Nach drei großen Gesichtspunkten läßt sich Hans Meyers Lebensarbeit gliedern. Er begann mit tropischen Vulkan- und Hochgebirgsstudien; daraus erwuchs ihm, weil sich diese Arbeit zu einem wesentlichen Teil in den deutschen Kolonien abspielte, die Beschäftigung mit anfangs nur deutschen kolonialpolitischen Fragen, und sie wiederum führten ihn zur Länderkunde, die er für die deutschen Kolonien begründet und seit seiner Berufung an die Leipziger Universität zu einer selbständigen kolonialgeographischen Disziplin ausgebaut hat, wo sie von ihm nunmehr auf alle Kolonialländer der Erde ausgedehnt und in erster Linie als überseeische Länderkunde gelehrt wird.

Die Hochgebirgsforschung des Gelehrten wurzelt in den Glazialstudien, die Penck und Brückner seit den achtziger Jahren in großzügiger Weise und mit den überraschendsten Ergebnissen für die Alpen durchführten und bei denen sie eine einstmals viel stärkere Vereisung des Gebirges zur Eiszeit, die in mehrmaligen Intervallen auf- und abebbte, feststellten. Die Lösung der Frage, ob diese Eiszeit sich nur auf die gemäßigten Zonen beschränkt oder ob sie die ganze Erde umfaßt hatte, ob sie sich abwechselnd auf der Nord- und der Südhemisphäre abgespielt oder gleichzeitig den ganzen Erdball betroffen hat, war die Hauptaufgabe, die sich Hans Meyer setzte. Gefunden werden konnte diese Lösung nur durch eine eingehende Untersuchung der wenigen tropischen Gebirge, die sich bis in so große Höhen erstrecken, daß sie noch heute einen Schneemantel tragen, also in erster Linie am Kilimandjaro und an den Vulkanen Hochecuadors und Kolumbiens. Die hochragenden Schneegipfel des Ruwenzori in Afrika und des innern Neuguinea waren gegen das Ende des 19. Jahrhunderts noch sehr wenig bekannt.

Die Voraussetzung für solche Untersuchungen waren Eigenschaften des Forschers, die nicht ohne weiteres für jeden Reisenden zutreffen. Es handelte sich zunächst um ein Arbeiten in sehr großen Höhen, die nur selten von Menschen erreicht werden und die eine durchgebildete alpinistische Technik und einen außergewöhnlich kräftigen Organismus erfordern. Das zweite hatte Hans Meyer eine gütige Natur mitgegeben, das erste hat er sich in langem und ausdauerndem Training in europäischen Hochgebirgen erwerben müssen. Als eine weitere, viel größere Schwierigkeit kam aber hinzu die Lage dieser Bergriesen in den abgelegensten Teilen der Tropen. In den achtziger Jahren war eine Expedition schon zum Fuß des Kilimandjaro ein umständliches und keineswegs gefahrloses Unternehmen; es führte den Reisenden in wochenlangen Märschen durch tropisches Fieberland, das einen europäischen Organismus schwächen mußte, und am Ziel waren schließlich in wenigen Tagen klimatische Unterschiede zu überwinden, die sonst nur in wochenlanger Anpassung allmählich erträglich gemacht werden. Weiter erschwerend wirkte in diesen Gegenden auch das Fehlen aller Hilfsmittel, die sonst dem europäischen Bergsteiger als selbstverständlich erscheinen und die eine Organisation des ganzen Unternehmens erforderten, die bis dahin noch nicht erprobt war und von Hans Meyer erst geschaffen werden mußte. In den Hochanden Ecuadors waren die Verhältnisse nicht so primitiv, die Schwierigkeiten türmten sich nicht ganz so hoch auf, aber ihre Überwindung verlangte doch eine praktische Erfahrung, Umsicht und Willensstärke, über die nur wenige verfügen.

