Auf einem fürchterlich gepflasterten Serpentinenweg geht es dann zum Rio San Pedro hinunter. Die Mulas rutschen und stolpern; wer hier stürzt, bricht unfehlbar das Genick. Aber wäre der Weg nicht gepflastert, so wäre er an dem steilen Berghang in der Regenzeit monatelang überhaupt nicht passierbar. Das läßt man sich wohl in der »Provinz« gefallen, aber nicht hier in der Nähe der Hauptstadt, deren reiche Leute ihre Haciendas draußen in der Quitomulde haben und jederzeit mit ihnen verkehren wollen.

Eine alte Steinbrücke führt uns unten über die tiefe, kaum 10 Meter breite Quebrada eines Nebenflusses des Rio San Pedro, in deren Grund die tuffbraunen Fluten gurgeln. Lotrecht und glatt wie mit dem Spaten sind die Wände des Cañons in den Tuff eingeschnitten, und diese Tuffmassen, diese klammartigen Erosionsschluchten treffen wir fernerhin überall in der Quitomulde, wo wir Bäche zu passieren haben. Jenseits des Dorfes Conocoto (2594 Meter) überschritten wir auf einer neuen Eisenbrücke die schäumenden Wasser des stattlichen, 20 Meter breiten Rio San Pedro und kamen durch Staub und Glut nach Mittag im Städtchen Sangolqui (2561 Meter) an, wo uns die übliche Staffage der ecuatorianischen Provinzstädtchen umgab: baufällige, wegen der Erdbeben nur einstöckige Häuser; Schmutz, Schweine und Hühner auf den Straßen, wenige und lumpige Menschen.

Ganz allmählich hebt sich unser Terrain ostwärts. Zur Linken haben wir den frei in der Talebene stehenden, stark abgestumpften Vulkankegel Ilaló (3161 Meter), weiter zur Rechten erheben sich die breiten Sockel des Pasochoa (4255 Meter) und des Sincholagua (4988 Meter). In der Lücke zwischen beiden erscheint aber in der Ferne der Wunderberg Cotopaxi mit seinem ungeheuern, schnurgerade nach Osten hinausflatternden Wolkenschleier. Auf seiner wolkenfreien Nordwestflanke glitzern drei Gletscher im Sonnenlicht.

Die Sonne stand schon tief zwischen dem Pichincha und dem Atacatzo, als wir in das kleine Kirchdorf Pintac (2925 Meter) einzogen. Da aber das Nest bitterwenig einladend aussah, ritten wir ohne Aufenthalt nach der Hacienda Pinantura weiter, die nur eine kleine Stunde entfernt sein sollte. Erst ging es auf langgestreckten, buschbewachsenen Höhenrücken entlang, in deren graugelbe Tuffmassen der Reitpfad durch langjährige Benutzung oft mehrere Meter tief eingeschnitten war. Darauf wurde die Landschaft mehr und mehr páramoartig. Schon schlichen nächtliche Schatten aus den Niederungen an den Bergen empor. Plötzlich standen wir am scharfen Rand einer düstern Talschlucht, der Quebrada Guapál, die in der Dämmerung nur noch tiefer erschien, und sahen im Abendschein am jenseitigen Rand die Hütten der Hacienda Pinantura. Da hinabzureiten wäre in der Dunkelheit für einen Ortsunkundigen Selbstmord; nur unser Führer riskierte es. Wir andern tappten und rutschten zu Fuß auf dem steinigen, tiefgefurchten, buschbewachsnen Pfad hinter ihm her, unsere Tiere am Zügel nachziehend. Es war stockfinstere Nacht geworden, und der dünne Schimmer der Mondsichel drang nur mit vereinzelten Blinklichtern ins Dickicht. Alle paar Minuten lag einer von uns am Boden und machte seinem Zorn und Schmerz durch einen kräftigen Fluch Luft. Wer das letztere noch nicht gekonnt hat, der lernt es in Ecuador. Endlich brausten unter uns die Wasser im Talgrund. Ohne eine Spur davon im Dickicht zu sehen und ohne zu ahnen, wohin es ging, kletterte ich in der Finsternis auf meine herangezogene, widerstrebende Mula und ließ sie gottbefohlen ihren Weg im Dunkeln suchen. Sie folgte, vorsichtig tastend und laut schnaubend, dem Tier des Führers, aber langsam landete mich das brave Tier am andern Ufer ohne Sturzbad. So ging es dicht hintereinander durch vier reißende Bacharme. Beim vierten half schon das einfallende Mondlicht mit, und allmählich näherten wir uns dem jenseitigen Oberrande der Quebrada, wo die Hütten der Hacienda Pinantura (3174 Meter) vor uns auftauchten. Ein altes Weib öffnete auf des Führers Zuruf das verrammelte Tor. Wir nahmen vom sogenannten Zimmer des Mayordomo Besitz, wo neben Haufen von Kartoffeln und Mais ein zerbrochener Tisch und ein Möbel standen, das einst vermutlich ein Sofa gewesen war, und in der Ecke sogar eine Art Bettstelle mit Strohsack. Alles klebte von Schmutz; die aus Lehm zusammengepatzte Stubendecke war, wie gewöhnlich, halb heruntergefallen, und natürlich war es hundekalt, da ebenso natürlich kein Ofen vorhanden war. Aber unsere Schlafsäcke halfen uns über alle Widrigkeiten hinweg.

