Zuerst stehen wir ratlos vor den ungeheuren Dimensionen, für die uns jeder Maßstab in dieser Landschaft fehlt. Wir können nur unser eigenes Körpermaß auf unsere Umgebung übertragen. Der Krater ist etwas elliptisch, seine längste Achse (Nord-Süd) 750 bis 800 Meter, seine kurze Achse (Ost-West) 500 bis 550 Meter lang. Dabei hat er, soweit man hinuntersehen kann, eine Tiefe von 400 bis 500 Meter, d. i., um einen geläufigen Vergleich zu ziehen, etwa die dreifache Höhe des Kölner Doms. Zu dieser Tiefe fallen von allen Seiten die inneren Kraterwände jäh mit 60 bis 80° Neigung ab, nach unten trichterförmig zusammengezogen, mehrfach in Stufen übergehend und auf diesen Stufen und zahllosen Gesimsen so viel Raum lassend, daß sich auf ihnen wieder Schnee- und Eisbänke festsetzen können. Von ihnen wie von den Firnhügeln des Kraterrandes hängen gigantische Eiszapfen von 20 bis 30 Meter Länge und 2 bis 3 Meter Dicke, stellenweise in wahren Baldachinen, über den finsteren Abgrund hinunter. Im Gegensatz zu den hellen Schnee- und Eismassen stehen die felsigen Kraterwände in düsteren vielfältigen Farben da. Jede der horizontal übereinanderliegenden Bänke von Lava und von Tuff- und Lapillischichten ist anders gefärbt. In den oberen Lagen herrschen rötliche Töne vor, darunter sind graue in der Mehrzahl, und unter diesen, wo die aufsteigenden Dämpfe noch heiß sind, den Fels zerfressen und Krusten absetzen, dämmert das Gestein graugrün, hellgrau, gelb und auch weiß. Gips und Inkrustationen von Schwefel scheinen dort stark vertreten zu sein.

Firn am obern Westhang des Cotopaxi mit Rauhfrostbildungen.

In der Tiefe von etwa 400 Meter ist nichts mehr zu erkennen als emporquellender weißer und hellgrauer Dampf; doch ist dieser jetzt nicht besonders dicht und stark. Von Zeit zu Zeit läßt sich im Innern ein dumpfes Grollen vernehmen, wie wir es schon beim Aufstieg an der Außenseite gehört hatten. Auch war einmal ein lautes rollendes Getöse vernehmbar wie von einer fernen niederbrausenden Lawine, worauf eine große Dampfwolke emporquoll, den ganzen Krater erfüllte und uns einige Sekunden in eine penetrante Atmosphäre von schwefeliger Säure einhüllte. Dann aber blieb es wieder bei dem ununterbrochenen mäßigen, meist geräuschlosen Aufsteigen von balligen Dampfsäulen wie aus einem riesigen, ruhig siedenden Kochkessel. Ob die Hauptmasse des Dampfes im Grund des Kratertrichters aus einem einzigen, weit hinein offenen Schacht aufsteigt, oder ob er aus einem verschütteten Kratergrund durch zahllose Fumarolen und Solfataren zwischen Schutt und Blöcken hervordringt, konnten wir nicht klar erkennen. Mir schien das erstere der Fall zu sein.

Nordwestgipfel des Cotopaxi (6000 m) mit Rauhfrostbildungen.

Ein wundervoller Kontrast: dieser ungeheure heißdampfende Kraterschlund und seine obere Firn- und Eisumwallung. Wir können sie auf den uns gegenüberliegenden Kraterrändern auch von ihrer Innenseite überblicken. Hatten unsere Vorgänger hier oben nur relativ wenig oder infolge neuer Eruptionen gar keinen Schnee angetroffen und den Kraterrand als einen 5 bis 6 Meter breiten Wall von nackten Lavablöcken oder Auswürflingen gesehen, so umschließen jetzt auf allen Seiten Firnkuppen und Eisgrate den Kraterkessel als eine Krone, wie sie so groß und so herrlich nur des Königs aller Vulkane würdig ist. Die Schneeansammlungen haben den Kraterrand oft um das Doppelte verbreitert. Von 10 bis über 60 Meter hoch lagern die Firn- und Eismassen auf dem Gestein und brechen zum Krater hin in steilen, oft überhängenden Wänden ab. An mehreren Stellen sieht man frische Brüche, von denen gewaltige Eislawinen in die kochende Tiefe hinabgestürzt sind[1].

Westsüdwestseite des Cotopaxi, vom mittleren Lager (3670 m) aus.

Was aber diese über 6000 Meter hohe Schneelandschaft des Cotopaxigipfels in ihrem äußern Aussehen von allen anderen mir bekannten alpinen Schneelandschaften unterscheidet, das sind die höchst seltsamen Oberflächenformen dieser hügeligen Firnmassen. Alle diese runden, breiten Firnhügel und Firnrücken bis etwa 150 Meter weit auf den Außenmantel des Kraters hinab sind überzogen von Millionen runder finger- bis armlanger Firnblätter, die gleichmäßig die Hügel und die Mulden bedecken und aussehen wie dicke hellgraue Schuppen oder Schindeln. Meist sind die einzelnen Blätter wieder mehrfach gelappt gleich den Blättern der Feige oder des Weinstockes. An anderen Stellen gleichen sie hängenden Straußenfedern, wieder an anderen den Korallenbänken der Madreporen. Alle Formen sind gerundet, nirgends eckig, und überall ist ihre Oberfläche krustig und pelzig, nicht glatt vereist wie die Firnoberfläche in den tieferen Regionen des Bergkegels. Auch in Ecuador habe ich diese eigenartigen Firngebilde nirgends wieder gesehen. Es sind sicherlich nicht Schmelzformen der Sonne oder des Windes, sondern Kristallisationen des aus dem Krater aufsteigenden Wasserdampfes, also eine Art Rauhfrost, wie er ähnlich auch bei uns daheim einmal vorkommt. Hier und da, wo in diese immer in Bewegung befindlichen Firnmassen Spalten und Klüfte gerissen sind, sind auch diese oft von den Rauhfrostblättern überzogen und teilweise überbrückt, was ganz wunderbare Effekte von Schneegirlanden und Schneelauben hervorzaubert. An einigen anderen Stellen wieder sind tiefe dolinenartige Löcher oder Höhlen von ein bis zwei Meter Durchmesser teils lotrecht, teils schief in den Firn eingesenkt, die ebenfalls von solchen Schneeblättern überhangen sind, aber ihre Entstehung, wie mir scheint, weder Bewegungen im Firn noch von oben einwirkenden Schmelzagentien verdanken, sondern warmen Stellen des felsigen Untergrundes, wo heiße Dämpfe aus Löchern und Spalten austreten.