Am 13. Januar lief eine französische Panzerfregatte ‚Heroine‘ in den Hafen ein, zwei andere Panzerschiffe folgten, um die Abfahrt des deutschen Schiffes zu verhindern. Dieses versuchte in der Nacht vom 27. zum 28. Januar zu entwischen; allein, es gelang nicht. Am 7. Februar, als der Waffenstillstand abgeschlossen war, trat die ‚Augusta‘ von Vigo die Heimreise an und beendete damit die erfolgreiche Kreuzfahrt.
4. Das Seegefecht bei Havanna.
Seit Ende des Jahres 1869 war das kleine deutsche Kanonenboot ‚Meteor‘ unter dem Kommando des Kapitänleutnants Knorr in Westindien stationiert. Das Schiff hatte eine Größe von dreihundertsiebenundvierzig Tonnen, eine schwache Maschine von dreihundertzwanzig Pferdestärken. Seine größte Geschwindigkeit betrug nicht mehr als sieben Knoten, das ist kaum fünfzehn Kilometer in der Stunde. Die Bewaffnung war eine recht starke. Außer einer mittschiffs aufgestellten Fünfzehnzentimeterkanone, die nach beiden Seiten feuern konnte, trug das kleine Schiff noch zwei Zwölfzentimetergeschütze, die am Bug und am Heck standen. Die Besatzung zählte im ganzen zweiundsechzig Mann. Am 7. November 1870 morgens fuhr der ‚Meteor‘ in den Hafen von Havanna auf Kuba ein. Die notwendigen Arbeiten waren kaum beendet, da ankerte auch der französische Kriegsaviso ‚Bouvet‘, der bedeutend stärker war, im Hafen. Durch eine Maschine von 620 Pferdekräften erzielte das Schiff eine Fahrt von 20,4 Kilometer in der Stunde. Außer einer Besatzung von fünfundachtzig Mann gaben dem französischen Kriegsdampfer ein Sechzehnzentimetergeschütz auf dem Achterdeck, zwei Zwölfzentimetergeschütze an den Breitseiten und vier Drehbassen auf der Verschanzung eine größere Kampfkraft. Die Neutralität des Hafens erforderte, daß in seiner Nähe kein Gefecht stattfinden durfte. Trotz der vorzüglichen Verfassung des feindlichen Schiffes wollte das Kanonenboot unter Knorr einen Kampf erzwingen. ‚Meteor‘ dampfte deshalb des Mittags wieder hinaus und lud dadurch den ‚Bouvet‘ zum Kampfe ein. ‚Bouvet‘ kam nicht, er ließ sich nicht hinauslocken. Am Abend fuhr das deutsche Kanonenboot wieder in den Hafen ein. Kaum hatte das deutsche Schiff festgemacht, da erschien ein spanischer Offizier und eröffnete dem Kapitänleutnant Knorr, daß es der Neutralität entspräche, erst vierundzwanzig Stunden nach Abfahrt des französischen Schiffes den Hafen zu verlassen. Am 8. November mittags lichtete das französische Kriegsschiff seine Anker und fuhr hinaus. Genau vierundzwanzig Stunden später, am 9. November um ein Uhr mittags, folgte nach ungeduldigem Warten das kühne deutsche Schiff. Stolz wehte von der Gaffel die Flagge des Norddeutschen Bundes, und mutvoll beseelte das Kampfgefühl die deutschen Marinesoldaten. Nur ein Gedanke war in ihnen: im Kampfe zu siegen oder unterzugehen. Die Kunde von dem zu erwartenden Seegefecht verbreitete sich blitzschnell in der Stadt, und viele tausend Zuschauer begaben sich in die Nähe der Hafenausfahrt auf die Festungswerke und die hohen Ufer. Die vielen Deutschen, die in der Stadt wohnten, beherrschte die bange Sorge, ob das kleine deutsche Kriegsschiff auch dem stärkeren französischen Gegner gewachsen sei. Stolz zog das deutsche Schiff seine Bahn. Vor dem Hafen wurde ‚Klar Schiff‘ gemacht; alles war zum Gefecht bereit und jedem Geschütz ein bestimmter Teil des feindlichen Schiffes als Zielpunkt angewiesen. Besonders sollten