Als ich neben dem gefallenen Wild stand, sah ich mit Schrecken, daß es eine Kuh mit vollem Euter war; alle Freude an dem Jagderfolg schwand. Mißmutig und ziemlich ermattet zog ich meinen Rock aus und legte mich in den spärlichen Schatten einer Akazie, um die Leute mit der Feldflasche und den Messern zu erwarten. Ich hatte, einem erprobten Grundsatz folgend, trotz der sengenden Sonnenglut den ganzen Morgen keinen Tropfen getrunken und war durch das schnelle Laufen stark erhitzt; die Zunge klebte am Gaumen und ich sehnte mich nach einem erfrischenden Trunk.
Elenantilope.
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GRÖSSERES BILD
Elenantilope.
Aber der Boy kam ohne die Feldflasche! Ein Askari bot mir Wasser aus der seinen. Ich widerstand der Versuchung; ungekochtes Wasser? Nein, lieber weiter dürsten, als sich einer Dysenteriegefahr aussetzen. Ich saß in schlechter Laune und starrte auf meine Jagdbeute, da fiel mein Blick auf das volle Euter der eben erlegten Antilope. Ich dachte mir, es sei nichts Unappetitliches, einem noch lebenswarmen Tiere die Milch zu nehmen und es interessierte mich auch, den Geschmack kennen zu lernen; sollen doch ähnliche Antilopen bei den alten Ägyptern Haustiere gewesen und wie Milchkühe genutzt worden sein. Ich füllte einen Becher mit der warmen Milch und trank — es schmeckte genau wie frische Kuhmilch.
Während meine Leute das Tier sorgfältig abdeckten und sich über den großen Fleischvorrat freuten, dachte ich daran, ob das Kälbchen wohl eine Pflegemutter finde? Es schien mir sehr unwahrscheinlich. Nur von wenigen Tieren weiß man, daß säugende Mütter sich fremder oder verwaister Kälber annehmen. Vom Elefanten wird es behauptet; bei Flußpferden beobachtete ich einen Fall, bei dem nach Abschuß einer Mutter das etwa zwei Monate alte Junge einige Tage später treibend im Strome gefunden wurde. Vielleicht war kein Weibchen mit ausreichender Nahrung vorhanden gewesen, hier bei der Herde waren aber mehrere Mütter, die die Ernährung hätten übernehmen können. Hoffentlich haben sie sich der armen Waise angenommen.
Es ist gut, wenn sich der Jäger über die Folgen seiner Handlung selbst zur Rechenschaft zieht. Auch in diesem Falle konnte ich mich nicht damit entschuldigen, daß es schwierig ist, die Bullen von den Kühen zu unterscheiden; denn der richtige Jäger muß diese Unterscheidung machen und sie als eine gesteigerte Anforderung betrachten. Die Tatsache, daß es viele nicht können, ändert nichts an dem Unheil, das durch Abschießen stillender Tiere angerichtet wird. Aber auch der beste Jäger hat wohl dem Wilde viel Leid zugefügt und mußte viel Lehrgeld zahlen, bis er es zum waidgerechten Jagen brachte und mit sich zufrieden sein konnte.
Ich erinnerte mich an ein Bild, das mir als Jungen von vierzehn Jahren und angehenden Jäger tiefen Eindruck gemacht hat:
Auf einsamer Höhe steht ein Hirschkalb bei seiner toten Mutter.