So kamen wir in kurzem in die oberste Region, wo die Steilhänge in große Firnstufen und diese in lange Rücken und Hügelreihen übergehen, lauter Schnee und Eis von sonderbaren, blumenkohlartigen Oberflächenformen, die immer phantastischer wurden, je mehr wir uns dem Gipfelkrater näherten. Die Stufenbildung des Firns ist zweifellos durch darunterliegende Lavawülste und Lavatreppen verursacht, die von den Magmaergüssen des Kraters hier oben am Rande erkaltet hängengeblieben sind, während die Hauptmassen hinabgerutscht sind.
Eisbrüche am Antisana, bei 5320 m.
Noch eine Viertelstunde lavierten wir mit äußerster, nach Pausen der Ermattung immer wiederholter Konzentration von Kraft und Willen durch die wie riesige Wogen immer wieder vor uns aufsteigenden Firnhügel. Aber die Oberfläche war fest und ließ den Fuß sicher auftreten. Herr Reschreiter war ein Stück voraus, ich zurück beim Photographieren der wundersamen Firngebilde, die hier die Form von weißen Korallenbänken hatten. Da höre ich unfern über mir seinen Ruf: »Der Krater ist da!« und bin in einigen Minuten bei ihm.
Westseite des Cotopaxi, von Santa Ana de Tiupullo (3150 m) aus.
Unmittelbar vor uns öffnet sich die Erde, und aus schwindelnder Tiefe gähnt uns der ungeheure Schlund des Gipfelkraters an. Mit einem Seufzer der Erleichterung und Genugtuung stoßen wir die Eispickel in den Firn und setzen uns zu ruhigem Schauen auf einen Schneehügel. In wenigen Minuten ist alles körperliche Unbehagen verschwunden; eine angenehme körperliche und geistige Abspannung, nicht Ermüdung, kommt über mich, während die Sinne und die Beobachtungslust in alter Weise wieder rege werden. Und damit wächst auch erst das rechte Triumphgefühl über den schwer erkämpften Sieg empor, das mir im Moment der Zielerreichung gänzlich gefehlt hatte.
Der Krater des Cotopaxi, vom Westrand (5940 m) aus.
Nach einer Zeichnung von Rudolf Reschreiter.