Beim Aufstieg zur Loma de Tunguraquilla konnte ich wieder einmal die Leistungsfähigkeit der Peones bewundern. Mit ihren 40 bis 60 Pfund schweren Lasten auf dem Rücken stürmten diese Burschen eine Stunde lang ohne Rast den steilen, grasigen Berg hinauf in einem Tempo, daß uns beiden nur mit Eispickel und Rucksack beschwerten Europäern der Atem ausging und das Herz zu springen drohte. Oben angelangt, vergossen die Leute zwar Ströme von Schweiß, waren aber sonst nicht im mindesten von der Anstrengung ermattet; sie haben Herzen wie eiserne Pumpen.
Diesmal war unser Marsch über diese Páramohöhen sonnig, warm und aussichtsreich. Ein frischer Wind fauchte im hohen Sigsiggras, wie in einem heimatlichen Fichtengehölz, kleine Hasen huschten blitzschnell durch die Grasbüschel, und ein auf Rücken und Seiten blaugrau, an Kehle und Bauch rotbraun gezeichneter Fuchs jagte über die Hänge. Links, am fernen Horizont, dehnen sich zwei parallele lichtgraue Bänder in unabsehbare Weite: die Westkordillere, deren Einzelheiten auf diese Entfernung schwinden und nur eine unendlich lange gleichförmige, horizontale Mauer übriglassen; und über ihr in geringem Abstand, ebenso gleichförmig, ebenso lang, ebenso horizontal, die Schichten der alltäglichen Mittagswolken. Aber über die endlose Wolkenbank hinaus ragt als einzige und höchste Landmarke der Gipfel des Chimborazo mit seiner silberblanken Firnkuppel.
Um ½3 Uhr kam tief unter uns die Mulde von Releche mit den blaugrünen Seenaugen und der blauen Rauchsäule des Lagerfeuers unserer Arrieros in Sicht. Um 4 Uhr waren wir unten und verabschiedeten mit einer reichlichen Libation Feuerwasser und einer klingenden Extrazulage unsere unermüdlichen Peones, die am selben Nachmittag und Abend noch bis nach Penipe hinabliefen. Wir selbst folgten am nächsten Tag nach einer ruhevollen Lagernacht. Um Mittag waren wir wieder in Penipe, und nach kurzer Mittagspause für Mensch und Tier eilten wir weiter nach Riobamba.
Der Antisana.
1. Der Anmarsch.
Südlich von Quito, eine halbe Stunde von der Stadtgrenze entfernt, steht auf der Fußebene des Pichincha eine kleine, 200 Meter hohe Vulkankuppe von auffallend regelmäßiger Gestalt: Panecillo, das Zuckerhütchen, nennen die Einheimischen den Hügel. Seine freie, dominierende Lage (3050 Meter) macht ihn zu einem Aussichtspunkt ersten Ranges. Der droben Stehende sieht sich von einem mächtigen Bergkranz umgeben. Im Rücken hat er den breiten, von tiefen Quebradas zerschluchteten Pichincha, an den sich nach Süden und Norden in langer Linie die Vulkanberge der Westkordillere anreihen, fast lauter Viereinhalbtausender und noch höhere, und nach Osten schweift der Blick über die weite, nach Süden und Osten ansteigende Mulde des Rio San Pedro und seiner Nebenflüsse weg auf die lange Bergmauer der Ostkordillere, die hier nicht so viele einzelne große Vulkangipfel trägt wie die Westkordillere und geschlossener, finsterer, unzugänglicher erscheint als jene.
Auf keiner Seite hat der Beschauer Schneeberge in seiner Nähe. »Ewige Schneehäupter« tauchen erst in weiter Entfernung von Quito auf. Im großen, von breiten Lücken unterbrochenen Halbkreis umziehen sie im Süden und Osten das Panorama des Panecillo; es sind von Süden her der doppelzackige Iliniza (5305 Meter), dann der Riesenkegel des Cotopaxi (6005 Meter), daneben der kleinere Sincholagua (4988 Meter), weiter östlich die große Stumpfpyramide des Antisana (5756 Meter), darauf der niedrigere, aber stark vergletscherte Sara-urcu (4725 Meter) und zuletzt der dem Chimborazo ähnelnde mehrgipfelige, von Eisströmen übergossene Cayambe (5840 Meter).
In dem großen Halbkreis dieser ragenden Schneehäupter imponierten mir der Antisana und der Cayambe am meisten, und der Antisana zog mich vermöge seiner herrlichen Gestalt und seiner starken Vergletscherung mit magischer Gewalt an.
Für eine Besteigung und Untersuchung des Antisana gibt es nur ein geeignetes Standquartier am Fuß des Berges, den Hato Antisana an der Westsüdwestseite. Die Reise dorthin von Quito läßt sich in zwei Tagen über den Rio San Pedro und die Orte San Rafael, Pintac, Hacienda Pinantura und den Paß Puerta de Guamani machen. Am 26. Juli früh brach ich mit Herrn Reschreiter und meiner alten Karawane von drei Einheimischen und zehn Mulas nach Osten auf. Zuerst führte die Straße, die theoretisch auch zum Fahren bestimmt ist, steil zum Bergrücken Poingasi hinan.
Droben öffnet sich plötzlich vor uns das Land zu unseren Füßen. Das Auge schweift freudig über die sonnige, weite Quitomulde mit ihren unzähligen Hügeln und grünen Feldern, Haciendas und Dörfern, Baumgruppen und Bachschluchten. Ein ungewohntes Kulturlandschaftsbild im ecuatorianischen Hochland.