Die Talform, die Strohhütten, das zahlreiche weidende Vieh, die Kartoffelfelder, die erquickend frische Luft, die klare Beleuchtung und vor allem die Vegetation an den Wegen und Rainen versetzten uns in eine subalpine Landschaft Europas oder Nordamerikas. Freudig begrüßten wir unter den Pflanzen gute alte Bekannte aus der Heimat: Brombeeren, Berberitzen, Fuchsien, Salbei, Ranunkeln, Alchemillen, Brennesseln, Wegerich, Adlerfarn usw., ja an einer Wiesenecke lachte uns sogar ein Büschel wilder blaugelber Stiefmütterchen entgegen. Dann stiegen wir im Zickzack zu einer Talstufe hinauf, wo die vereinzelten Hütten von Releche (Hacienda 3117 Meter) liegen, und betraten oberhalb davon eine Waldparzelle, in der sich plötzlich eine wunderhübsche Wiese öffnete. Daneben blinkten zwei kleine Seen.
Die Waldwiese auf der Terrasse von Releche ist ein wirklich idealer Lagerplatz (3323 Meter). Schnell waren am Waldsaum unsere beiden Zeltchen aufgestellt, während sich die Peones im Dickicht selbst einrichteten. Wieder einmal genossen wir den Reiz eines stillen Gebirgslagers und stiller häuslicher Enge inmitten einer großen Natur: die Zelte, Feuer, Menschen und Tiere dicht beieinander, Wasser und Holz in bequemer Nähe, während ringsum die große einsame Bergwildnis uns teilnahmlos anzuschauen schien.
Gegen Sonnenuntergang legte sich eine wundersame ruhige Stimmung auf die Landschaft. Gänzliche Windstille ringsum, aber hoch über den uns schützenden Bergrücken segelten die abendlich geröteten Wolken eilig nach Westen. Wie am Abend eines deutschen Vorfrühlingstags pfiff von einem fernen Baumwipfel eine Drossel ihr kurzstrophiges Lied, andere Drosseln hüpften pickend auf der Wiese umher, und auf dem nächsten See flatterten ein paar kleine Enten. An den Blüten der Fuchsiensträucher aber, die auf den verwetterten Berberitzenbäumen am Waldesrand schmarotzen, schwirrten hurtig einige Kolibris und ließen ihre grün metallischen Brustfedern und ihre rotschillernden Schwanzfedern im Licht der Abendsonne wahrhaft Funken sprühen.
Nach Sonnenuntergang begann im Wald der schrille Gesang unzähliger Zikaden, und während wir, von leichtem Paramitoregen ins Zelt getrieben, lagen, lasen und rauchten, schwirrten um die trüberleuchteten Zeltwände große Käfer, und in ihren brummenden Baß klangen die hohen klaren Glockenstimmchen der Laubfrösche hinein, die uns leider noch viel Regen prophezeiten.
In der Nacht trommelten denn auch stundenlang die Tropfen auf unser Zeltdach, und am Morgen lag alles in dichtem nässenden Nebel, als wir mit acht Peones zum Cerro Altar aufbrachen. Unsere Arrieros, die wegen der Steilheit mit den Tieren zurückblieben, richteten sich für die nächsten zwei Tage in einer kleinen Laubhütte möglichst regensicher ein. Die oberste Bergwaldzone, durch die wir nun weiter stiegen, machte uns viel zu schaffen. Von Schlinggewächsen, grünen Epiphyten, langen grauen Bartflechten und dicht wucherndem Unterholz ist der Wald durchsponnen und gleichsam verfilzt. Bis an die Knöchel versinkt der Fuß in dem schwarzen Morast des Pfades, den das oben in den Páramos weidende Vieh beim Auf- und Abtrieb zertrampelt, und über gestürzte Baumstämme weg müssen sich die Peones mit ihren Lasten abmühen. Bald wird der Anstieg so steil, daß an Stelle des Pfades Stufen und Löcher treten, in denen der Fuß Halt sucht. Alles trieft von Nässe, und auf dem schlüpfrigen lehmigen Boden gleitet einer nach dem andern fluchend aus. Trotzdem ließen die Peones ihre Lasten nicht liegen. In 3490 Meter Höhe überschritten wir die obere Waldgrenze. 200 Meter höher hatten wir über dem letzten Fuchsiengestrüpp die Grasregion des Páramo bei 3700 Meter erreicht, wo der Boden etwas fester war. Aber die Steilheit hielt an, und dazu gesellte sich auf der freien Höhe kalter Wind mit fortdauerndem Nebeltreiben.
