Nach einer Zeichnung von Rudolf Reschreiter.
In der Frühe des 28. Juli lag um unsern Hato dicker Reif bei 2° Kälte, und die Luft war unsichtig von Nebel. Als aber um 7 Uhr die Sonne über den Eiskamm des Antisana herüberblitzte, brachen wir auf und ritten an der Westseite des Lavastroms entlang über ebene Páramoflächen bergan. Der Pfad war gut, das Wetter schön, der Wind noch linde. Der Antisana hatte eine prachtvoll kuppelförmige, weiße Wolkenhaube über seine beiden Gipfel gestülpt, die ihn als einen einzigen ungeheuern Schneedom erscheinen ließ. Vom Rand der Haube flossen fortwährend kleine Wolkenzüge nach der Westseite herab und verflatterten schnell; das nämliche schöne, aber nichts Gutes versprechende Spiel, wie wir es am obern Chimborazo erst angestaunt und dann schmerzlich zu fühlen bekommen hatten.
Nordwestseite der Caldera des Cerro Altar.
Zu unserer Rechten zog der Guagraialina-Volcan hochgewölbt und blockig einher. Nach einer Stunde kletterte unser Pfad an einer günstigen, sattelartigen Stelle über den Lavawall weg. Und da lohnte es sich wahrlich, eine kurze Umschau über dieses merkwürdige Gebilde der jüngsten vulkanischen Tätigkeit des Antisanakegels zu halten. Wie eine dunkelbraune, grüngefleckte Riesenschlange windet sich der Lavastrom von der mittlern Westseite des Antisana auf den leicht abfallenden unteren Berghängen herab. Wir sehen ihn oben (bei 4700 Meter) unter den Moränenhalden der Eisgrenze hervorkommen. Er ähnelt im Aussehen und in der Gestalt sehr dem Antisanilla-Volcan, aber er ist weder so lang noch so hoch noch so breit wie jener; seine Länge mißt etwa fünf Kilometer, seine Höhe in den mächtigsten Teilen 40 bis 50 Meter, seine Breite bis zu 500 Meter. Auch dieser Volcan erscheint wulstförmig, dammartig, hat steile Seitenböschungen und eine unregelmäßig hügelige Oberfläche. In der Mittelachse seiner ganzen Längserstreckung ist er mehr oder weniger eingesunken, so daß er eine breite Rinne mit höheren Seitendämmen bildet. Die Entstehung ist klar: Während die Seitenteile des Lavastroms schnell erkaltet und erstarrt sind, ist die glühende Lava zwischen ihnen weitergeflossen. Allmählich erstarrte auch die ganze Oberfläche, und die Lava floß, immer zäher und träger werdend, wie in einem Tunnel weiter. Als dann der Inhalt des Tunnels ausgeflossen war, sank die Oberfläche des Tunnels ein.
Der Hato del Antisana (4095 m).
Der Guagraialina-Volcan ist aber nicht der einzige seiner Art am Antisana. Von seinem Rücken aus sehen wir am Südwesthang des Berges, nahe der Eisgrenze, ebenfalls unter dem hellgrauen Kranz von jungen Moränen einen zweiten, kürzern, aber im Endteil breitern Volcan herauskommen, der dem unsern in seiner ganzen Erscheinung gleicht. Seinen Namen Sarahuazi (Maisberg) führt er von den vielen gelblichen Bimssteinbröckchen, die an seinem obern Ende (4715 Meter) aufgeschichtet liegen.
Schließlich trifft nördlich von uns unser suchendes Auge auf einen dritten Lavastrom, den Yana-Volcan (yana = schwarz oder dunkelbraun), den höchstragenden von allen, der wie eine schwarze zackige, 50 bis 60 Meter hohe Mauer aus der Eisdecke des Antisana bei 5050 Meter heraustritt und das weiße Firnfeld durchschneidet, aber nahe unter der Eisgrenze mit etwa 300 Meter Breite endet. Er sieht noch frischer aus als der Guagraialina und hat noch mehr als dieser eine ausgeprägte Rinnenform.
Vom Ostfuß des Guagraialina eilten wir in einem breiten Bachtal dem Westgletscher des Antisana entgegen, der oben in das Tal mündet. Links von der Gletscherzunge wurde auf den obersten Felsen des Guagraialina-Volcan unser in Aussicht genommener Lagerplatz sichtbar. Dorthin hatten wir eine alte grasbewachsene Ufermoräne des einst so viel längern Gletschers zu erklettern, die mit schönen Aufschlüssen bis zu etwa 4200 Meter Höhe herabreicht. Um ½11 Uhr waren wir nach längerm Stolpern und Steigen über Schlacken und Sande mit unseren Tieren auf dem obersten kleinen Grasfleck angelangt, wo im Schutz einiger großer Lavablöcke die Zeltchen aufgeschlagen wurden (4695 Meter). Ich schickte die Karawane nach dem Hato hinunter, von wo sie uns in zwei Tagen abholen sollte. Bei uns blieben Santiago und unser indianischer »Führer«, der aber nie vorher hier oben gewesen war.