Westseite des Carihuairazo, vom Abraspungo (4500 m) aus.

Nach stundenlangem Zeichnen, Malen, Messen, Photographieren, Sammeln kamen wir bei Sonnenuntergang totmüde ins Lager zurück und merkten in unserm festen, kleinen Zelt und in den warmen Schlafsäcken nicht, daß es in der Nacht stürmte, regnete, hagelte, schneite, bis die Morgensonne dem Aufruhr ein Ende machte. Bei schönster Beleuchtung konnte ich den jetzt absolut wolkenlosen nördlichen Chimborazo ein halbes dutzendmal photographieren und vieles sehen und messen, was am Tag vorher unsichtbar gewesen war. Auch der Carihuairazo (5106 Meter) stand einige Minuten ganz frei vor uns und überraschte mich vor allem durch die außerordentlich große Ausdehnung des Firnmantels seiner Südwestseite.

Zeltlager (5145 m) auf der Nordnordwest-Loma des Chimborazo.

Als wir zum Abraspungo aufbrachen, um über den Paß und durch das Abras-Tal nach dem Städtchen Mocha am Ostfuß des Carihuairazo zu gelangen, rüstete sich der Wetterhimmel bereits, uns auf der Paßhöhe würdig und landesüblich zu empfangen. Über den obern Chimborazo legte sich wieder eiligst von Osten her die bekannte weiße Sturmwolkenhaube. Auch vom Carihuairazo kamen die dicken Nebel wie Sturzbäche herüber- und heruntergeströmt, und bald brausten die kalten Ostwinde mit Nebel, Regen und Schnee über den Paß und über uns selbst, daß uns Hören und Sehen verging. Den ganzen Tag kämpften wir dem Hundewetter entgegen, bis wir aus dem Abras-Tal in die Páramos der Ostseite hinabkamen; ein böses Stück Arbeit für uns und ein noch böseres für unsere Tiere.

Der Abstieg durch das Abras-Tal nach Osten ist viel steiler als der Anstieg auf der Westseite zum Abraspungo-Paß. Ohne den ortskundigen Indianer Nicolas wäre uns ein Durchkommen ganz unmöglich gewesen.

Eine Zeitlang führte unser Pfad auf offenbaren Moränenhügeln jüngern Alters entlang, und wo er an anstehendem Gestein vorbeiging, waren die Felsen gletschergeschliffene Rundhöcker; aber das unsichtige Regen- und Nebelwetter verbot jeden Einblick in die weitere Umgebung. Und bald verlangte auch der Weg selbst – wenn man diesen von braunen Regenbächen durchrauschten, steilen, steinigen oder lehmigen Graben, in dem wir ritten oder zu Fuß fortstampften, einen Weg nennen will – unsere ganze Aufmerksamkeit. Alle Augenblicke rutschten die Tiere auf den glitschnassen, lehmbedeckten Steinblöcken aus und setzten sich mit der Hinterhand ins Wasser, oder sie sanken bis an den Bauch in den zähen Morast und blieben stecken, bis wir ihnen zu viert mit Ziehen, Schieben und notgedrungen unbarmherzigen Hieben heraushalfen. An Reiten war da nicht mehr zu denken, und unser Aussehen spottete bald aller Beschreibung. Die Arrieros mit den Lasttieren blieben immer weiter hinter uns zurück.

Nach Überwindung einer unter solchen Umständen lebensgefährlichen Steilstufe betraten wir endlich bei 4160 Meter festen grünen Talboden und kamen, nun wieder im Sattel, rascher vorwärts. Auch die Regen- und Nebelschleier wurden lichter; bald erschien freundlichere Vegetation, vereinzelte niedrige, mit Bartflechten behangene Bäume und Sträucher von Berberitzen und Fuchsien, die jetzt sämtlich Blüten trugen. Trotz der alpinen Zwerghaftigkeit wachsen die Pflanzen hier auf der immer feuchten östlichen Passatseite doch viel üppiger als drüben auf der westlichen Leeseite des Berges. Mehrere Wildbäche brausen von links (Carihuairazo) und rechts (Chimborazo) dem Abrasbach zu, der allmählich zu einem »Rio« anschwillt. Sie kommen in Wasserfällen über die steilen Seitenwände des Tals herab, das die typische Trogform eines übertieften alten Gletscherbettes hat.

Da uns nun unser Weg gewiesen war, nahm unser Führer Nicolas Abschied, um sofort wieder über den stürmischen Paß allein mit seinem Pferdchen nach Cunucyacu zurückzukehren. Ich lohnte dem braven Burschen seine guten Dienste und versprach ihm baldige Wiederkehr, die denn auch einige Wochen später erfolgte. Bei 3930 Meter verließen wir das sich plötzlich zur Schlucht verengende Bachtal und traten auf die weiten welligen Graspáramos hinaus, die langsam zur Hochebene von Riobamba absinken. Bald erreichten wir, nun wieder an Schaf- und Rinderherden vorbeireitend, die große nach Quito führende Landstraße (Camino real), auf der es in langsamem Trab zwischen den Bergen Carihuairazo und Igualata hindurch ins Tal des Rio de Mocha hinüberging. In tiefer Dunkelheit langten wir endlich in dem auf steiler Hügelhöhe gelegenen Städtchen Mocha (3300 Meter) an. Es war der Ausgangspunkt von Touren auf den Carihuairazo und in nördlichere Bergregionen.

4. Die zweite Besteigung.