Nach Sonnenaufgang kam schnell Bewegung in die Luft, und bald wehte der Ostwind mit immer dichter werdenden Nebeln über die Firnfelder der Gipfelregion. Gegen 8 Uhr standen wir unter den »Roten Wänden« (5715 Meter) am Unterrand der Firnhaube des Westgipfels. Das dicke Firnpolster, das noch sieben Wochen vorher auf der Oberkante der Felswand gelegen hatte, war jetzt weggeschmolzen, aber die Felsen waren dadurch nicht zugänglicher geworden. Wir mußten sie wie damals westwärts umgehen, um auf den Firnhang selbst zu kommen. Da hier aber unsere beiden Begleiter streikten, gab ich ihnen den Laufpaß. Geschwind trollten sie sich zum Lager hinunter.

8 Uhr 20 ging es mit den Steigeisen los. Wir überschritten den Ostteil des Stübelgletschers, dessen Eis hier zum großen Teil von einer ¼ bis ½ Meter dicken Decke rötlichen, von den Felswänden herabgefallenen Schuttes überzogen war, und standen, als wir die Felswände unter uns hatten, vor der seltsamsten Schnee- und Eislandschaft, die ich je gesehen. Da es in dieser Zeit in den obersten Regionen offenbar keinen gründlichen Neuschnee mehr gegeben hatte, hatten Sonne und Wind einen wahren Vernichtungskrieg unbehindert führen können. Die vordem so gut begehbaren, wellig angeschmolzenen Firnhänge waren bis zum Gipfel hinauf in einen furchtbaren Stachelpanzer verwandelt, der dem andringenden Bergsteiger die stärkste Gegenwehr leistete. Die Oberfläche des Gletschers, soweit sie aus Firn bestand, und des ganzen Gipfelfirns starrten von eisigen Zacken, Schneiden, Säulen, Tafeln und Klippen, die, ½ bis 1½ Meter hoch, zu Millionen nebeneinanderstanden, und zwar so dicht, daß man sich oft nur mit großer Mühe dazwischen durchzwängen konnte. Sie sind alle in mehr oder minder deutliche ostwestliche Reihen angeordnet, haben am Fuß eine Dicke von 10 bis 30 Zentimeter, verjüngen sich nach oben und sind an der Spitze von einem wahren Filigran dünn geschmolzenen Eises gekrönt, das unserer Phantasie alle nur denkbaren Figuren und Gestalten vorgaukelt. Wir haben das typische Bild des »Nieve penitente«, des »Büßerschnees« oder »Zackenfirns« vor uns, wie er zuerst von den südlicheren und dann auch von den nördlicheren Kordilleren Amerikas bekanntgeworden ist und wie ich ihn auch am obern Kilimandjaro neben eisigen Karrenbildungen angetroffen hatte.

Der Eindruck dieser Penitenteslandschaft war um so ernster, als ihr jetzt die Sonne fehlte, die fahl durch die hoch ziehenden Nebel schimmerte. Man begreift die Entstehung des Namens »Büßerschnee«. Einer unabsehbaren Schar grauer Mönchsgestalten vergleichbar, stehen die Eisfiguren da, eine so phantastisch wie die andere und alle in langen parallelen Reihen aneinandergeschart wie in tausendköpfigen Prozessionen. An anderen Stellen dagegen glaubt man ein großes Ruinenfeld zerstörter alter Städte vor sich zu sehen, von denen nur die Mauerstümpfe in gleichmäßiger Höhe stehengeblieben sind, oder einen ungeheuern Friedhof voll halbverfallener Grabsteine. Und wieder an anderen Stellen sehen die zerfurchten und zerzackten Firnfelder in der perspektivischen Verkürzung aus wie schäumende Wellenzüge, die in wilder Bewegung plötzlich erstarrt sind.

In Anbetracht dieser Firnbeschaffenheit war es einerlei, wo wir den Einstieg begannen. Ohne auf unserer frühern Route weiter nach Westen abzuschwenken, hielten wir uns direkt auf den westlichen Gipfeldom zu. Der Aufstieg ist aber hier so steil, daß ein Fortkommen ohne Steigeisen absolut unmöglich ist, wenn man nicht stundenlang Stufen schlagen will. Jeden Schritt und Tritt mußten wir uns zwischen den bis an den Unterleib oder die Brust reichenden Firnzacken und Eistafeln suchen, was uns außerordentlich viel Zeit kostete. Etwas besser wurde es, als wir auf eine trümmerbedeckte felsige Strecke kamen, die aus dem Firnmantel ausgeschmolzen war. An ihre obere Kante vortretend, gewahrte ich unter mir die kolossalen Felsabstürze, die wir von tief unten östlich über unserm Aufstiegsgrat thronen und drohen gesehen hatten; und neben uns in erdrückender Nähe und Größe brachen die Massen des Gipfelfirns zu jenen Felsabhängen hin in 60 bis 80 Meter hohen prachtvollen, gleichmäßig gebänderten und durchschichteten Eiswänden senkrecht ab, überzogen von 20 bis 30 Meter langen baumdicken Eiszapfen oder gefrorenen Wasserfällen. Durch Spalten hatten sich Blöcke von Hausgröße schon teilweise von der Gesamtmasse losgelöst und drohten jeden Augenblick 600 bis 1000 Meter tief in die Abgründe des Tales Pucahuaico zu stürzen, wo sie sich, wie wir unten sahen, zu einem regenerierten Gletscher vereinigen, der fast ganz unter Schutt begraben liegt.

