Sieben Wochen waren seit unserer ersten Chimborazotour verstrichen. Sie hatten uns in die Ostkordillere zum Cerro Altar (s. [S. 83]), dann das interandine Längstal entlang nach Latacunga, hinauf zum Cotopaxi (s. [S. 128]) und an den abseits stehenden, schwer zugänglichen Quilindaña geführt. Dann waren wir längs der Hochlandstraße an den Vulkanen des mittlern Ecuador, dem Iliniza, Corazon und Rumiñagui vorbei nach der Landeshauptstadt Quito geritten, hatten über die interandine Mulde von Quito quer hinweg einen Abstecher zum Antisana auf der Ostkordillere gemacht (s. [S. 104]) und waren schließlich nach Riobamba zurückgekehrt. Nun brachen wir von hier aus am 7. August zum zweiten Male zum Chimborazo auf.

Die gute Jahreszeit war dicht vor ihrem Ende, die Monate der alltäglichen Gewitterstürme standen vor der Tür, und der Wetterhimmel machte bereits ein finsteres Gesicht. Die Riobambeños meinten, es sei nun in den »Cerros« nichts mehr zu machen und wir sollten uns die Mühe sparen; aber ich wollte es auf einen Versuch ankommen lassen, da sich meine Reise dem Ende näherte. Meine kleine Karawane, Menschen und Tiere, war jetzt auf meine Reisezwecke und Anforderungen so gut eingearbeitet, daß es jammerschade gewesen wäre, wenn ich mit ihr die letzte Gelegenheit, vor unserm Abschied aus Ecuador noch einmal die Chimborazogletscher zu besteigen und die Chimborazofirne zu untersuchen, nicht voll ausgenutzt hätte.

Unter zweifelnden Glückwünschen der Riobambeños ritten wir um 10 Uhr morgens aus der Stadt, direkt nach der Südseite zum Tambo Totorillas. Vor 5 Uhr sattelten wir unsere Mulas bei der Totorillashütte (3979 Meter) ab. Der dicke Nebel ließ uns nichts anderes vornehmen als in der nächsten Nachbarschaft botanisieren und im Bett des Totorillasbaches Steine sammeln, die hier von den drei Hochtälern des südwestlichen Chimborazo zusammengeschwemmt liegen. Am Abend brach doch noch der Mond durch das finstere Gewölk und ließ da und dort ein Stück der beiden Hauptgipfel des Chimborazo in wundersamem Silberglanz hervorschimmern. Das bleiche Licht und die schwarzen Schatten übertrieben alle Höhen und Tiefen ins Fabelhafte und verliehen dem Berg einen Zug von Wildheit und sozusagen arktischer Schrecklichkeit, den er bei Tageslicht nicht hat.

Unter dem Einfluß des Mondlichts entpuppte sich mein einer Arriero Spiridion, dem ich bisher nicht die mindeste Sentimentalität angemerkt hatte, plötzlich als ein höchst gefühlvoller Gitarrespieler und guter Sänger. Auf meine Frage, warum er seine Künste nicht schon früher gezeigt habe, antwortete er lachend: »Solange du am Tage arbeitest, Padrón, will ich dich nicht stören oder habe ebenfalls zu arbeiten; und wenn du am Abend aufhörst, bin ich so müde, daß ich nicht mehr an Musik denke.« Schade um das wochenlange vergebliche Mitführen des Saitenspiels. Übrigens war der Mann, wie schon erwähnt, ein Kolumbianer; bei Ecuatorianern findet man solche brotlosen Künste wie Hausmusik nur ganz ausnahmsweise.

Weniger stimmungsvoll als der Abend war unser nächtliches Lager. Um den blutdürstigen Flohlegionen im Innern der Hütte zu entgehen, legten wir uns, da es ziemlich windstill war, unter das Vordach des Tambo, anstatt unser Zelt weiter draußen aufzuschlagen. Aber in 4000 Meter Höhe soll auch ein wetterharter Hochgebirgsreisender vorsichtig sein. Bald sprang eine kalte Brise auf und wehte uns direkt die greulichen Miasmen eines nahe beim Tambo liegenden Pferdekadavers zu, den, wie ich am Nachmittag gesehen, die Hunde schon zur Hälfte aufgefressen hatten. Auch in der Nacht waren sie bei der eklen Arbeit und knurrten einander ohne Unterlaß um die besten Bissen an. Ich retirierte mit meinem Schlafsack in einen andern Winkel, geriet aber in Haufen feuchter Kuhfladen, die hier als Brennmaterial gesammelt und getrocknet werden. So wurde die Nachtstimmung zwischen Kuhmist, Aasgestank, Schweinegrunzen, Feuerknistern, Bachrauschen, Gitarreklimpern, Lawinendonner, Windsausen und Mondschein eine wunderliche Mischung von Beethoven, Lenau und Zola. Leider gewannen allmählich die häßlichen Bestandteile das Übergewicht. Als ich beim Hähnekrähen erwachte, war mir übel und weh zumute von all der Pestilenz, und der kalte Wind hatte mir einen bellenden Husten beschert, den ich wochenlang nicht wieder loswurde.

