Der Pflanzenwuchs dringt auf unserm Volcan in einer langen Zunge weit in die vegetationslose Zone der jungen Moränen vor, die rechts und links von unserm Lavadamm sich bergab erstrecken. Am ganzen westlichen Antisana rückt die Vegetation in ziemlich geschlossener Gras- und Staudendecke bis dicht an die Moränengrenze hinan. Es fehlt hier jener öde Gürtel von Bimssteinanhäufungen, der am Chimborazo und am Cotopaxi von der Moränengrenze an noch einige 100 Meter tiefer am Berg hinabreicht und dem Andrang des vegetabilen Lebens äußerst lange und zähe Widerstand leistet. Es fehlt aber auch, da die Schneegrenze des Antisana wegen seiner großen Feuchtigkeit verhältnismäßig tief liegt, jene sterile Zone von Gehängeschutt, die sich auf Bergen mit hochliegender Schneegrenze, wie dem Chimborazo, zwischen die Moränen und die Vegetationsgrenze aus klimatischen Gründen einschiebt. Auf unserm in die Eiswelt eindringenden Lavastrom, der wie eine schmale Halbinsel in ein Polarmeer hineinragt, verschwinden mit zunehmender Höhe von etwa 4300 Meter an allmählich die höheren Gräser; die geselligen Kräuter überwiegen, aber kleine Gräser und Zwergsträucher sind noch zahlreich eingestreut. Von 4500 Meter an wird die Vegetationsdecke immer offener und dünner, aber noch am Rand der sterilen, den Oberteil des Volcans verschüttenden Moränen bei 4700 Meter ist das Wachstum so kräftig, daß man annehmen muß, diese Formation, die man wohl am besten als Fels- und Geröllformation bezeichnet, würde, wenn der Lavastrom noch 100 bis 200 Meter höher hinauf reichte, in langsamer Auflösung ebenso hoch hinaufgehen, ehe sie an den klimatischen Extremen ihre letzte Schranke findet. Nur die tiefliegende Eisgrenze des Antisana, nicht extreme Temperaturen oder extreme Trockenheitsgrade lassen hier die Vegetation nicht höher steigen.
Es ist eine prächtige Gletscherlandschaft, die unser Zeltlager in der Runde umgibt. Zum Berg hingewandt haben wir rechts von uns und über unserm Lavastrom die lange Eiszunge des Westgletschers, links einen höher am Berg endenden kürzern Eisstrom, beide auf mächtigen Moränenkegeln ruhend, und weiter das große Firnfeld, dessen weite Flächen sich zum Sattelkamm zwischen den beiden Antisanagipfeln hinanheben.
Während Herr Reschreiter ein farbiges Bild des Westgletschers zu malen begann und unser Cholo zwischen Felsblöcken eine Küche zurechtmachte, stieg ich mit Santiago, der allerlei tragen mußte, auf den Moränenhügeln zum Eis des Westgletschers empor. Dabei bemerkte ich etwa 50 Meter unterhalb des offenen Gletscherfußes an Wasserrissen, daß unter dem Schutt das pure Eis liegt. Auf dem rutschigen Schutt kamen wir in einer Stunde auf das Eisfeld selbst hinauf (bei 4900 Meter), wo nach rechts und links der West- und der Guagraialinagletscher abzweigen; aber nördlich vom Guagraialinagletscher tritt nun noch ein anderer längerer Eisstrom hervor, der dort gegen den dunklen Yana-Volcan anströmt und von ihm in zwei wildbewegte Arme gespalten wird. Ich nenne ihn Yanagletscher. Die blauweißen Eismassen kontrastieren scharf mit dem dunkelbraunen Lavastrom, den sie umschließen. Trotzdem spricht sich in der langgezogenen, gewundenen Gestalt und in den schrundigen, zackigen Oberflächen beider eine gewisse Verwandtschaft zwischen dem erstarrten Feuerstrom und dem erstarrten Wasserstrom aus. Aber das ganze Landschaftsbild sagt uns, daß die Erstarrung des Wasserstroms keine Bewegungslosigkeit ist. An geologischen Zeitmaßen gemessen, erscheinen die Firn- und Eisfelder des Antisana in ihrem großen Zusammenhang als ein bewegtes Meer, das gegen den breiten Küstensaum der Moränenzone anbrandet und ihn da und dort mit der mächtigen Spritzwelle einer Gletscherzunge überflutet. Auch dieses Meer hat seine Gezeiten, in denen es als Ganzes zurückweicht oder vordringt, aber ihre Dauer rechnet nach Tausenden von Jahren.