Hans Meyer hat die Ziele, die er sich gesteckt hatte, in vollem Umfang erreicht. Es ist von ihm der Nachweis erbracht worden, daß das Phänomen der Eiszeit mit ihren Intervallen eine allgemeine, wohl in kosmischen Vorgängen ihre Ursache findende Erscheinung der ganzen Erde gewesen ist, und auf seinen Schultern haben Nachfolger eine ganze Wissenschaft entwickelt und haben entdeckt, daß auch in früheren Abschnitten der Erdgeschichte, die weit vor der letzten Eiszeit liegen, bereits Kälteperioden mit ganz ähnlichen Erscheinungen unsere Mutter Erde heimgesucht haben.

Die Reise in die Hochanden Ecuadors ist der Schlußstein dieser Untersuchungen Hans Meyers gewesen. Sie führte ihn und seinen Begleiter, den Münchner Landschaftsmaler und Alpinisten Rudolf Reschreiter, im Jahr 1903 über die Landenge von Panama nach dem Hafen von Ecuador, Guayaquil, dann auf das Hochland nach Riobamba hinauf zunächst in die Westkordillere auf den Chimborazo und an den Carihuairazo, die über der Mulde von Riobamba thronen, weiter hinüber zur Ostkordillere auf den Cerro Altar, fernerhin im interandinen Längstal nach Latacunga und von da auf den Cotopaxi und an den abseits stehenden, schwer zugänglichen Quilindaña; dann längs der Hochlandstraße an den Vulkanen des mittleren Ecuador, dem Iliniza, Corazon und Rumiñagui, vorbei nach der Landeshauptstadt Quito; von Quito quer über die interandine Mulde zum Antisana auf der Ostkordillere und wieder zurück zur Hauptstadt. Danach ging es denselben Weg nach Riobamba zurück, nochmals zum Chimborazo hinauf, und hiernach mit der Bahn wieder hinab nach Guayaquil; endlich über Panama nach New York und heimwärts nach Deutschland.

Die ganze Reise hat nur ein halbes Jahr in Anspruch genommen, überrascht aber durch die Vielseitigkeit ihrer Ergebnisse, die sich nicht bloß auf die Glazialmorphologie beschränkten, sondern eine Fülle neuen vulkanologischen, geologischen, botanischen und völkerkundlichen Materials beibrachten. Möglich war das nur dank der großen Reiseerfahrung Hans Meyers, die mit verhältnismäßig geringem Kraftaufwand die Erreichung auch weitgesteckter Ziele gestattete. Der vorliegende Band bringt aus dem darüber veröffentlichten Reisewerk »In den Hochanden von Ecuador« die Episoden der Hochtouren auf den Chimborazo, Cerro Altar, Cotopaxi und Antisana zum Abdruck.

Die Gabe Hans Meyers, ein gründliches theoretisches Wissen praktisch auszuwerten, hat den Erfolg dieser Reise verbürgt und ist, wie schon betont, einer der Hauptcharakterzüge des Gelehrten. Seine eigenartige Laufbahn, die ihn von der Wissenschaft zur Praxis und von der Praxis wieder zurück zur Wissenschaft führte, hat diesen wesentlichsten Teil seiner Gelehrtenpersönlichkeit noch schärfer zur Ausbildung kommen lassen. Auf ihm beruhen letzten Endes auch die Erfolge seiner Dozententätigkeit, die er trotz seiner 67 Jahre mit erstaunlicher körperlicher und geistiger Frische ausübt und in der er schon eine stattliche Anzahl von seinen Idealen erfüllter und in seinem Sinne auch weiter tätiger Schüler herangebildet hat. In seinen literarischen Arbeiten kommt diese Gabe zum Ausdruck in der großen Klarheit und Anschaulichkeit der Darstellung, die auch die Schilderungen dieses Buches auszeichnen.

Leipzig, im August 1925.

Dr. Karl H. Dietzel.

Einleitung.