Bei Sonnenaufgang weiterreitend, fanden wir auf dem Arenal grande Schnee in reichlicher Menge liegen. Mitte Juni war davon nichts zu sehen gewesen. Damals schmückten viele Tausende weitverstreuter kleiner Blumen die grauen Bimssteinflächen mit der Anmut des jungen, farbenfrohen Frühlings. Aber die Herrlichkeit war kurz; jetzt waren die zarten Kinder Floras verblüht, und es herrschte wieder für die übrigen elf Monate des Jahres die tiefernste, dem Leben feindliche Starrheit der alpinen Wüste. Dieses schnelle Aufflackern des Frühlings, unter dem sich der Charakter der Landschaft für kurze Zeit total verändert, ist in den äquatorialen Hochanden eine Eigentümlichkeit der obersten Region der Blütenpflanzen. In der nächsttiefern Region, in den Graspáramos, merkt man davon nichts. Der Páramo bleibt immer »Pajonal« (paja = Stroh), in dem die Mehrzahl der Halme und Rispen verdorrt ist; er prangt nie in frischem Grün, und die angebliche »Primavera eterna« dieser Zonen ist mit gleichem Recht ein ewiger Sommer oder ewiger Herbst zu nennen. »Ewig« ist nur die Monotonie der Erscheinung in diesen Graspáramos.

Nach Nordwesten hin nahm der Schnee schnell wieder ab, und bei der Hacienda Cunucyacu sah alles genau so aus wie Mitte Juni. Nur hatte der Schnapsteufel von den Bewohnern Besitz ergriffen. Ein Besucher hatte nach Landesbrauch einen tüchtigen Vorrat Mallorca-Branntwein mitgebracht und die ganze Familie so gründlich alkoholisiert, daß nichts mit ihnen anzufangen war. Erst nach zwölf Stunden bekam ich den Hausherrn so weit, daß er in der elegischen Stimmung eines ungeheueren Katzenjammers meine Wünsche nach Trägern und Proviant erfüllte.

Am 9. August vollführten wir von Cunucyacu unsern Aufritt und Aufstieg zu unserm alten Zeltplatz über der Vegetationsgrenze in 5145 Meter Höhe. Allerwärts waren noch Spuren unseres ersten Aufenthalts zu erkennen. Bald waren wir wieder mit den beiden Eingebornen von damals in unseren beiden Zeltchen installiert.

Im Lauf des Nachmittags hatte ich wohl ein dutzendmal den Donner der Eislawinen gehört, die von den Abbruchwänden des Firnrandes in die tiefen Talrunsen der Nordseite des Berges stürzten. Gegen Abend wurde es mit dem Sinken der Temperatur unter 0° still in den Eisregionen, aber um unser Lager pfiff der kalte östliche Nebelwind und bombardierte das Zelt mit körnigem Schnee. Wenn draußen ein Unbeteiligter die beiden stummen kleinen Zelte im stürmischen Schneewehen der über 5000 Meter hohen Gebirgswüste hätte liegen sehen, er hätte sie für verlassen halten müssen. Wenn er aber durch die Türklappe gelugt hätte, hätte er in unserm Zelt ein eigenartiges Stilleben entdeckt. In der Mitte ein länglicher niedriger Stahlblechkoffer, und rechts und links davon, in den Schlafsäcken halb vergraben, zwei hockende Europäer in Wolljacken und Wollmützen, die beim trüben Schein einer alpinen Kerzenlaterne Notizen schrieben, ihre zerrissenen Hosen flickten, Tabak rauchten und über die Aussichten des kommenden Tages plauderten. In allen Ecken des Zeltes alpines Gerät, Kleidungsstücke, Proviantbüchsen und dergleichen: das Ganze die primitivste, engste, einsamste Heimstätte europäischer Kulturmenschen, die in eine große lebensfeindliche Natur für kurze Zeit hineingezaubert ist; und gerade im Gegensatz zu dieser starren Natur gibt uns das kleine Heim ein so freundliches Gefühl von Gemütlichkeit und Sicherheit, daß ich es dem vielseitigen Reiz eines opulenten Zeltlagers in der weiten, freien, afrikanischen Steppe für kurze Zeit mindestens gleichschätze.

Im hellen Mondenschein ging es um 5 Uhr früh bei 5° Kälte fort. Im Osten dämmerte es schon leise. Der obere Chimborazo lag frei im fahlen ersten Frühlicht, finstere Schatten zu uns her ausstreckend, aber auf dem ganzen Unterland lag ein graues, welliges Wolkenmeer, das sich langsam zu heben schien. Da der Wind eingelullt war und der Nachtfrost den Schutt auf unserm alten nordnordwestlichen Aufstieggrat gefestigt hatte, kamen wir schnell vorwärts.