Nicht lange darnach zog sich die französische Flotte an die heimische Küste zurück, die Schiffahrt in der Ost- und Nordsee war nicht mehr behindert.
3. Die Kreuzfahrten der ‚Augusta‘.
Nachdem die französische Flotte im Kriege 1870 das Ostseegebiet geräumt hatte, bestand die Möglichkeit, die schnellfahrenden deutschen Kreuzer in das Gebiet des Atlantischen Ozeans hinüberzuführen, um hier Kreuzfahrten zu unternehmen, die sich gegen die Zufuhr von allerlei Kriegsmaterial richteten. Gambetta hatte zur Wehrhaftmachung seines Volkes größere Lieferungsaufträge an das Ausland aufgegeben, und von amerikanischen und englischen Seeplätzen liefen dauernd Sendungen von Ausrüstungsgegenständen ein. Zahlreiche Dampfer brachten Geschütze und Gewehre nebst Munition. Gelang es Deutschland, diesen Handel zu unterbinden, so lag damit die Möglichkeit vor, das Ende des Krieges noch schneller herbeizuführen.
Admiral Jachmann setzte in richtiger Weise die Richtlinien hierfür fest, konnte sie aber nicht so schnell zur Durchführung bringen, da sich mancherlei Störungen in dem jungen Marinebetriebe zeigten. Für die Kreuzfahrten im Atlantischen Ozean konnte nur ein schnellfahrender Kreuzer in Frage kommen, und die Oberleitung der Marine gab der Werft in Danzig den Befehl zur Ausrüstung der ‚Augusta‘, da sie sich für diese Zwecke besonders eignete. Am 26. Oktober konnte das Schiff in Dienst gestellt werden. Die Vorbereitungen, das Einfahren des Maschinenpersonals, die Ausrüstung erforderten einen vollen Monat, so daß das Kreuzerschiff erst Ende November nach Kiel in See ging.
Kommandant des Kreuzers war Korvettenkapitän Weickhmann, dem ein Offizierkorps von zwölf Köpfen zur Seite stand. Die Mannschaft umfaßte zweihundertein Mann, dazu trug das Schiff an Geschützen sechs gezogene Vierundzwanzigpfünder und vier Zwölfpfünder; die Kohlenbunker faßten vierhundert Tonnen. Die großen Kohlenvorräte erlaubten dem Schiff, vierzehn Tage mit voller Kraft fortzudampfen; da auch die Segelausrüstung des Schiffes vortrefflich war, ermöglichte sie eine noch größere Zeitdauer der Kreuzfahrt. Auf einen Nahkampf mit französischen Panzerschiffen sich einzulassen, schien nicht geboten. In der Mitte des Monats Dezember dampfte die ‚Augusta‘ um Skagen herum in die Nordsee. Es mußte scharf Obacht gegeben werden — bei dem herrschenden Unwetter keine leichte Aufgabe.
In einem schottischen Hafen fand während der Weihnachtstage Kohlenübernahme statt. Am zweiten Weihnachtstag ging die ‚Augusta‘ wiederum in See, um eine Kreuzfahrt an der französischen Küste zu unternehmen. Als erste Aufgabe hieß es, besonders vor Brest zu kreuzen. Während der Kreuzfahrt vor dem französischen Hafen mußte scharf Ausguck gehalten werden nach den von Amerika eintreffenden Dampfern. Das Wetter und die Kürze der Tage erschwerten das Beginnen außerordentlich. Das Wetter gestaltete sich immer schlechter, und die fortgesetzt wehenden stürmischen Nordwestwinde erschwerten die Untersuchung bedeutend. Bei den am zweiten Weihnachtstag untersuchten Schiffen zeigte sich alles in Ordnung. Am Ende des Monats Dezember herrschten leichtere Winde, trotzdem war aber die Wellenbewegung so stark, daß die Boote nur mit größter Vorsicht zu Wasser gelassen und wieder gehißt werden konnten. Bis zum 2. Januar hielt sich die Korvette in den Gewässern vor Brest auf, ohne daß ein verdächtiger Dampfer in ihren Gesichtskreis kam.
Die ‚Augusta‘ nimmt vor der Girondemündung zwei französische Schiffe und verbrennt einen französischen Regierungsdampfer.
Von Professor Hans Petersen.
