Krater des Cotopaxi mit Rauhfrostblättern, Südhälfte.
Die mächtigste Auftürmung der Firnmassen und damit der höchste Gipfel des Berges liegt auf der Nordseite des Kraterrandes. Dort erhebt sich der Firn in einer stolzen Pyramide etwa 65 Meter hoch über den Kraterrand, dessen felsige Oberkante wir an dem innern Absturz deutlich erkennen können. Von der westlichen Böschung dieses höchsten nördlichen Schneegipfels zieht eine wundervolle scharfe Firnschneide zu dem flachen Firnrücken der Westseite hinab, auf deren mittlerm Teil wir stehen. Unser Standpunkt, dessen Höhe ich barometrisch auf 5940 Meter gemessen habe, ist ungefähr 65 Meter niedriger als die höchste nördliche Gipfelkuppe. Dieser würde damit eine Höhe von 6005 Meter, etwas mehr oder weniger je nach der aufliegenden Firnmenge, zuzusprechen sein.
Während unseres Aufenthalts auf dem Kraterrand blies der Ostsüdostwind stetig, aber mäßig, so daß es bei –2° ganz gut auszuhalten war. Beim Schauen, Messen, Schreiben, Photographieren, Skizzieren hatte aber keiner von uns beiden an das Schwinden der Zeit gedacht. Ich bekam deshalb einen gelinden Schreck, als ich, endlich nach der Uhr sehend, fast 4 Uhr ablas. Wir hatten also nur noch 2½ Stunden Tageslicht für den Abstieg, wo uns der Aufstieg 9½ Stunden gekostet hatte. Eilig traten wir über die oberen Firnhügel den Rückzug an und rutschten bald über die obenerwähnten Felsen zu unserm wartenden Begleiter hinab, der sich unterdessen wieder erholt hatte. Ohne längern Aufenthalt, als die Seilbefestigung erforderte, ging es weiter und in unseren noch guterhaltenen Spuren flott bergab, indem wir auf den weicher gewordenen Firnhängen mit Springen und Gleiten die zahllosen Zickzacks abschnitten, die wir bergaufwärts hatten treten und hauen müssen. Der Nebel hatte sich sehr gelichtet, aber von Westen her rückte eine kolossale schwarze Wolkenmauer auf uns los, als wollte sie uns erdrücken. Auf den unteren Schneefeldern der Westseite fußend, stieg sie vor uns kerzengerade himmelan, so hoch wie der Cotopaxi selber und von der dahinterstehenden Sonne mit einem schmalen weißglühenden Rand umsäumt; ein wunderbares, nie vorher gesehenes Phänomen von unheimlicher Größe, Gestalt und Farbe. In unseren Alpen würde eine ähnliche Erscheinung einen fürchterlichen Gewittersturm verkündet haben, hier auch in den Monaten der Regenzeit; aber jetzt im Verano löste sich das drohende Phantom in ein wirbelndes Schneegestöber auf, das unsere Schritte nur noch mehr beflügelte. Einige Male verloren wir unsere alte, kaum mehr zu erkennende Spur, fanden sie aber nach einigem Kreuz- und Quergehen wieder und erreichten ohne weitern Zwischenfall wirklich vor Sonnenuntergang bei ganz klar gewordenem Wetter die Schneegrenze.
Nachdem wir das Seil abgelegt hatten, mußten wir uns einige Zeit mit Santiago abgeben, der sehr erschöpft war. Dann bummelten wir über die Felsen an unseren den Weg zeigenden Steinmännern vorbei zum Lagerplatz, dessen Rauchsäule wir längst bemerkt hatten, und waren noch vor gänzlicher Dunkelheit bei unseren Zelten, wo uns der zurückgebliebene Indianer mit Bangen erwartet hatte. Der Appetit, der mir den ganzen Tag gefehlt hatte, stellte sich nun in beängstigender Stärke wieder ein, und nach Vertilgung alles vorhandenen Eßbaren schliefen wir, während es draußen wieder schneite und der Bergwind unsere steifgefrorenen, knisternden Zeltwände peitschte, in unseren molligen Pelzsäcken zwölf Stunden ohne Unterbrechung. Gegen Mittag des nächsten Tages kamen, wie verabredet, unsere Arrieros trotz fortdauernden Schneegestöbers mit den Tieren wieder herauf und brachen unser Lager ab, während wir gemütlich vorausschlenderten.
Weiter unten enthüllte sich uns noch einmal der Cotopaxi in seiner ganzen Schönheit, und dankbar kehrte unser Blick immer wieder zu seinen silberschimmernden Höhen zurück. Das Schneegestöber der letzten Nacht hatte nicht viel ausgerichtet. Die Sonne hatte seine Spuren und die der Schneefälle der beiden Vortage in den unteren Regionen größtenteils weggewischt. Darum zeigte sich jetzt der Rand des Schneemantels tief gezackt und eingeschnitten. Jeder der schwarzen Einschnitte ist ein wallförmiger Lavastrom. Wie die Fangarme eines gigantischen Polypen halten alle diese dunklen Lavabänder den Bergkörper umklammert. Ihr zerklüftetes, durchlässiges Gestein und bei den jüngsten vielleicht noch etwas Eigenwärme lassen den Schnee der niederen dünneren Randlagen nicht lange auf ihnen liegenbleiben. Die Höhe dieser zur Zeit der größten Abschmelzung sich zeigenden »wirklichen« Schneegrenze habe ich gemessen: auf der Ostseite bei 4550 Meter, Südseite 4730 Meter, Westseite 4850 Meter, Nordseite 4900 Meter; d. h. sie hat sich, seit sie vor 30 Jahren zuletzt gemessen wurde, um 100 bis 180 Meter aufwärts verschoben. Von alten Gletscherspuren ist am Cotopaxi nichts zu bemerken. Er ist dafür zu jung.
Am Spätnachmittag des 15. Juli ritten wir, schwerbeladen mit geologischen Handstücken, Pflanzen und sonstiger Ausbeute, wieder im Pfarrhof von Mulaló ein. Der Pfarrer nahm lebhaftes Interesse an unserm Erfolg und Bericht. Die Dorfbewohner aber, die sich auf die Nachricht von unserer Rückkehr einfanden, um ihre Neugierde zu stillen und zu klatschen, zogen, nachdem sie viel Dummes gefragt, uns wenig zugehört, viel geschwatzt, viel getrunken, geraucht und gespuckt hatten, abends wieder heim mit Kopfschütteln und Achselzucken. Keiner von ihnen glaubte unseren Berichten. Ich hörte, wie einer draußen sagte: »Kein Mensch ist noch auf dem Cotopaxi gewesen. Vor 20 bis 30 Jahren erzählten es auch schon einige Europäer, aber sie haben alle gelogen. Und nun lügen diese beiden Alemanes ebenfalls. Solche Berge kann kein Mensch ersteigen, und wenn einer doch hinaufkäme, würde er oben sterben.« Das ist die Überzeugung der bergscheuen Ecuatorianer von jeher gewesen, und sie wird es voraussichtlich immer bleiben.
Fußnoten:
[1] Während des Ausbruchs von 1911 schmolz diese Eiskrone weg und ließ die nackten Felsen des Kraterrandes zutage treten, wodurch sich auch die Höhe des Berges etwas verminderte. Inzwischen dürfte sich die Firnhaube zum Teil wenigstens wieder neu gebildet haben.
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