Vor Sonnenaufgang des nächsten Morgens trat ich vor die Haciendamauer an den Rand der düstern Quebrada Guapál. Darüber hinweg weitet sich eine wundervolle Aussicht nach Westen über die große, langsam westwärts sich senkende Ebene der Quitomulde bis zum fernen dunstigen Pichincha, der langgestreckt und mit sanften Hängen das Panorama im Westen abschließt. Seine breiten Gipfel heben sich nur wenig über die flache Wölbung des schildförmigen Massivs, der höhere Südgipfel (Guagua-Pichincha 4787 Meter) mit ein wenig Schnee, aber ohne die leiseste Spur eines Kraterwölkchens.

Nach Osten schweifte der Blick über die leicht ansteigende Ebene bis zum breitbuckeligen, felsigen Sincholagua, dessen kleiner Gipfelgletscher im Morgenlicht rosig schimmerte, und südwestlich hinter seinen langen dunklen Ausläufern leuchtete aus der Ferne die oberste Firnkuppe des Cotopaxi herüber, der eine zarte orangerote Dampfwolke entflatterte wie eine feingetönte Straußenfeder.

Die schnell aufsteigende Sonne mahnte zum Aufbruch. Mit nur fünf Peones im Gefolge, die am Antisana unser Gepäck von den Maultieren übernehmen sollten, ritten wir los. Der Pfad führt langsam an der steilen Innenwand der Quebrada bergan. Unsere ganze Aufmerksamkeit war aber nun von einem auf der Talsohle liegenden Lavastrom, dem Volcan de Antisanilla, gefesselt, dem größten Lavastrom Ecuadors.

Sein Ende liegt bei 3045 Meter im Talgrund, und bis dahin zieht der »Volcan« (Lavastrom) wie ein riesiger Damm oder wie ein hochgewölbter Gletscher in der Quebrada entlang. Im Endteil hat er noch eine Mächtigkeit von etwa 130 Meter bei etwa 200 Meter Breite. Seine Oberfläche erreicht aber nirgends ganz das Niveau der oberen Talränder. Oft ist er in der Mitte seiner Laufrichtung eingesunken und rechts und links von großen Längskämmen überragt. Man sieht dem Volcan überall die allmähliche Erstarrung in langsamer Bewegung an. Er ist dick mit Trümmern bedeckt, so daß man das Ganze leicht für bloße Schuttmassen halten kann.

Hell hebt sich bei Sonnenlicht der graubraune Lavastrom von den grünen baum- und buschbewachsenen Talwänden der Quebrada Guapál ab. Seine Oberfläche hat aber doch trotz seiner Jugend schon einen grünlichen Anflug, stellenweise sogar einen Überzug von Vegetation. Es sind Flechten, kleine Gräser, Farne, Steinbrechstauden und niedriges Gestrüpp, die sich auf seinen harten Blöcken, Schlacken und Sanden angesiedelt haben. Für die Dauer dieses stillen, aber harten Kampfes der Pflanzen um neuen Boden haben wir gerade im Lavastrom von Antisanilla einen guten Maßstab an seinem ziemlich genau festzustellenden Alter. Wie Theodor Wolf nachgewiesen hat, war der Lavastrom 1767 schon vorhanden, und da Humboldt eine Eruption des Antisana aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts, »wahrscheinlich von 1728«, erwähnt, aber von weiteren Ausbrüchen nichts berichtet wird, so kann man mit ziemlich großer Sicherheit das jetzige Alter des Volcan auf 1¾ Jahrhunderte berechnen.

Nach kurzem Ritt schwenkten wir aus der Quebrada Guapál südwärts ab und kamen draußen auf dem Plateau wieder in eine Zone von bösartigen Tuffen, in die sich die Reitwege noch tiefer eingeschnitten haben als in die Tuffe zwischen Pintac und Pinantura. Steil geht es dann über grasige Páramohügel hinauf, wo die höchsten kleinen Gerstenfelder der ganzen Gegend bei 3380 Meter liegen, und endlich durch ein primitives, das Vieh abhaltendes Holzgatter, die Puerta de Guamani (3544 Meter). Hier stehen wir plötzlich wieder am Rand der Quebrada Guapál und haben darin von neuem den Lavastrom von Antisanilla vor uns, und zwar in seiner großartigsten Mittelpartie. Hier wälzt er sich auf der uns gegenüberliegenden nördlichen Talseite, unsichtbar woher, einem versteinerten Katarakte gleich, über den Rand der Quebrada und über die hohe Talwand hinab in den Talgrund.