Um 10 Uhr waren wir am Westende dieser Eiswände angelangt (5986 Meter). Immer steiler hebt sich nun der Firnhang, immer tiefer zerschnitten und zersägt wird seine Oberfläche, immer höher und dichter das Gewirr der Penitentes. Langsam und mit häufigen Unterbrechungen arbeiten wir uns aufwärts. Die Lungen pfeifen, der Atem röchelt, die Schleimhäute sind trocken und hart wie Leder. Plötzlich erscheint über uns eine mächtige Querspalte, die mit 5 bis 15 Meter Breite wie ein Festungsgraben den Westgipfel auf der Nord- und Nordwestseite umringt und gleich einer Randkluft mit einer 2 bis 3 Meter hohen Stufe absetzt. Es ist dieselbe, die uns vor sieben Wochen weiter westlich Halt geboten hatte. Sie ist zwar hier von mehreren Firnwällen überbrückt, aber auch diese Brücken sind so stark zerfressen, durchlöchert und von Penitentes verbarrikadiert, daß ein Weiterdringen schlechterdings undenkbar ist; es sei denn, man könnte fliegen. So blieb uns nichts anderes übrig, als hier in 6180 Meter Höhe auf die uns noch vom Scheitel des Gipfels trennenden 90 Meter zu verzichten und uns mit dem zu begnügen, was wir in diesen obersten Regionen an sonderbaren Erscheinungen der Firn- und Eiswelt zu sehen und zu untersuchen hatten. Wäre der Firn so beschaffen gewesen wie sieben Wochen vorher, wir hätten vermittelst der Schneebrücken ohne große Schwierigkeit den Gipfel erreichen können, denn es war erst wenig über 11 Uhr, und wir waren beide noch bei guten Kräften. Für meine Firn- und Eisstudien war die jetzige Jahreszeit die allergünstigste, aber für eine Gipfelbesteigung ist der August zu spät, da die Zerstörung der Eisoberflächen durch die Sonne zu weit fortgeschritten ist.

Kaum hatten wir dem Gipfel den Rücken gewandt, als die Nebelschwaden, die uns bisher vereinzelt von Osten herab umflattert hatten, in dichten Haufen aus Westen von unten her auf uns eindrangen und uns mit einem so stürmischen Schnee- und Graupelwetter überfielen, daß wir bald keine drei Schritt weit sehen konnten. Wie die Spürhunde hatten wir die Nase am Boden, um in dem Labyrinth der Penitentes die Schuh- und Eispickeleindrücke unseres Aufstiegs nicht zu verlieren. So kamen wir gegen 1 Uhr wieder am Westfuß der »Roten Wände« an, und anderthalb Stunden später waren wir, Kleider und Bart noch von Eiskrusten und Eiszapfen überzogen, zurück am Zeltlager bei unseren beiden Kameraden.

Im warmen Schlafsack fühlten wir nicht, daß uns die Nacht bei steifem Ostwind ein Minimum von –9,6° bescherte, die tiefste Temperatur, die wir in Ecuador erlebt haben. An den Innenseiten unseres Zeltes hatte sich am Morgen infolge unserer Atmung eine fingerdicke Reifschicht angesetzt, die uns durch ihr prächtiges Glitzern und Funkeln viel, durch ihr Auftauen aber wenig Freude machte, und unsere Stiefel waren hart gefroren wie Bretter. Draußen stürmte es aus Osten wie nie zuvor. Wäre am Tag vorher solches Wetter gewesen, wir hätten von jedem Besteigungsversuch abstehen müssen. Unter solchen Umständen sieht sich die Poesie des alpinen Lagerlebens anders an als bei heißem Tee im warmen Pelzsack. Und so betrüblich uns beiden auch bei dem Gedanken zumute war, daß dies unser letztes Lager in den Anden sei, daß damit die schöne reiche Zeit des Ringens und Gewinnens in dieser großen Gebirgswelt vorüber sei, so angenehm war uns doch auch die Vorstellung, daß uns nun bald wieder ein anderes Leben blühe als wochenlange physisch und psychisch aufreibende Arbeit, schlechte Ernährung, schlechter Schlaf, immer froststeife Finger, Mangel an Waschwasser, Anfälle von Soroche und dergleichen mehr.

