Die Mechanisierung aller Bewegungen und die Konzentration aller Kräfte des Organismus auf die rein körperliche Steigarbeit üben dabei eine betäubende Wirkung auf das Bewußtsein aus. Die Benommenheit des Kopfes trübt die Gedanken oder löst verworrene Vorstellungen aus, die ohne jede Beziehung zum augenblicklichen Tun sind. Ein kaum überwindliches Bedürfnis, sich niederzulegen und zu schlafen, stellt sich ein. Es bedarf des Aufwandes der letzten Energie, um der gemütlichen Depression nicht zu erliegen, den Überblick über die Situation sich zu wahren und das Ziel fest im Auge zu behalten. Im Lager über 5000 Meter leidet man darüber hinaus noch an lästigem Auftreiben des Leibes, an Aufstoßen der Magengase, an Appetitlosigkeit, Darmverstopfungen, Brustbeklemmungen, Herzklopfen und schweren Träumen während des Schlafs. Erbrechen, Nasenbluten oder gar Bluten aus dem Zahnfleisch und den Lippen, wie es A. von Humboldt berichtet, habe ich dagegen niemals beobachtet, weder an mir noch an anderen.

Hauptursache dieser Erscheinungen ist zweifellos die ungenügende Zufuhr des für die Lebenstätigkeit notwendigen Sauerstoffs zum Nervensystem und zu den arbeitenden Organen. Sie erzwingt starke Atmungsbewegungen, die durch die Abnahme des Luftdrucks mit zunehmender Höhe noch weiter erschwert werden, und bewirkt Blutstauungen in den Lungen. Übermüdung durch allzu große Anstrengung mag ihr Teil mit beitragen, ist aber nicht ausschlaggebend. Es sind Erscheinungen, wie sie ähnlich auch bei Blutarmut zu beobachten sind. Wirksam werden sie vor allem in Funktionsstörungen des Nervensystems mit ihren psychischen Folgen. Nervenanregende Mittel wie Kola und Champagner sollen deshalb gute Wirkung haben, aber ich habe sie nicht ausprobiert. Der beste Schutz gegen den Soroche bleibt jedenfalls der eigene feste Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen. Planvolle Selbstzucht kann viel dazu tun.

Paul Großer 1902.

Der Reißgletscher (5100 m) am Nordgipfel des Chimborazo.

Nach den Mühsalen unserer Chimborazobesteigung hätte ich gern einen Tag mehr in der Hacienda Cunucyacu Rast gehalten. Aber zum Ausruhen hatten wir keine Zeit mehr; die Tage bis zur Abfahrt nach Europa waren uns knapp zugemessen. Drum ging es schon am übernächsten Morgen wieder früh in den Sattel und bei immer noch stürmendem Ostwind auf dem Pfad, den wir schon Anfang Juni geritten waren, zum Paß Abraspungo zwischen Chimborazo und Carihuairazo hinan. Damals hatte uns der berüchtigte Abras-Paß mit so abscheulichem Wetter traktiert, daß wir von der uns umgebenden Landschaft sehr wenig zu sehen bekommen hatten. Diesmal sah es anfänglich dort oben nicht viel besser aus. Aber als wir die Paßhöhe betraten, lag zu unserer freudigen Überraschung das Abras-Tal mit seiner nächsten Gletscherumgebung ziemlich frei vor uns. Bei jedem Schritt fand ich vollauf meine im Juni aus wenigen Beobachtungen gewonnene Mutmaßung bestätigt, daß wir uns hier im Abras-Tal durch ein altes Gletscherbett von großartiger Ausbildung bewegten.

Zackenfirn (Büßerschnee) am Chimborazo, Westgipfel, bei 6100 m.

Nach einer Zeichnung von Rudolf Reschreiter.

Jetzt sahen wir auch auf dem Oberrand der südlichen Talwände die Stirnen dreier vom Nord-Chimborazo her kommender Gletscher liegen. Der westlichere streckt seine hochumwallte Zunge in der Richtung zum Abraspungo hin aus; es ist der »Abraspungo-Gletscher«. Der östlichere, breitere und längere, hat noch vor relativ kurzer Zeit bis in den Taltrog hineingereicht, wie seine Endmoräne zeigt. Diese mächtige, jetzt bei 4400 Meter endende Eiszunge ist auf keiner Karte zu finden und bisher namenlos. Einer spontanen Regung folgend, rief darum vor diesem Eisstrom Herr Reschreiter aus: »Von nun an soll er Hans-Meyer-Gletscher heißen!« Bald darauf konnte ich mich revanchieren, indem ich seinen weiter östlichen Nachbar, der ebenfalls noch auf den Karten unbekannt und unbenannt war, »Reschreitergletscher« taufte.