Unentwegt tobte der Sturm weiter. Englische und amerikanische Schiffe kollidierten. Besonders das amerikanische Schiff ‚Trenton‘, das sich bis in die Morgenstunden gut hielt, hatte seit zehn Uhr morgens keinen Dampf; dazu war die Ruderstange gebrochen, und das hereinströmende Wasser löschte die Kesselfeuer. Der Versuch, das Hereinströmen des Wassers durch die Ankerklüsen zu hindern, gelang nicht mehr. Im Schiffe verließen die Heizer erst ihre gefährlichen Posten, als sie bis an die Hüften im Wasser standen. Das zur Beruhigung der Wellen in reichem Maße ausgegossene Öl richtete in dem wütenden, tobenden Elemente nichts aus. Hilflos trieb das amerikanische Kriegsschiff auf die ‚Olga‘ zu, deren Kommandant Kapitän von Ehrhardt die Gefahr erkannte. Er ließ die Anker fallen, dazu die Maschinen mit voller Kraft arbeiten. Es half jedoch nichts. Der unvermeidliche Zusammenstoß kam, beim ‚Trenton‘ zersplitterten schwere Balken am Heck des Schiffes, auf der ‚Olga‘ barst der Bugspriet. Nach dem Zusammenstoß kamen beide Schiffe wieder frei, und Kapitän von Ehrhardt ließ die ‚Olga‚ nach der an der Ostseite des Hafens gelegenen Schlammbank steuern und hier auf den Strand setzen. Nur mit äußerster Kraft erreichte das deutsche Schiff die Schlammbrücke, in die es sich sicher einbettete. Wohl gingen in der Nacht die Sturzwellen fortwährend über das Schiff hinweg, sie raubten ihm jedoch keine Menschenleben. Der ‚Trenton‚ trieb nach dem Zusammenstoß mit der ‚Olga‚ weiter. Kurz vor seinem Auflaufen spielte die Musikkapelle am Bord des Schiffes, um die Furchtlosigkeit zu beweisen, die amerikanische Nationalhymne: ‚das sternenbesäte Banner‘. Das gestrandete Schiff füllte sich sehr rasch mit Wasser, es blieb aber noch so viel Raum oberhalb der Wasserlinie über, um der bedrohten Mannschaft Schutz zu bieten; von ihr ging niemand verloren.

Als dann am 17. März die Gewalt des Sturmes nachließ, übersah man den Schauplatz der schauerlichen Tragödie, die sich hier abgespielt hatte, und die der deutschen Marine einen schweren Verlust brachte, aber auch bewies, daß deutsche Seeleute im Unglück eine unerschrockene Haltung zu bewahren und mannhaft zu sterben wissen.

„Nicht ertrunken sind unsere Kameraden,“ so rief der Kaiser, „sondern gefallen, ihre Pflicht bis zum letzten Augenblick erfüllend. Nachdem sie siegreich gegen Menschenhand gefochten, fanden sie im mutigen Kampfe gegen die entfesselten Elemente ihren rühmlichen Tod! Gott hat es so gewollt! Auch so starben sie den Tod für Kaiser und Reich!“