Forschungsreisen im Hochgebirge werden vom Publikum der Laien und vieler Geographen, die dann die Resultate vor sich haben, gemeinhin nicht anders eingeschätzt als Reisen im Mittelgebirge oder im Flachland. Ja, man ist im Publikum leicht geneigt, in der sportlichen Seite, ohne die es kein erfolgreiches Reisen im Hochgebirge geben kann, das Wesentliche bei solchen Reisen zu sehen und das für den Zweck zu halten, was nur das Mittel zum Zweck wissenschaftlicher Gebirgsforschung ist. Nur wer sich selbst mit Ernst der Hochgebirgsforschung gewidmet hat, weiß, ein wieviel größerer Einsatz und Aufwand von Kräften und Energie erforderlich ist, um eine wissenschaftliche Hochgebirgsreise erfolgreich zu machen, als eine die gleiche Summe von Beobachtungen und neuer Erkenntnis einbringende Reise im Mittelgebirge oder Flachland. Ich begreife es sehr wohl und finde es entschuldbar, wenn in so vielen Fällen die wissenschaftlichen Resultate von Hochgebirgsreisen in gar keinem Verhältnis stehen zu den darauf verwandten Summen von Zeit, Kraft und materiellen Mitteln. Eine Forschungsexpedition in den afrikanischen Steppen und Wäldern, so mühsam sie im einzelnen oft sein mag, ist, wie ich aus langer Erfahrung weiß, meist ein Kinderspiel gegenüber einer die Lösung wissenschaftlicher Probleme erstrebenden Hochgebirgsreise, insbesondere einer Hochgebirgsreise in der Tropenzone, wo die Schwierigkeiten in jeder Hinsicht noch viel größer sind als in den allermeisten Hochgebirgen außertropischer Gebiete.

Gegen Mittag endlich erschienen unsere Peones im Lager, pfeifend vor Anstrengung und Unbehagen, wie die Hochlandindianer dann immer zu tun pflegen. Schnell war alles Bewegliche zusammengepackt und aufgeladen, worauf die Kerle, um der ungemütlichen Höhe zu entgehen, einen so ununterbrochenen Dauerlauf bergab über Schnee und Geröll und Felsen ausführten, daß wir, nachdem wir weiter unten die uns entgegenkommenden Maultiere bestiegen hatten, schon um 4 Uhr wieder in der windgeschützten Mulde von Cunucyacu anlangten. Der biedere Mayordomo gab seiner Freude, uns gesund wiederzusehen, dadurch Ausdruck, daß er ein Kalb schlachten ließ; ein unerhörter Luxus, den wir im rinderreichen Ecuador noch nicht erlebt hatten. Leider nahm mein von den strapaziösen Hochtouren geschwächter Magen diese Extravaganz übel, und in der Nacht kam zu allem Überfluß noch eine stundenlange Belästigung durch Soroche hinzu. Auch Herr Reschreiter hatte mit Atembeschwerden, Kopf- und Kreuzschmerzen zu tun.

Über den Soroche, die Bergkrankheit Ecuadors, mögen hier ein paar Worte eingeschaltet werden. Er befällt früher oder später jeden, der die Anden aufsucht. Seine Symptome treten verschieden auf, vom leichten Kopfweh bis zur schweren Störung aller Körper- und Geistesfunktionen, aber zur ernsten Erkrankung oder gar zum Tode wird es beim normalen Menschen kaum kommen. In Höhen von über 5000 Meter freilich erfordert die Überwindung seiner Beschwerden ein beträchtliches Maß von Energie. Die Atemnot wird besonders bei anstrengendem Aufstieg immer größer, der Kopf immer dumpfer, die Beine werden immer schwerer. Da man stets mit offenem Munde atmen muß, um den Hunger nach Luft zu stillen, deren Sauerstoffgehalt in 5000 Meter nur etwa halb so groß ist wie in Meereshöhe, so dörrt der Hals in der außerordentlich trockenen Höhenluft total aus, jede Schluckbewegung schmerzt, und schließlich befällt den Bergsteiger ein heftiger, keuchhustenartiger Krampfhusten, der tagelang andauern kann und erst beim Absteigen wieder verschwindet. Nur ein möglichst gleichmäßiges und langsames Aufeinanderfolgen aller Körperbewegungen, möglichstes Vermeiden jedes plötzlichen Ruckes kann da Erleichterung bringen. Aufstiege auf steilem lockern Geröll oder auf Hängen von pulverigem Schnee mit dem unvermeidlichen Zurückrutschen werden deshalb ganz besonders zur Qual.