Bei 4200 Meter Höhe traten wir in die Region der Polsterformation ein. Weithin verdrängen an feuchteren, leicht gesenkten Stellen die dunkelgrünen, bis zu ½ Meter hohen runden Kissen von Werneria, Pectophytum und Azorella den Graswuchs fast gänzlich. Die Polster der dichtgedrängten kleinen Pflanzen sind so fest, daß man mit dem eisenspitzigen Stock nur oberflächlich eindringen kann, aber neben ihnen heben sich zahlreiche kniehohe Blütenstengel einer goldgelben Senecio empor, wie freundliche Lichtgestalten aus schwerer träger Materie. Die Sonne, die sie hervorgezaubert, ließ uns jedoch im Stich. Der Nebel teilte sich zwar etwas, aber der Blick reichte nicht weit: nur braungrasige Kuppen und Berglehnen. Dazu begann es gegen Mittag bei 4230 Meter lustig zu schneien.
Jetzt war es an der Zeit, die tiefgesunkenen Lebensgeister meiner Peones durch eine reichliche Spende von Maisbranntwein (Chicha) zu heben, den ich zu diesem Behuf in gehöriger Menge mitgenommen hatte. Das Zeug schmeckt abscheulich, ist aber den Indianern der höchste der Genüsse. Die Kerle folgten denn auch dem großen strohumflochtenen Schnapskrug wie die Sarazenen der Fahne des Propheten.
Glücklicherweise waren wir bald danach auf der Höhe des langgestreckten, dem Altar vorgelagerten Bergrückens (Loma de Tunguraquilla). In tausendfachen Windungen läuft der Pfad nahe seinem Grat um kleine Sümpfe und Bachrisse herum nach Osten, immer durch struppiges, büscheliges Páramogras, bis er in 4275 Meter Höhe plötzlich steil nach Südosten in ein breites trogförmiges Tal abbiegt, dessen tiefgeschluchteten, unpassierbaren Mittellauf wir hier oben auf diesem Umweg hatten umgehen müssen. Es ist das Val de Collanes.
In Regen, Wind und Schnee stiegen wir an den abschüssigen grasigen Hängen auf dem von Nässe und Lehm glitschglatten Pfad zur sumpfigen Ebene des Collanes-Tales hinab, ein typisches altes Gletscherbett, das nach Osten in ein ungeheures, von Schnee und Eis erfülltes Felsen-Amphitheater übergeht: die Caldera des Altar. Ein wundervolles hochalpines Diorama im Treiben der Nebel. Hier endlich beginnt das vulkanische Gestein des Cerro Altar. Unten scheuchten wir eine Herde halbwilder Rinder auf, die stürmisch entflohen wie ein Rudel Hirsche. Wir folgten dem festen Geröllsaum des Baches, dessen grautrübes Wasser die »Gletschermilch« verrät, bis an den Fuß der vordern Calderawand, wo sich oben rechts und links von den Eismassen her zwei alte Moränenwälle in die Talebene vorschieben und an den Enden miteinander verschmelzen. Dichter, von Moos und Flechten fast erdrückter niedriger Buschwald hat ihre Blockhaufen überwuchert, und dort, am untern Rand der südlichen Moräne, wo es Brennholz und Wasser gibt, fand sich bald ein geeignetes Plätzchen (3964 Meter) für unsere beiden Zelte, während die Peones sich abseits eine Zweig- und Grashütte bauten. Es war ein trüber, nasser, kalter Lagerplatz. Wetter und Weg hatten uns allen tüchtig zugesetzt, neun volle Stunden waren wir von Releche an auf den Beinen gewesen, und es versteht sich, daß wir nach Einnahme unserer üblichen Reissuppe uns schleunigst in die trockenen, weichen, warmen Schlafsäcke verkrochen, mit dankbaren Gefühlen für die seligen Opossums, die uns ihren molligen Pelz im Dienst der Wissenschaft geopfert hatten.
Am nächsten Morgen war bei hellerm Wetter die Situation klarer. Wir sahen uns in einem ungeheuern Taltrog, dessen steile, himmelhohe Felswände sich im Osten zum Kraterzirkus des Altar halbkreisförmig zusammenschließen. Der gletscherbedeckte Calderaboden (Plazabamba genannt) liegt etwa 340 Meter über unserm Lagerplatz, und von uns hinauf ziehen die beiden hochgewölbten Schutt- und Blockwälle, die uns bekunden, daß die Gletscherzunge, die jetzt dort oben in 4300 Meter Höhe auf einer steilen Felsstufe endet, sich einst bis hierherunter zu 3960 Meter Höhe erstreckt hat. In dieser Ausdehnung ist der Gletscher lange Zeit stationär gewesen, während deren er diese großen Schuttmassen an seinem Rande absetzen konnte. Als dreißig Jahre vor mir die deutschen Geologen Reiß und Stübel hier weilten und in wiederholten längeren Besuchen den vulkanischen Bau des Cerro Altar studierten, reichte der Kratergletscher noch in einer imposanten Eiskaskade bis an den Fuß der Felsstufe herab.