Nach beendeter Umschau über das Collanes-Tal stiegen wir auf der südlichen alten Ufermoräne zum Rand des Kraterbodens (Plazabamba) empor, wo die Gletscherstirn bei 4300 Meter liegt. Noch deckte Nebel die Caldera und die sie krönenden Felstürme, als wir uns aufmachten. Der Anstieg war anfangs bequem durch Geröll, niedriges Gestrüpp und über grasige Lehnen; aber im letzten Drittel gab es steile Felswände, und erst gegen 9 Uhr waren wir am Oberrand der Felsstufe, über die das Gletscherbächlein ins Collanes-Tal hinabrinnt, und betraten frischen Moränenschutt und Eis. Neben uns ragte die südliche Felswand des Caldera-Eingangs vertikal auf, bis über 30 Meter hoch hinauf prachtvoll geschliffen und geschrammt, als hätten viele Tausende schwerer Lastwagen ihre Radspuren daran zurückgelassen. Auf dem höchsten der schuttbedeckten Eishügel machten wir im Kraterkessel halt.

Während wir uns zu orientieren suchten, wichen allmählich die Nebel und gaben den ganzen Kraterzirkus mit Ausnahme der höchsten Grate und Spitzen frei. Wir stehen wie in einem ungeheueren Kar mit 1000 Meter hohen Steilwänden, aber dieses Kar hat nicht die uns bekannte Lehnsesselform, die Karwände werden nicht von der Rückenlehne nach den Seitenlehnen hin niedriger, sondern gerade am Eingang türmen sich rechts und links die beiden Hauptgipfel empor, der »Canonico« auf der Nordseite, der »Obispo« auf der Südseite, die mit 5355 Meter und 5405 Meter Höhe alle anderen Teile der Zirkuswände weit überragen. In der Runde senken sich von den Felswänden große Firn- und Eismassen zum Zirkusboden hinab, ein im Durchmesser über 1000 Meter weites Eis- und Schuttfeld. Fünf niedrige, runde Felsbuckel gliedern dieses Eisfeld in sechs primäre, kleine Gletscher, die zur tiefer gelegenen Mitte sich vereinen und nun als ein einziger Eisstrom zum Ausgang des Kessels fließen, der am Ende unter seinem Moränenschutt ganz verschwindet.

Ein auffallender schneebedeckter, etwa 200 Meter hoher Felskegel, der sich im Kraterzirkus dem Fuß des »Canonico« anlehnt, scheint ein Eruptionskegel in der Caldera zu sein, durch den sich die letzten vulkanischen Zuckungen des Berges Luft gemacht haben. Wie in einem Flußbett nach Ablauf des Hochwassers ein langes Band von allerlei Rückständen, Schlamm, Sand, Holzstücke usw., am Uferhang liegenbleibt, bis sie vom Regen abgespült werden, so liegen hier, als Flutmarken des einstigen Gletscherhochstandes, allenthalben Moränenschuttbänder bis 100 Meter hoch über der jetzigen Gletscheroberfläche an den felsigen Berglehnen. Rück- und Niedergang des Eises, wohin man blickt!

Die Sonne brannte in der windstillen Caldera nachgerade so kräftig auf uns herab, daß wir trotz der 4344 Meter Höhe die Röcke auszogen und unseren Arbeiten hemdsärmelig oblagen. Nach Mittag schien die ganze Umgebung in langsame Bewegung geraten zu wollen; überall rieselten dünne Schmelzwässer und knisterte und prasselte der ausgeschmolzene Sand und Geröllschutt, überall gab nun die Moränendecke rutschend nach, wenn man sich auf ihr bewegte. Und als wir um ½3 Uhr zur Rückkehr nach den Zelten aufbrachen, hatte sich das Gletscherbächlein, das am Morgen nur dünn geflossen war, in einen stattlichen Bach verwandelt, der sich aus dem niedrigen Gletschertor durch alle die Schuttmassen Bahn brach und unmittelbar danach als brausender Wasserfall in das Collanes-Tal hinabstürzte.

Am späten Nachmittag wurde es auch in den höchsten Regionen des Altar klarer und lichter, und schließlich stand der ganze riesige Berg im goldenen Licht der Abendsonne vor uns. Die beiden vordersten Ecktürme, der Obispo und der Canonico, ähneln in ihrer trotzigen Gestalt und wilden Schönheit dem Eiger und dem Matterhorn. Über 1000 Meter starren ihre jähen, nur wenig Firn festhaltenden inneren Wände über dem Calderaboden empor, während die äußeren in zahllosen Steilstufen abfallen und in mehreren Karen kleine Hängegletscher tragen, die in den herrlichsten Blaubändern leuchten. Die schönste Firnkuppel des Altar ist aber die hinter dem Obispo mitten auf der südlichen Zirkuswand aufgetürmte »Monja grande« (große Nonne). Man begreift schlechterdings nicht, wie sich die mächtige Firnkappe auf dem steilen Felsturm halten kann.