die Maschine und die Wasserlinie beachtet werden. Die Absicht des kühnen Kommandanten ging dahin, den Gegner so zu treffen, daß er sich nicht bewegen konnte, und dann wollte er ihn durch Enterung nehmen. Etwa drei Seemeilen vom Lande entdeckten sie das französische Schiff. Der Kommandant Knorr, der nachmalige Admiral der deutschen Flotte, richtete an die Mannschaft kernige und herzliche Worte und legte ihnen vor allen Dingen die Pflicht auf, im Kampfe auf die Kommandos zu achten und nicht eher zu feuern, als bis der Befehl dazu gegeben sei. Während dieser Zeit schon grüßten die ersten Schüsse, die ihr Ziel verfehlten und ins Wasser schlugen, in einer Entfernung von zweitausend Meter vom französischen Schiff herüber. Ein lautes Hurra der deutschen Matrosen war die Antwort. Nachmittags halb drei Uhr war der ‚Meteor‘ auf etwa tausend Meter an den feindlichen Aviso herangekommen; jetzt eröffnete er das Feuer. Der Tanz hatte begonnen. Für kurze Zeit wurde nun von beiden Seiten ein lebhaftes Geschützfeuer unterhalten, ohne jedoch irgendeine ersichtliche Wirkung zu erzielen. Eine leichte nordöstliche Brise bewegte das Schiff, das durch sein Schlingern die Bedienung der Geschütze erschwerte. Das Kanonenboot stand südlich vom Feinde und steuerte, immer Feuer gebend, in nordöstlicher Richtung auf ihn zu. Da, als die Entfernung nur noch sechshundert Meter betrug, ging der ‚Bouvet‘ mit voller Dampfkraft auf den ‚Meteor‘ los, um ihm in die Seite zu rennen und ihn so dem sicheren Untergange zu weihen. Mächtig schnitt das Schiff durch die aufschäumenden Wogen. Rechtzeitig erkannte der umsichtige Kapitänleutnant Knorr die Gefahr, und keinen Augenblick verlor er die Ruhe. Ein klarer Befehl, eine entsprechende Ruderbewegung, und der Plan des Gegners war vereitelt! Gleichzeitig wurde der Befehl zum Entern gegeben; nur einige Mann, die bei den Geschützen standen, blieben zurück, die übrigen griffen zu den Handwaffen, um in den wenigen Sekunden, da das stattliche, hochbordige französische Schiff vorbeistrich, dieses unter Feuer zu nehmen. Als der ‚Bouvet‘ heranbrauste, war die ernsteste Gefahr vorüber. Beide Schiffskörper stießen in einem schwachen Winkel zusammen und jagten unter entgegengesetztem Kurse aneinander vorbei. Im Vorbeifahren fiel auf deutscher Seite ein Steuermann, der neben dem Kommandanten auf der Kommandobrücke stand; ein Matrose wurde an Deck getötet. Die deutsche Mannschaft hatte sich im Augenblick der Gefahr glatt auf die Erde gelegt, um nicht von den Bordwänden des ‚Bouvet‘ aus unter Feuer genommen zu werden, da diese einundeinhalb Meter höher waren. Während dieser Zeit hatte die Artillerie mit einigem Mißgeschick zu kämpfen. Im Augenblick des Vorbeistreichens riß dem Buggeschütz die Abzugsleine, und als dann endlich der Schuß losging, wurde nur noch das Hinterteil des ‚Bouvet‘ getroffen. Der ‚Bouvet‘ hatte sämtliche Backbordwanten und die beiden an Backbord hängenden Boote abgerissen und zerschlagen. Dazu zertrümmerte die Fockrahe des Franzosen diejenige des ‚Meteor‘ und knickte den Großmast über Deck ein, der wiederum den hinteren Mast abbrach. Dabei fiel der letztere sofort über die Steuerbordseite und zertrümmerte mit seinem unteren Ende auch die Kommandobrücke. Freischwebend hing er an dem zugehörigen Tauwerk an der Bordwand über Wasser. Eine angsterregende Szene; das Kanonenboot schien in große Bedrängnis