Breit und mächtig wie der Niagarafall kommt er über den Talrand herunter. Es muß ein Schauspiel sondergleichen gewesen sein, als hier seine Schlacken und Blockmassen in furchtbarem, unaufhörlichem Drängen und Schieben, getrieben von der unsichtbaren Gewalt des glühenden Magmainnern, mit Knirschen, Krachen und Donnern in die Tiefe des Tals stürzten, wo der wütende Kampf mit den Bachwassern begann, und als dann im Tal die ungeheure höllische Schlange dampfend und lärmend, träge, aber unaufhaltsam weiterkroch.

Die Sonne hatte es den ganzen Vormittag gut mit uns gemeint. Dann hatten verdächtige lange Cirrusstreifen immer dichter den Zenit umschleiert, und nun begann es, je weiter wir auf die offenen Páramos hinaufkamen, immer steifer aus Osten vom Antisana her zu blasen. Dort hing dickes Gewölk tief herunter und gönnte uns keinen einzigen Blick auf den nahen Schneeriesen. Bei 4000 Meter rasteten wir in einer flachen Mulde inmitten einer wunderbaren Flora von kniehohen Culcitien, die hier zu Hunderten ihre hellgrauen pelzumhüllten, von faustgroßen grauen Blütenköpfen beschwerten Gestalten zwischen dem dunklen Grün der Werneriapolster emporstreckten.

Jenseits der Culcitienmulde erschien endlich vor uns im wehenden Nebel die längliche strohgedeckte Steinhütte des Hato del Antisana (4095 Meter), die wir um die Mitte des Nachmittags erreichten. Nachdem die Hacienda, die früher hier gestanden hatte, in den neunziger Jahren abgebrannt war, benutzt man jetzt die daneben in einer windgeschützten Bodensenke gelegene Hütte als Hato. Er ist mit 4095 Meter eine der höchstgelegenen menschlichen Wohnungen Ecuadors. Als Bewohner fanden wir drei indianische Hirten vor, die den mittlern Raum für uns freigaben. Es sind nur vier rohe Steinmauern mit dem Grasdach darüber, ohne Fensteröffnungen und ohne Rauchabzug. Hier machten wir Standquartier für unsere Antisanatour.

Zwischen uns und dem Berg zieht welliges Páramogelände, eine grünlichbraune Hochsteppe, leicht hinan, durchwunden vom rötlichgrauen Band eines mächtigen jungen Lavastroms, des Guagraialina-Volcans. An der Stelle, wo dieser am westlichen Bergeshang hervorkommt, legt sich um die uns zugekehrte südwestliche und westliche Bergseite zwischen 4500 und 4800 Meter Höhe ein breiter Gürtel von hellgrauem frischen Moränenschutt, und darüber strebt das schneeige Bergmassiv des Antisana zu zwei runden Gipfeldomen himmelan; rechts der steilere, von schroffen Felswänden getragene Südgipfel (5620 Meter), links der höhere, breitere Nordwestgipfel (5756 Meter), dazwischen ein etwas niedrigerer zackiger Sattel mit dem kleinen, spitzen Westgipfel; alles überzogen von einem ungeheuern Firn- und Eismantel, der, in den oberen Bergpartien wild zerrissen, in den unteren sanft ausgeglichen, bis zur Moränenzone bei 4800 Meter herabwallt.

Den ersten vergeblichen Versuch, den Antisana zu besteigen, hat Alexander von Humboldt 1802 gemacht. Nach ihm ist Alphons Stübel am 25. September 1871 bis zu 5493 Meter Höhe gelangt. Bezwungen worden aber ist auch dieser Berg bisher nur durch Edward Whymper am 10. März 1881. Wir haben vom 28. bis 30. Juli 1903 an und auf dem Eis des Antisana gearbeitet und die Westseite bis über Stübels höchsten Punkt auf dem Mittelgrat bestiegen.

2. Die Besteigung.

(Siehe Karte, [Seite 130].)

Wir hatten in aller Klarheit auf dem offen vor uns ausgebreiteten Bergpanorama die Richtung ausfindig gemacht, in der ein Vordringen in die höchsten Regionen möglich erschien, und wollten oben von der Ursprungsstelle des Guagraialina-Lavastroms, der hier unten am Hato del Antisana endet, über die Firnfelder hinauf zum Sattel zwischen den beiden Gipfeln aufsteigen, um dann eventuell nordwärts dem Hauptdom zuzustreben. Das war im allgemeinen auch Stübels und Whympers Route.

Der Canonico (5355 m), Nordgipfel des Cerro Altar.