Abb. 47. Die Netzeflickerinnen (1888). Im Besitz der Kunsthalle zu Hamburg.
GRÖSSERES BILD
Das Jahr 1898 findet den Künstler wieder bei der Gestaltung von Vorwürfen, die sich um die Darstellung von Menschen unter grünen Bäumen, im Schein der Sonne drehen. Eins der liebenswürdigsten dieser Bilder ist der „Sonntagnachmittag in Laren“ ([Abb. 103]) mit den blitzsauberen fünf Mejsjes, die in ihrem Feststaat, mit blauen und roten Schürzen und weißen Häubchen, Arm in Arm, lachend und scherzend, die von Bäumen eingefaßte Dorfstraße entlangspazieren. Der „Schulgang“ (Studien [Abb. 94], [107], [108]), der eine Fülle gutgesehener Kindergestalten in farbigen Kleidern, dem vielfenstrigen Schulhause zueilend, enthält, zeichnete sich durch Frische in der Darstellung von Bewegungen laufender kleiner Mädchen, der „Kirchgang“ (Studie [Abb. 93]) mit einer alten Bäuerin im Vordergrunde durch eine in ihrer Bescheidenheit schöne, von warmer Sommersonne durchflutete Landschaft aus. Dasselbe Jahr brachte dem Künstler die erste monumentale Aufgabe, den Auftrag, den Festsaal eines in Mecklenburg gelegenen Schlosses mit Fresken zu schmücken. Liebermann wählte eine Darstellung der Jahreszeiten Sommer, Herbst und Winter ([Abb. 101], [102]) und gab darin gleichzeitig einen Extrakt aus seinen Werken, wenigstens einige besonders charakteristische Gestalten daraus, zugleich aber auch einige für ihn neue Figuren, worunter der Pflüger hinter seinen Pferden eine der vorzüglichsten ist, die er überhaupt geschaffen. Bei diesen Arbeiten empfand man recht deutlich das Großzügige von Liebermanns Kunst, seinen Geschmack, sein Gefühl für Raumwirkung und die unendliche Vornehmheit seines farbigen Ausdruckes.
Im Jahre 1899 sammelte der Künstler Eindrücke für neue Arbeiten in Scheveningen. Vor allem interessierte ihn das Leben am Strande. Er, der bisher bestrebt war, die natürlichen Schönheiten der Nordseeküste, das eigenartige Volk der Küstenbewohner und Fischer, den Menschen in harter Arbeit, im mühseligen Ringen mit den Elementen, für die Kunst zu gewinnen, findet Vergnügen daran, die internationale Gesellschaft in einem Weltbade zu beobachten, den Reitern und Reiterinnen am Strande nachzusehen, ein Auge auf glänzende Frauentoiletten zu werfen, sich um die Haltung der Lawn-Tennis-Spieler zu kümmern, die Spiele der Kinder zu inspizieren — kurz alles einzufangen, was ihm malerisch dünkt. Sein Blick, der sich sonst an den reizvollen Dunkelheiten verräucherter Fischerstuben, dem malerischen grauen Dunst der Dünen geweidet hatte, fliegt durch die sonnendurchglänzte Luft über wohlgepflegte Strandpromenaden, der Maler der Armen und Ärmsten achtet auf das lustige Wehen weißer Strandkostüme, begeistert sich für Eleganz und läßt diesen neuen Geist in glänzenden, freudigen, hellen Farben und höchst amüsanten Kompositionen wiederklingen. Eine neue Jugend scheint über ihn gekommen. Oder steht er vor neuen Zielen? Denn das ist das Wunderbare an diesem Künstler, daß er immer vorwärts strebt, immer nach neuen Wegen sucht, auf denen er der Natur entgegentreten, sie fassen kann mit seinen starken Armen. Das erhebt ihn weit über diejenigen, mit denen er einst in einer Reihe zu stehen schien. Er ist niemals fertig in dem Sinne, daß er glaubt, auf dem erreichten Punkte stehen bleiben zu können. Das Ziel der Meisten ist, in Behagen das gewonnene Ansehen zu genießen, das Liebermanns ist, Kunst zu machen, die Grenzen seiner Anschauung und seines Könnens zu erweitern. Mag man’s Ehrgeiz nennen, wie man es auch heißen möchte — es bleibt künstlerischer Sinn, und aus dem allein werden die großen Werke und der Ruhm geboren, der die Jahrhunderte überdauert.
Abb. 48. Studie zu den „Netzeflickerinnen“ (1887).
Abb. 49. Strickende Frau (1888). Studie.
Abb. 50. Gedächtnisfeier für Kaiser Friedrich in Kösen (1888). Im Privatbesitz in Berlin.