Abb. 40. Nähendes Mädchen (1886). Federzeichnung.
Abb. 41. Schweinefamilie (1886). Federzeichnung.
Abb. 42. Hände wärmen (1886). Kohlenskizze.
Eine Sommerreise in die bayerischen Vorberge und nach Tirol 1893 lenkt die Aufmerksamkeit Liebermanns auf ein Problem, das ihn schon in dem „Altmännerhaus“ beschäftigt hatte: die Darstellung von Luft und Sonne unter dem Grün der Bäume. Der Künstler hatte bemerkt, daß die Bewegung der Blätter dem Sonnenlicht etwas Flimmeriges gibt, und daß dieses Flimmern das Auge verhindert, einen Gegenstand in festen, bestimmten Formen zu sehen. Um also einen der Wirklichkeit ähnlichen Eindruck hervorzurufen, mußte auf etwas verzichtet werden, was bisher als ein wichtiges Erfordernis in der Malerei galt, auf ein ausführliches Betonen der Form. Der Künstler sah häufig unter der Wirkung des zerstreuten Sonnenlichts nur einen aufleuchtenden Farbenfleck, wo bei stetigem Licht unbedingt auch die Form vollkommen zur Geltung gekommen wäre. Die Illusion des unter einem Blätterdache gefangenen Sonnenlichtes ließ sich nur erreichen, wenn die aufdringliche Sachlichkeit beseitigt wurde. Liebermann malte jene bekannten „Alleen in Rosenheim“, wo die Sonne über dichten grünen Buchenkronen steht und ihre Strahlen über den Waldboden tanzen läßt, immer und immer wieder, bis er die Schwierigkeiten so weit überwunden zu haben glaubte, um auch eine kompliziertere Aufgabe dieser Art bewältigen zu können. Sie bot sich ihm in dem hübschen Städtchen Brannenburg, nicht weit von Kufstein gelegen, wo es einen berühmten Biergarten mit schönen hohen, alten Bäumen gibt. Diesen „Biergarten in Brannenburg“ ([Abb. 67]) hat Liebermann an einem schönen Sonntag, wenn von nah und fern Gäste herbeiströmen, um sich an dem guten Biere des Wirtes im Schatten der Bäume gütlich zu thun, gemalt. Die langen Bänke neben den langen Tischen sind von Eingeborenen, Sommergästen und Fremden dicht besetzt. Aus dem alten Wirtshaus links werden die Maßkrüge getragen. Man ist lustig und guter Dinge; denn das Bier ist gut, und der Aufenthalt unter den schattigen Bäumen angenehm. Man sieht sie alle dasitzen, die braven Leute in der grünen Dämmerung, aber der vorwitzige Sonnenschein blendet. Man bemerkt schon, daß da eine Bäuerin mit weißen Hemdsärmeln, dort ein reicher Viehhändler, hier ein Stadtherr sitzt, aber man erkennt die Menschen mehr an ihrer charakteristischen Haltung, an einem besonderen Hut, an der aufleuchtenden Farbe des Gewandes als an ihren Gesichtern. Die Illusion jedoch, daß man in einen wohlgefüllten Gasthofsgarten voll schöner Buchenbäume blickt, in dem die Sonnenstrahlen neckisch über den saubergekehrten Gang, über Tisch und Bänke und die Köpfe der Leute hüpfen, ist vollkommen erreicht. Das Liebermannsche Bild, eins der frischesten und heitersten, die er gemalt, hängt jetzt im Luxembourg-Museum in Paris, für das es vom französischen Staate erworben wurde. Ein noch komplizierteres Thema behandelt der Künstler in dem „Schweinemarkt in Amsterdam“ von 1895, wo ein Durcheinander von hin- und hergehenden Menschen, von Sonne, Luft und Farben zu einem Bilde wechselvollster Lebensbethätigung gesammelt erscheint.
Abb. 43. Schweinefamilie (1886). Im Privatbesitz in Wiesbaden.