Und die Treue, von der die Braven sangen, haben sie dem Vaterlande gehalten bis zum letzten Atemzuge. Ein letzter Ton, und verstummt war der Mund für immer! Der wütende Orkan hatte das Hinterschiff hinabgezogen in die Tiefe und mit ihm den größten Teil der Mannschaft. Vierundsechzig brave deutsche Seeleute waren nicht mehr. Nur zwei Mann wurden besinnungslos an die eine Seemeile entfernte Küste geschwemmt, wo sie am nächsten Morgen von Chinesen aufgefunden und erquickt wurden.

Die auf dem Vorschiff zurückgebliebenen Schiffbrüchigen kamen auch in eine schlechte Lage, da die wilde See ungestümer heranrollte und sich ihnen auf dem Vorschiff kein Schutz mehr bot. An eine Rettung dachten die meisten nicht mehr, sie hatten abgeschlossen mit dem Leben; immer noch rollte die Brandung so stark über die kleine Schar hinweg, daß sie kaum atmen konnte. Gegen drei Uhr morgens brach noch der Fockmast, und von den zehn Seeleuten, die hier auf Rettung hofften, verschwand noch einer in den Wellen. Die übrigen krochen gegen Morgen in das Zwischendecksluk. So hatten sie leidlich Schutz vor der Brandung. Essen und Trinken gab’s nicht. Zwei Flaschen Mixed-Pickles fanden sie, zwei Tage erquickten sie sich an dem Essig. Im Innern hatten die Wellen alles zertrümmert. Die hin und her geschleuderten eisernen Wassertanke gestalteten die Lage im Innern noch gefährlicher. Am Mittag nach der Unglücksnacht versuchten die Schiffbrüchigen, aus Planken und Holztrümmern ein Floß zu zimmern, jedoch vergebens. Ein Matrose wurde durch die hohe Brandung über Bord gespült, er konnte sich als guter Schwimmer glücklicherweise noch ans Land retten. Als er nach einem in der Nähe gelegenen Dorfe kam, führten ihn die Dorfinsassen zu den beiden vom Achterschiff Verschlagenen. Es war eine herzliche Freude des Wiedersehens, die um so größer wurde, als sie vernahmen, daß noch mehr Kameraden vom Wrack zu retten seien. Sie scheuten keine Mühe, um in die Nähe des wildumbrandeten Felsenriffs zu kommen. Endlich gelang das Wagnis. Ein Chinese schwamm von einem verankerten Boot aus an einem Tau zur Unglücksstätte, und mit unsäglicher Mühe und größter Lebensgefahr rettete er die ermatteten Kameraden. Mit Hilfe eines noch an Bord vorhandenen Schwimmgürtels kamen die Unglücklichen trotz der scharfen Felskanten zum Boot, das sie ans Land brachte. Hier wartete der einarmige Leuchtturmwärter Schwilp auf die Geretteten. Halb verhungert und ganz zerschunden, wurden sie auf Esel gesetzt und nach dem Leuchtturm transportiert, wo er sie pflegte, bis der ‚Kormoran‘ die Überlebenden zu dem Flaggschiff ‚Kaiser‘ nach Tschifu brachte.

Die ‚Arkona‘ erhielt den Auftrag, nach den Leichen der Verunglückten zu suchen und sie auf einem dicht bei dem Leuchtturm angekauften Acker zu beerdigen. Wochenlang dauerte diese traurige Arbeit. Weit und breit lagen die angeschwemmten Leichen und Leichenteile an den Küstenländereien. Um sie zu rekognoszieren, blieben zwei Leute vom ‚Iltis‘ beim Leuchtturm zurück. Der Steuermann und der an seiner Kleidung kenntliche Zahlmeisterapplikant wurden wiedererkannt. Die übrigen konnten nicht ermittelt werden, da die Leichen von den scharfen Felskanten zerrissen waren. Nach wochenlangem Suchen konnten achtundzwanzig Leichen geborgen werden. Dreiundvierzig kamen nicht mehr zum Vorschein, trotz der hohen Prämien, die für die Auffindung ausgesetzt waren. Am 15. August hielt der Divisionspfarrer auf dem sauber hergerichteten Friedhof Gottesdienst und weihte ihn ein. Ein sieben Meter hoher weißer Marmorobelisk auf hohem Postament wurde in Tschifu aufgestellt, die Namen der Braven zum ewigen Gedenken eingegraben und auf die vierte Seite die Schlußstrophe des Flaggenliedes gesetzt:

„Und treibt des wilden Sturms Gewalt

Uns an ein Felsenriff,

Gleichviel, in welcherlei Gestalt

Gefahr droht unserm Schiff,

Wir wanken und wir weichen nicht,

Wir tun, wie Seemannsbrauch,

Den Tod nicht scheuend, unsre Pflicht