Diese Gletscher des westlichen Antisana sind nicht in Tälern eingezwängte Eisströme wie unsere alpinen, sondern Zipfel des großen, den Antisanakegel umhüllenden Eismantels, die da über den im ganzen gleichmäßig verlaufenden Saum des Mantels vorspringen, wo in kaum bemerkbaren Bodenvertiefungen das Eis mehr hindrängt als an anderen Stellen. Lange Gletscherzungen können sich nicht bilden, da wegen der Kegelgestalt der Berge das Zehrgebiet der Eisdecke breiter ist als das Nährgebiet. Es handelt sich also am Antisana um sogenannte »Firngletscher«.
Auf dem schneebedeckten Eisfeld über dem Westgletscher wanderten wir wie im bequemen Spaziergang bergan. Es ist lauter Gletschereis, was wir unter den Füßen haben. Wohl ein Kilometer breit und fünf bis sechs Kilometer lang, bedeckt dieser untere Saum des großen Antisana-Eismantels die schwachgeneigten niederen Hänge des Berges. Bergaufwärts ist das Eisfeld anfangs ganz spaltenlos, geht dann aber mit dem Beginn der starken Steigung in große Eisbrüche über, die für den obern Antisana charakteristisch sind. Der Schneeüberzug unseres Eisfeldes war körnig und fest und trug vorzüglich. Weithin glänzte die Oberfläche von blankem »Eisfirnis«. Ich sah, daß wir am nächsten Tag anfangs leichtes Spiel haben würden. Das Nebeltreiben um die Gipfel beruhigte und lichtete sich zeitweilig, so daß ich photographieren und mit dem Fernglas die Firnfelder der Gipfelregion und des Sattelgrates inspizieren konnte. Da sah ich u. a., daß dort oben viele der dem Wind und der Sonne stark exponierten Firnkuppen und Hänge jene eigenartige, in zahllose Klippen und Zacken zerfressene Oberfläche (Nieve penitente, Büßerschnee, Zackenfirn) hatten, wie wir sie schon in den obersten Regionen des Chimborazo beobachtet hatten. Sie sind hier wie am Chimborazo auf die oberste Region von etwa 5400 Meter an beschränkt, wo der Wind, die Sonnenstrahlung, die Lufttrockenheit und die Verdunstung am stärksten und wo die durchlässige Firndecke am dicksten und noch am wenigsten fest vereist ist.
Von dem flachen Schneefeld, wo der Westgletscher abzweigt, stiegen wir auf die Zunge des Gletschers; sie ist von der Wurzel (etwa 4900 Meter) bis zum Ende (4580 Meter) etwa anderthalb Kilometer lang. Mit steilen, oft senkrechten Seitenwänden von 10 bis 15 Meter Höhe hebt sich die langgestreckte Eismasse über die Schutthalden, die ihren Fuß bedecken. Der Gletscher schmiegt sich nicht wie unsere Alpengletscher mit flachgeböschter Oberfläche in sein konkaves Bett, sondern ragt dammartig daraus empor wie einer der oben geschilderten Lavaströme. Querspalten sind zahlreich, aber nicht tief und meist mit Schnee gefüllt. Je näher dem Zungenende, desto mehr zerklüftet und an den Seiten zerschmolzen ist der Gletscher, und schließlich löst er sich in ein großes Haufenwerk von Séracs und bizarr gestalteten Schmelztrümmern auf, unter denen der Eisfuß wie ein zäher Teig breit ausläuft.
Vor der Gletscherstirn (4580 Meter), die sich auf einem hohen Schuttkegel erhebt, liegen vier konzentrische Moränenbögen und bezeichnen vier Haltepunkte im Rückgang des Gletscherendes. Die unterste Grenze dieser jungen Endmoränen ist bei etwa 4500 Meter zu ziehen. Und darunter dehnt sich ein Rundhöckergebiet älterer Gletscherwirkung, deutlich erkennbar bis zu ungefähr 4200 Meter hinab und etwa 600 Meter breit, zum südlich benachbarten Lavastrom Sarahuazi hinüber aus.