Der Führer der ‚Augusta‘ faßte den Entschluß, nach den südlichen französischen Gewässern vor die Gironde zu fahren, da dort sicherlich eher französische Handelsschiffe anzutreffen seien. In großer Fahrt eilte das deutsche Schiff seinem neuen Ziele zu, und schon in der Nacht zwischen dem 3. und 4. Januar lag die ‚Augusta‘ vor Bordeaux. Als eben das Dämmerlicht begann, wurde ein Segelschiff, eine Brigg ‚Sainte Marie‘, angehalten. Sie führte Mehl und Hartbrot nach Bordeaux, das für die neu zu bildende französische Südarmee bestimmt war. Wegen seiner Ladung wurde das Schiff als Prise erklärt. Der Kapitän und fünf Matrosen blieben an Bord, und als Befehlshaber erhielt es den Seekadetten Reimann, mit dem fünf deutsche Matrosen, die sich freiwillig meldeten, an Bord der ‚Sainte Marie‘ übergingen. Die Ausrüstung der Brigg wurde ergänzt, namentlich noch Süßwasser herübergebracht. Der junge Schiffsführer erhielt Befehl, um Schottland herum einen deutschen Hafen aufzusuchen. Als alles bereit war und die Brigg unter eigenem Segelbeistand dahinfuhr, bildeten drei Hurrarufe einen wirkungsvollen Abschiedsgruß. — Während dieser Zeit waren schon verschiedene Segelschiffe in die Gironde eingefahren. Wieder rauschte eine stolze Bark, ‘Pierre Adolphe‘, heran. Der deutsche Kreuzer hielt auf sie zu und feuerte einen blinden Schuß ab zum Zeichen, daß sie die Segel einziehe und anhalte. Die Untersuchung ergab, daß die Ladung der Bark, Weizen und Proviant, für die Südarmee bestimmt war. Auch diese Prise sollte die Seereise nach Deutschland antreten. Kapitän, Lotse und neun Mann waren an Bord dieses Schiffes. Drei Matrosen kamen an Bord der ‚Augusta‘ herüber. Nachdem man auch diesem Schiff die Wasservorräte ergänzt hatte, schickte man es unter Führung des Seekadetten Dühring, dem sich fünf deutsche Matrosen anschlossen, nach einem deutschen Hafen. Die üblichen Abschiedsrufe boten auch diesem Schiff den letzten Gruß, ehe die Fahrt begann. Inzwischen ließ der Kapitän Weickhmann die ‚Augusta‘ klar zum Gefecht machen, denn es war nicht unwahrscheinlich, daß französische Kreuzer ausliefen, um auf das deutsche Schiff Jagd zu machen, das nun schon während acht Stunden seine Tätigkeit ausübte. In der späten Nachmittagsstunde kam ein Dampfer in Sicht, der die französische Flagge führte. Ein scharfer Schuß, der vor dem Bug des Schiffes ins Wasser ging, ließ den Führer sofort die Lage erkennen, Flagge und Wimpel wurden niedergeholt und die Maschinen gestoppt. Der angehaltene Dampfer erwies sich als ein französisches Transportschiff, das keine Geschütze führte. Der die Untersuchung leitende deutsche Offizier konnte melden: ‚Transportdampfer Mars‘ von Rochefort nach Bordeaux mit Uniformen, Lager- und Lazarettgerät für die dort zu bildende Südarmee bestimmt. Kapitän Pierre Boudet, Besatzung siebenundzwanzig Matrosen und Heizer der französischen Marine, keine Geschütze, nur Handwaffen an Bord. Kohlenvorrat reicht für einen Tag.“ — Der Versuch, die Prise an den deutschen Kreuzer heranzubringen, um die kostbare Ladung zu bergen, glückte nicht. Daher wurden die Boote zu Wasser gelassen und die französische Besatzung nebst Kleidersäcken herübergebracht. Mehrere Ballen und Kisten, deren Inhalt meistens aus Uniformen bestand und an Deck lagerten, kamen gleichfalls noch an Bord der ‚Augusta‘. Nach einer kurzen Beratung mit den übrigen Offizieren bestimmte der Kommandant, daß das Schiff zu zerstören sei. Die Ventile der Maschine wurden geöffnet, das Schiff in Brand gesetzt, der Kreuzer feuerte zehn Granaten auf den Dampfer. Mit Einbruch der Dunkelheit verließ dann die ‚Augusta‘ den Schauplatz ihrer Taten. Wenn sie bis dahin auch vom Glücke begünstigt war, so galt es als nicht unwahrscheinlich, daß französische Kriegsschiffe aus den benachbarten Häfen gegen sie ausliefen. Der deutsche Kommandant fuhr deswegen mit seinem Schiff nach dem spanischen Hafen Vigo, der am 7. Januar, nachdem noch während der Fahrt verschiedene Fahrzeuge untersucht worden waren, glücklich erreicht wurde. In Vigo blieb das Schiff vorläufig liegen. Der Hafen zeichnet sich durch eine günstige Lage aus und hat drei Ausgänge.