Vom rezenten Moränengürtel zieht sich die alte Moräne gleich einem Lava- oder Schlammstrom in das Curipoquiotal hinab, und die Eingeborenen nennen auch diese sowie die meisten anderen Moränenwälle ihrer Berge »Volcanes« wie die ihnen äußerlich oft täuschend ähnlichen wirklichen Lavaströme.

Die Firnregion des Berges hatte sich von Mitte des Nachmittags an in schwere Wolken gehüllt, die immer tiefer sanken. Gegen Abend fing es an zu regnen, und in der Nacht folgte ein kurzes Gewitter, dessen Guß wir in unseren Schlafsäcken mit Behagen auf das Zeltdach prasseln hörten. Der ringsum geschlossene Canvasboden des Zeltes hielt vollkommen wasserdicht, so daß wir mit Ruhe den weiteren Stürmen der nächsten Woche entgegensehen konnten. Der Morgen war naß, kalt, nebelig, windig; man kannte das sonnige, ruhige Tal vom vorigen Mittag kaum wieder.

Unser Pfad, der uns um die ganze Westseite des Chimborazo über das große Sandfeld nach dem Gehöft Cunucyacu im Nordwesten des Berges führen sollte, klettert westlich von Totorillas erst durch abscheuliche Hohlwege empor und mündet dann plötzlich ohne merklichen Übergang in eine total veränderte Landschaft, in die Wüste des »Arenal grande«: auf der ganzen Westseite des Chimborazo von der Schneegrenze an bis meilenweit nach Westen hinunter eine leicht abfallende, wenig gewellte, öde, steinige Fläche. Nichts mehr von der Hügellandschaft der grasigen Páramos der Süd- und Ostseite des Berges mit ihrem großartigen Gletscherhintergrund, sondern ausgeebnete, graue Flächen von Bimsstein, vulkanischem Sand und vulkanischer Asche in trübseliger Monotonie.

Ein paar Trockentäler sind in die Bimssteinplatten eingefurcht, aber sie haben nur bei starken Gewitterregen oder Schneeschmelzen für kurze Zeit etwas Wasser. Die intensive Sonnenstrahlung, die Wasserlosigkeit und Öde des Bodens, die ausgeglichene Oberflächengestalt des Geländes, die enorme Trockenheit und Klarheit der Luft, die Zwerghaftigkeit der weit zerstreuten Pflanzen, das Fehlen von Tieren und Menschen: alles vereinigt sich zum Bilde der Wüste. Die Pflanzen sind den Extremen des Wüsten- und Hochgebirgsklimas zugleich angepaßt, denn sie müssen sich ebenso gegen übermäßige Insolation, ausdörrende Winde und Sandwehen wie gegen Schnee und Nachtfrost schützen. Die einen schmiegen sich als einfache Rosetten platt an den bei Sonnenschein wärmenden Boden, andere hüllen sich in einen hellgrauen Haarpelz wie unser Edelweiß, wieder andere verdicken ihre Oberhaut zu einem wenig durchlässigen Panzer, alle aber reduzieren möglichst ihre Atmungs- und Verdunstungsorgane und strecken desto riesigere Wurzeln in den Boden aus, um das spärliche Naß zu suchen. Von den meisten Arten stehen die Individuen in niedrigen runden Büscheln dichtgedrängt beisammen, um einander Schutz gegen den trockenen Wind und die Kälte zu bieten. Die Landschaft ist gleichsam betupft mit solchen Polstern, die von fern wie graue oder grellgrüne Maulwurfshaufen aussehen.

Da wir jetzt im Juni zur eigentlichen Blütezeit durch diese alpine Wüstenlandschaft reiten, strahlen uns von allen ihren Blütenpflanzen, von Gentianen, Valerianen, Senecien, Wernerien, Malvastren, Baccharis, Arenaria, Alchemilla, Lupinus und anderen Tausende zierlicher weißer, gelber, roter, violetter Blumen entgegen, die in ihrem Kontrast zu der wüstenhaften Umgebung dem Landschaftsbild einen unbeschreiblichen Reiz verleihen.

