sangayvulkans, den man gleichzeitig dumpf donnern hört. Sie streckt und breitet und rundet sich wie eine kolossale Lokomotivrauchwolke, steigt in ihren obersten Wölbungen bis zu 10 000 und 11 000 Meter in die Höhe und wird dort oben von einer nordöstlichen Luftströmung in langem Zug nach Südwesten geweht, wobei sie ihre Asche in graubraunen Schwaden und Schleiern gleich dem schief streichenden Regen einer fernen Gewitterwolke über das Land ausstreut.

Zu unserer Rechten aber an den Steilhängen des Chimborazo, zu denen unsere Páramoregion in schneller Steigung emporzieht, sehen wir weiterreitend einen Gletscher an den andern sich reihen, eine kleine und fünf größere Eiszungen zwischen Chuquipoquio und Totorillas: auf dem Osthang über Chuquipoquio eine kleine, auf der Südostseite zwei größere, auf der Südseite drei. Die Gletscher liegen in ihren unteren Teilen weit herab unter ihrem eigenen Moränenschutt begraben, so daß ihre Eisgrenze nur durch nähere Untersuchung festzustellen ist. Von einer freien Gletscherstirn ist nichts zu sehen. Der Auslauf ist bei den meisten ganz flach. Jeder Gletscher hat sich in eine Mulde eingebettet, die er sich im Berghang selbst gegraben hat, und alle sind voneinander durch steile Felsgrate getrennt, in denen man deutlich die stehengebliebenen Reste des im übrigen durch die Gletschererosion abgetragenen Mantels des Bergmassivs erkennt.

Teilweise sind die Felsgrate durch Schutt verdeckt, der sich ihnen als Seiten- und Ufermoränen der Gletscher an- und auflagert. Aber jeder Gletscher hat vor seiner Zunge eine große bogenförmige Endmoräne abgesetzt. Nach außen fallen diese Endmoränen in steilen Kegeln bis zu 250 Meter hoch ab, und mit ihren aneinandergereihten Bogen umkränzen sie oberhalb des Graslandes von etwa 4600 Meter Höhe an die Ost- und Südflanken des Berges wie mit einer kolossalen, freilich nimmer grünen Girlande. Aber auch das daran anschließende Grasland zeigt noch bis 3900 Meter hinab überall die unruhigen Formen von Wällen und Dämmen in teilweise großartigster Ausbildung, verwachsene und leicht verwischte, aber noch deutlich erkennbare Spuren einer einst viel größern Ausdehnung der Vergletscherung, die in der Eiszeit sich volle 600 Meter weiter am Berge hinab erstreckte.

In ihren oberen Partien, die dem steilsten Teil des Bergmassives anliegen, sind die Gletscher echte Hängegletscher, teilweise Eiskaskaden von wahrhaft unheimlicher Zerrissenheit, und bei 5200 bis 5600 Meter Höhe enden, respektiv beginnen sie in senkrechten Eiswänden von 50 bis 100 Meter Dicke, an denen da und dort die frischen Abbruchstellen in wundervoll zartem Indigoblau schimmern. Sie sind in zahllose Pfeiler, Türme, Rampen und Bastionen zerschnitten, die den Druck, den Schub, den Wind, die Sonne und den Frost zum Erzeuger haben. Die darüber sich hoch und herrlich wölbenden Gipfeldome blinkten an vielen Stellen wieder glasig, während mir an anderen eigentümliche mattgraue Oberflächen auffielen, die sich im Fernglas als weite Felder von zacken- und spitzenförmigen Firngebilden erwiesen. Sollte das »Nieve penitente« sein, dessen Vorkommen bisher in der Äquatorialzone bestritten worden war? Oder karrenartige Firn- und Eisformen, wie ich sie auf den Kilimandjarogletschern gefunden hatte? Die Frage machte mich auf unsere von der Nordwestseite geplante Besteigung der oberen Firnregion in hohem Grad gespannt.

Zwei Bachtäler von offenbarer Glazialentstehung werden gequert, dann reiten wir über einen mächtigen Schutt- und Lavarücken immer höher hinan, bis wir eine Stunde später am Südfuß des Berges dicht am Tambo Totorillas – mit 3979 Meter die zweithöchst gelegene Wohnstätte am Chimborazo – im flachen, etwa 250 Meter breiten Totorillastal anlangen.

Der Tambo Totorillas ist nur eine große Lehmhütte mit einem bis auf den Erdboden reichenden Grasdach, viel elender als der Tambo Chuquipoquio auf der Ostseite, aber trotzdem dauernd von einer Cholofamilie (Mischlinge aus Weißen und Indianern) bewohnt, die das Vieh der umliegenden weiten Páramos beaufsichtigen soll. Die Behausung und der Haushalt sind typisch für diese Mischlingsrasse der Hochregion. Im Innern der Hütte sind durch eine Flechtwand nur zwei Räume abgeteilt; der eine mit der Feuerstelle und den Schlaflagern der Besitzer, der andere für allerlei Vorräte, für Hunde, Hühner und etwaige Gäste. Tische, Stühle, Bänke oder gar Bettstellen gibt es nicht. Die Menschen schlafen neben den Tieren auf trockenem Páramogras auf dem Erdboden zwischen Haufen von Kartoffeln und Maissäcken. Auch ein Feuerherd ist nicht vorhanden, sondern »des Hauses trauliche Flamme« flackert, von trockenem Kuhmist und Wurzelstöcken des Chuquiraguastrauchs genährt, ebenfalls auf dem Erdboden zwischen ein paar zusammengeschobenen Steinen. Der Rauch zieht durch das Grasdach ab oder durch die einzige, aus rohen Stammstücken gefertigte Türe, wenn diese offen ist. Wenn sie geschlossen ist, ist es stockfinster im »Haus«. Das wenige Hausgerät, d. h. ein paar Töpfe und Schüsseln, Hacken und Messer, steht auf dem Erdboden oder hängt an Pflöcken an den Lehmwänden. Für einige Schweine, die gehalten werden, ist draußen im Tuff des Talhangs eine kleine Höhle gegraben; das Rindvieh aber und die Schafe bleiben Tag und Nacht in der Páramowildnis. Das Ganze ist eine so primitive Behausung, daß dagegen eine tiroler Sennhütte für eine komfortable Villa gelten kann. Und luxuriös ist das Leben eines Senners jenem der Páramobewohner gegenüber.

So sieht es in allen Tambos, Hatos und Vaquerias (Hirtenhütten) aus, die ich in Hochecuador gesehen habe. Ich ließ gleich unsere Zelte vor der Hütte am Bachufer aufstellen und überließ den Tambo den Arrieros und Peones.

Während Herr Reschreiter sich ans Zeichnen und Malen machte, ließ ich mich von meiner braven Mula in das hier an der Südflanke des Chimborazo emporsteigende Curipoquiotal bis auf eine alte Moräne bei 4350 Meter hinauftragen. Dort hört der Graswuchs, das Pajonal, auf und überläßt der merkwürdigen äquatorial-alpinen Andenflora das rauhe Terrain. Zwischen den zerstreut wachsenden, halbmannshohen, schuppenblättrigen und orangerot blühenden Chuquiraguasträuchern hindurch, über Tausende von kleinen violetten und zinnoberroten Gentianen, von gelben tannenreisförmigen Loricarien, edelweißartigen Culcitien usw. stieg ich auf den rutschigen Schutthängen der alten und dann der jungen Moränen bis an die Eisgrenze empor, allmählich die Vegetation hinter mir lassend. Das Eis ist weit von dickem Moränenschutt bedeckt, aber an mehreren Stellen unschwer zugänglich.