Ins Lager zurückgekehrt, fanden wir zwei zufriedene Menschen vor: Herr Reschreiter war vergnügt, weil ihm seine Farbenskizze des Westgletschers vortrefflich gelungen war, und der Cholo schmunzelte, weil er einen delikaten Locro zustande gebracht hatte. Als wir den beiden Kunstwerken die gebührende Ehre angetan hatten, legten wir uns an den Felsen in die warme Sonne, schauten den Rauchwölkchen unserer Tabakspfeifen nach und dachten an weiter nichts als an die Schönheit der Welt. Den ganzen Tag war es auffallend windstill und warm gewesen. Nirgends auf unserer Reise in Hochecuador haben wir einen so windstillen Lagerplatz gehabt wie hier. Obwohl wir oben die vom Ostwind getriebenen Wolken über den Firnsattel wie einen breiten Wasserfall herabgleiten und zerfließen sahen, spürten wir doch hier in 4700 Meter Höhe kaum einen Hauch. Wir waren im Windschatten des Berges. Erst spät am Nachmittag gewannen die aufsteigenden Luftströme die Oberhand, und mit ihnen zogen schwere Nebel von unten herauf und umwirbelten uns gegen Abend erst mit Graupeln und dann mit feinflockigem Schnee, so daß wir bald ein weißes Zeltlager hatten. In der Nacht klärte es sich auf, aber nun fegte der allnächtliche Fallwind stoßweise vom Berg herunter und drückte die Temperatur auf –2°.
Am Morgen waren die Zelte steif gefroren, der Schnee draußen hart. Aber die erhoffte Klarheit war mangelhaft. Der Berg hatte seinen üblichen großen runden Wolkenhelm und überschüttete uns schon wieder mit einzelnen Graupelböen. Im Westen hingegen, nach dem interandinen Hochland und seinen Vulkanbergen hin, war es herrlich klar. Dort präsentierte der Cotopaxi im rosaroten Morgensonnenglanz seine beschneite Nord- und Ostseite. Auf der Nordseite strecken einige lange Lavaströme ihre dunklen Grate bis zu etwa 5000 Meter Höhe in den Schneemantel hinauf, während auf der Ostseite der dort nur wenig gezackte Saum der Firn- und Eisdecke bis etwa 4400 Meter und stellenweise 4300 Meter herunterreicht. Ein feiner Puder von Neuschnee lag auf der Ostseite des Cotopaxi bis zu etwa 4000 Meter herab; auf den Osthängen des Sincholagua ungefähr ebenso tief, aber auf denen des Rumiñagui, des Corazon und des Iliniza, die schon nahe an oder auf der Westkordillere stehen, beträchtlich höher.
Während es bei uns leise weitergraupelte, setzte ich mich nach 7 Uhr mit Herrn Reschreiter und Santiago bergauf in Bewegung. Sobald wir aus unserm Felsenschutz heraus waren, überfiel uns gleich der pfeifende, eisige Wind und der uns entgegenstiebende körnige Neuschnee. Um 8 Uhr waren wir über die Moränen weg an der Eisgrenze bei 4900 Meter Höhe, und nun ging es mit dem Seil auf dem festgefrorenen Schneefeld flott bergan. Das ganze Firnfeld schien gegen uns in Bewegung zu sein: in Tausenden von kleinen Strömen floß der windgetriebene Hochschnee auf uns zu. Noch legten sich uns keine Spalten in den Weg, und noch hatten uns die vom Mittelgrat herabflutenden Wolken nicht erreicht. Aber nach einer Stunde begannen mit der stärkern Steigung des Berghanges die Spalten bei 5100 Meter Höhe. Da sie großenteils mit Neuschnee verweht waren, hieß es vorsichtig sein. Herr Reschreiter, der hier als vorderster am Seil ging, sondierte mit dem Pickel Schritt für Schritt, aber plötzlich brach er durch und saß bis an die Brust in einem Loch, während sein Unterkörper frei über der Tiefe hing. Glücklicherweise fand er für seine Fußspitze einen Stützpunkt in der Spaltenwand. Behutsam verankerte er sich seitwärts mit dem Pickel im festen Eis, langsam drehte er sich auf die Seite, langsam zogen wir mit gegengestemmten Pickeln am straffen Seil, und nach ein paar Sekunden konzentrierter Kraftanspannung standen wir wieder beieinander.