Der Wind weht kalt, steif und regnerisch aus Südosten hinter uns her, so daß wir uns in unsere Gummiponchos hüllen und die Kapuzen überklappen. In den Invierno-Monaten (November bis Mai) liegt hier oft fußtief Schnee. Auch jetzt im Verano vergehen nur wenige Tage ohne Schneefall, aber die weiße Decke verschwindet schnell wieder. Der Reitweg ist hart wie eine Tenne und zieht sich, wie immer in Ecuador, in einem halben Dutzend nebeneinanderlaufender Pfade dem Ziele zu. Vom Chimborazo ist bis gegen 10 Uhr in den dunklen Wolkenmassen keine Spur zu sehen. Nach links dagegen wird zuweilen unter der dicht über uns lastenden Wolkendecke weg der Ausblick in das ferne sonnige, dunkelwaldige Bergland der Chimborazokordillere frei, zu der unsere Hochebene allmählich absinkt.

Den höchsten Punkt (4450 Meter) unseres Wegs erreichten wir um Mittag bei einem Steinhaufen von Lapilli, schlackigen Bomben und Bimssteinbrocken, auf dem fromme Furcht vor Sturm und Verderben ein kleines Holzkreuz errichtet hat. Ein paar zerfallene Eselgerippe in der Nähe mahnen »memento mori«. Cruz alta heißt der Punkt.

Von hier trat ein schneller Wetterwechsel ein, da wir in den Windschatten des Chimborazo getreten waren. Der heftige Südostwind, der uns bisher von hinten getrieben hatte, und das Nebelwehen hörten auf, und zu unserer Rechten wurden in großer Klarheit die Fels- und Eiswände des West-Chimborazo sichtbar. Der Berg ist hier, auf der Mitte der Westseite, die wir ganz überblicken, gar nicht wieder zu erkennen. Er hat sich in einen breiten Kegel mit einer einzigen runden Kuppel verwandelt: eine wahre Schulform eines schneebedeckten Vulkans. Diese Kuppel ist der von einem felsigen Unterbau getragene domförmige Westgipfel, hinter dem die übrigen Gipfel versteckt liegen. Von Südwesten her sehen wir einen mit einigen bizarren Türmen und Nadeln besetzten Felsgrat zum Unterrand des großen Firndoms hinaufziehen. Wo der Grat endet, hängen rechts und links zwei von den oberen Eisbrüchen genährte Gletscher in ihre Täler herab, die beiden einzigen der Westseite; im Südwesten der »Trümmergletscher«, im Westen der »Thielmanngletscher«. Nach Nordwesten aber läuft ein langgestreckter Grat mit felsiger Schneide zum Arenal herunter, der oben im Firngewölbe des Westgipfels verschwindet. Zerfetzte graue Wolken jagen um die dunkelbraunen Felsen und die wunderbaren blaugrünen Eisschründe der Westseite des Berges, und darüber blitzt das äquatoriale Sonnenlicht auf den weißen Schneefeldern des Westgipfels, daß die Augen sich geblendet abwenden.

Je weiter wir nach Norden reiten, desto ungestümer bläst uns wieder der Ostwind, gegen den uns der Chimborazo eine Zeitlang geschützt hatte, seitlich von vorne an. Zwei Stunden haben wir uns mühsam um die Nordwestseite des Chimborazo herum durch ein vom Wind wild und wüst verwehtes Gebiet durchzuschlagen; Tiupongo heißt es. Der vulkanische Sand ist hier in den Mulden der weiten Bodenwellen zu langen Dünen angeweht, auf denen Mensch und Tier nur schwer vorwärts kommen. Es ist ein Stapfen, Rutschen und Wälzen wie in tiefem, pulvrigem Schnee. Der uns nun von vorn packende Ostwind peitscht uns den Sand wütend ins Gesicht, so daß wir die Augen mit Schneebrillen schützen müssen.

Als wir durch dieses Dünengewirr allmählich auf die Nordwestseite des Berges kamen, steckte dieser bereits wieder in dicken, düsteren Wolken, die unaufhörlich von Nordosten heranströmten. Darunter aber guckte eine lange, flache Eiszunge hervor, deren Stirn ein mächtiger Moränenkegel umgrenzt: das Ende des »Stübelgletschers«. Bald danach betraten wir endlich wieder grasigen Páramoboden und erreichten an einem klaren, kalten Wasserlauf den kleinen Hato Poquios (4087 Meter) im Tal von Cunucyacu, die Nordostgrenze der Sandwüste Tiupongo und des Arenal grande. Von hier führt im Bachtal der Pfad nach der Hacienda Cunucyacu hinunter, wo wir gegen Abend im neuen »Herrenhaus« unter einem großen Strohdach vier rohe fensterlose Lehmwände und einen mit trockenem Páramogras beschütteten Lehmfußboden als Fremdenzimmer bezogen.