Auf der Hinterwand des Zirkus thront gerade gegenüber dem breiten Eingangstor ein kolossaler, dreizackiger Felsklotz (5294 Meter), der den Namen »Tabernaculo« erhalten hat. Er liegt auf dem Altar wie ein Tabernakel zwischen zwei riesigen Kerzenträgern, was wohl die Herren Reiß und Stübel zu dieser Namengebung veranlaßt haben mag; denn die hübschen Namen Canonico, Obispo, Monja, Tabernaculo usw. für die einzelnen Gipfel sind keine landesüblichen, sondern von Reiß und Stübel verliehene, da es keine einheimischen gibt. Auch auf dem Tabernaculo und auf vielen Zinnen der nördlichen Zirkuswände lagern mächtige Firnmassen in hoher Wölbung und mit weit überstehenden Wächten, die der ständige Ostpassat herübergebogen hat.

Daß der Altar so, wie er heute dasteht, nichts Ursprüngliches ist, sondern nur die Ruine eines noch größern Berggebildes, haben selbst die Eingeborenen mit ihrer geringen Beobachtungsgabe gesehen und gedeutet. Ich habe von Bewohnern Riobambas oft die Meinung gehört, der Berg sei früher noch höher gewesen als der Chimborazo, sei aber vor einigen Jahrhunderten durch Erdbeben zum Einsturz gebracht worden. Sie haben wohl darin, daß der Berg einst höher gewesen und dann zerstört worden sei, das Richtige getroffen, aber die Zeit haben diese kurzlebigen, kurzdenkenden Menschen erklärlicherweise viel zu kurz bemessen. Was können sie wissen, was geologische Zeiträume bedeuten! Der Legende, daß der Berg gegen Ende des 15. Jahrhunderts in sich zusammengesunken sei, ist übrigens auch kein Geringerer als A. von Humboldt zum Opfer gefallen. Er berichtet von einem alten indianischen Manuskript, das diese Katastrophe beschrieben habe, aber der deutsche Reisende Moriz Wagner hat später nachgewiesen, daß Humboldt sich »eine Lüge hat aufbinden lassen«.

Naturgewalten haben allerdings den Berg zu der heutigen Ruine gemacht, aber diese Zerstörung hat sich allmählich in riesigen Zeiträumen vollzogen. Sein kolossaler Kraterzirkus, seine Caldera, ist in seiner Anlage ein Werk vulkanischer Kräfte; er ist dadurch entstanden, daß mit dem Erlöschen der Eruptionen ein großer Teil der Magmamassen in den weiten Eruptionsschlot zurücksank, weil die Kraft fehlte, sie über den Kraterrand hinauszuheben. Es ist der Vorgang der »Sackung«, wie er an so vielen Vulkanen gerade der Hochanden Ecuadors zu beobachten ist. Den so entstandenen Kraterzirkus haben aber dann in unablässiger, jahrtausendelanger Arbeit Wind und Wetter, vor allem das Eis ausgeweitet, sie haben die steilen Felswände geschaffen, die ihn jetzt umgeben, sie haben, von innen und von außen angreifend, die hohen Zinnen und die schmalen Grate geschliffen, die ihn jetzt bekrönen. Die Ruine des Altar ist ihr Werk.

Als am Abend die gelben, violetten und rosaroten Töne auf Fels und Firn verblaßten, wurde es sehr schnell kühl (6 Uhr +3°). Aus den nahen Sümpfen des Collanes-Tales erklang vielstimmiges, melancholisches Unkenkonzert, und bald drangen von dort Scharen kleiner Stechmücken zu uns herüber, vor deren Angriffen wir uns in unsere dichtschließenden Zelte und Schlafsäcke zurückzogen. Als ich in der Nacht, durch den Donner einer Lawine geweckt, nach dem Wetter sah, lag die stille große Landschaft in zauberhaftem Mondlicht, und gerade vor uns im Einschnitt des hochwandigen Collanes-Tals funkelte der Jupiter so blendend und riesengroß am wolkenlosen Nachthimmel, daß ich zuerst ein Meteor zu erblicken glaubte. Wer den Sternenhimmel in seiner ganzen Pracht sehen will, muß in große Bergeshöhen der Äquatorialzone gehen.

Als wir mit steigender Sonne dem Altar Lebewohl sagten und den Rückweg nach Releche antraten, hatte der Gletscherbach im Collanes-Tal noch eine dünne Eisdecke. Wir folgten dem Pfad, auf dem wir hergekommen, und als wir, aus dem Tal auf den Nordhang heraussteigend, die ersten Kuppen umkreisten, kam plötzlich die Nordwestfront des Canonico in Sicht, die uns auf dem Herweg im Nebel verborgen geblieben war. Wie da die prachtvolle Pyramide sich aus den Wolken aufbäumte, entrang sich uns beiden ein lautes jubelndes Hurra! Auf ihren riesigen schroffen Südwänden halten sich keine größeren Firnlager, aber auf der uns voll zugewandten Nordwestfassade steigen Firn und Eis in unzähligen Stufen und Brüchen über die Felswände zum schuttbedeckten Sockel herab, wo das Eis in zwei kleinen Gletschern ausläuft.