geraten zu sein. Der Wellenschlag kam vom Steuerbord und holte bei den heftigeren Schlingerbewegungen stärker nach Backbord über. Der Großmast schwankte hin und her und drohte jeden Augenblick nach der Backbordseite hinüberzufallen und die Geschütze gefechtsunfähig zu machen. Die Gefahr war aufs höchste gestiegen. In diesen Augenblicken hing alles von der Tüchtigkeit der Geschützführung ab. Durch ein geschicktes Manövrieren wollte der Schiffsleiter das Schiff so führen, daß der gebrochene Mast nach Steuerbord hinüberfiel, damit die Geschütze wieder ungestört Feuer geben konnten. Vorzüglich glückte das Manöver. Während dieser Drehbewegung war der ‚Bouvet‘ in die Visierrichtung des Hintergeschützes gekommen, und der Geschützführer, der beste Schütze an Bord, Bootsmannsmaat Wage, der die Gunst der Lage erkannte, wartete keinen Befehl ab, sondern feuerte mit größter Kaltblütigkeit. Sausend schlug die vierundzwanzigpfündige Granate in den Rumpf des ‚Bouvet‘ ein. Sie hatte gut getroffen. Die weißen Dampfwolken, die gleich darauf aufstiegen, bewiesen, daß der verwundbarste Teil des Schiffes, die Maschine, getroffen war. Das fremde Schiff war kampfunfähig. Ob dieses erfolgreichen Schusses brach unter den deutschen Matrosen ein heller Jubel aus. Jetzt hieß es, sich so schnell wie möglich von den hängenden gestürzten Masten zu befreien und die verbindenden Taue zu kappen, um dem Gegner auf den Leib zu rücken. Ein letzter Kampf, Mann gegen Mann, sollte über das Schicksal der Schiffe entscheiden. Leider ging das nicht so schnell, wie man auf dem deutschen Schiffe erwartet hatte. Durch Tauwerk der herunterhängenden Takelage war die Schraube unklar geworden. Als endlich Schraube und Ruder wieder arbeiteten, war eine kostbare halbe Stunde vergangen. Während dieser Zeit hatte der ‚Bouvet‘ Segel gesetzt, um in schleuniger Flucht den schützenden Hafen zu erreichen. Der ‚Meteor‘ näherte sich, da er mit voller Kraft fuhr, zwar wieder dem feindlichen Schiffe und nahm das Geschützfeuer auf, jedoch schon nach dem vierten Schusse erreichte der Franzose die schützende spanische Hoheitsgrenze, und die spanische Korvette ‚Hernan Cortez‘ zeigte dies durch einen Schuß an. Jetzt mußte der ‚Meteor‘ die Verfolgung aufgeben. Unbeholfen und schwer bewegte sich das französische Schiff in den Hafen; die Zuschauer an der Hafeneinfahrt grüßten es mit eisigem Schweigen. Bald darauf lief schnell und behende der ‚Meteor‘ ein. Sein Äußeres wies deutlich darauf hin, daß er durch den Kampf schwer mitgenommen war; die Masten und ein Teil der Kommandobrücke fehlten, aber dennoch: stolz als Sieger zog das kleine deutsche Schiff dicht an den Ufern vorbei, und mächtiger Beifallssturm brauste vom Land herüber. Er galt der kleinen, tapferen Streiterschar, die mutvoll für die Ehre der deutschen Flagge einem stärkeren Gegner entgegengetreten war.
Am nächsten Tage wurden die beiden an Bord fürs Vaterland Gefallenen auf dem Gottesacker von Havanna bestattet; es war eine selten schöne Begräbnisfeierlichkeit. Den Gefallenen des ‚Bouvet‘ wurde ein Seemannsgrab auf offener See zuteil.
Der ‚Meteor‘ blieb noch lange im Hafen von Havanna, um gründlich seine Schäden auszubessern; den glücklichen Schützen und den umsichtigen Kommandanten schmückte von dem Tage an das Eiserne Kreuz.
Michel, horch, der Seewind pfeift!
Michel, horch, der Seewind pfeift,
Auf, und spitz die Ohren!