3. Die Helden des Kanonenboots ‚Iltis‘.

Admiral Tirpitz hatte im Juli 1896 die Kreuzerdivision, die aus den Schiffen ‚Kaiser‘, ‚Prinzeß Wilhelm‘, ‚Irene‘, ‚Arkona‘, ‚Kormoran‘, sowie dem Kanonenboot ‚Iltis‘ bestand, vor der Reede von Tschifu zusammengezogen, um eine angekündigte Mannschaftsablösung zu erwarten. Wiederholte Landungsmanöver wurden hier ausgeführt, da die Küsten- und Bodenverhältnisse eine günstige Gelegenheit dazu boten. Besondere Umstände, die auf sanitärem Gebiete lagen, verursachten, daß die Kreuzerdivision nach dem Norden Japans ging, während das Kanonenboot ‚Iltis‘, das vom Kapitänleutnant Braun kommandiert wurde, als Stationsschiff an der langgestreckten chinesischen Küste die deutsche Flagge zeigen sollte. Dieses Sommerkommando war keineswegs beneidenswert, weil Hitze und Moskitos die Seeleute sehr plagten. Am 23. Juli lief der ‚Iltis‘ aus Tschifu aus. Das Wetter war drückend heiß. Von den Philippinen her war ein gewaltiger Taifun im Anzuge. Nebel und Regen erschwerten die Ortsbestimmung. Dazu tobte der Orkan an der felsenreichen Küste Schantungs mit der Windstärke elf bis zwölf. Arge Besorgnisse herrschten über das Schicksal des ‚Iltis‘ bei der Kreuzerdivision, da dem kleinen Kanonenboot nur eine schwache Maschine zur Verfügung stand. Man nahm aber an, daß der ‚Iltis‘ den Hafen Wei-hai-wei als Nothafen anlaufen werde; um so mehr vertröstete man sich mit dieser Annahme, als ein chinesischer Bote die Mitteilung brachte, mehrere Schiffe seien in den Hafen eingelaufen. Erst am 28. Juli traf beim Flottenflaggschiff die Nachricht ein, daß der ‚Iltis‘ am 23. Juli 1896 zwischen zehn und elf Uhr nachts gestrandet und ganz verloren sei. Alle die Besorgnisse, die beim Herannahen des Taifuns gehegt wurden, hatten sich erfüllt. Das Schiff und die tüchtige Mannschaft waren verloren, die prächtigen Menschen lagen am Meeresgrunde oder als verstümmelte Leichen auf den Felsenriffen Schantungs. Ein Schreiben des Schiffsschreibers vom ‚Iltis‘ traf durch einen chinesischen Boten ein; hierdurch erst wurde die ganze Schwere des Unglücks offenbar. Die Schiffe ‚Arkona‘ und ‚Kormoran‘ dampften sofort nach der Unglücksstätte ab, um zu retten, was zu retten war. Während die ‚Arkona‘ bei der Strandungsstelle blieb, brachte der ‚Kormoran‘ die elf Geretteten zum Flottenflaggschiff; hier mußten sie neu eingekleidet werden, da sie alles verloren hatten. Am anderen Tage begab sich das Flaggschiff nach dem Felsenriff, das bei Flut und Sturm ganz unter Wasser liegt, bei Ebbe etwa einen Meter aus diesem hervorragt als zackige Felsenkante, scharf wie ein Messer. Wer auf dieses Riff geworfen wird, den zerschneiden die Felskanten, daher erklärt es sich auch, daß so wenig Leichen gerettet wurden, und die, die man rettend barg, zerfetzt waren.

Wie geschah das folgenschwere Unglück? Folgen wir den Ereignissen an Bord des Kanonenbootes. Am Mittag des Unglückstages dampfte der ‚Iltis‘ bei dem Hafen Wei-hai-wei, die Gefahr nicht ahnend, vorbei, trotzdem schon ein widriger Wind wehte. Der Weg ging nach Süden. Gegen Abend wurde der Wind unregelmäßiger, das Stoßen und Stampfen des Schiffes immer stärker, dazu nahm das Kanonenboot viel Wasser über Bord. Die Seen liefen hohler und höher, der Wind nahm ständig zu, die stärksten Sturmsegel mußten gesetzt werden, um vorwärtszukommen. An Deck war wegen der überkommenden Wasser der Aufenthalt kaum noch möglich. Noch mehr wuchs der Sturm. Das Pfeifen in der Takelage wurde schriller, die Segelflächen standen gespannt in der Wucht des einfallenden Windes. Eine Gaffel zerriß, eine neue wurde gesetzt. Mit voller Kraft arbeitete die Maschine. Nebel und Regen verhinderten jeglichen Ausblick. Schon fingen die Heizer an, matt zu werden; neue Kräfte aus den Reihen der Matrosen traten an ihre Stelle, um der Maschine den nötigen Dampfdruck zu erhalten. Tapfer arbeitete das kleine Schiff gegen Wind und Wellen an. Ein Wenden des Schiffes, um von der vermuteten Küste freizukommen, war nicht mehr möglich. Die dienstfreie Mannschaft lag angekleidet in den Hängematten. Gegen zehn Uhr abends überschlug der Kommandant noch einmal die Lage des Schiffes und die Richtung. Der gute Gang der Maschine bürgte für eine glückliche Rettung des arg bedrohten Schiffes. Beruhigt konnte eine Hälfte der ermatteten Mannschaft sich in die Hängematten legen, der Kommandant blieb auf der Brücke. Eine grausige Nacht! Kaum eine halbe Stunde darnach stieß das Schiff mit mächtigem Stoß auf. „Alle Mann aus dem Zwischendeck!“ tönte als Befehl durch die Finsternis und den heulenden Sturm. Das Schiff saß fest, der Schiffsboden war durchstoßen, und machtvoll drangen die Wassermassen in den Schiffsraum; gierig zischend strömten sie hinein in den Heizraum; die Feuer löschten, die Lampen stürzten, und mitten im Schiffe herrschte dunkle Nacht und brausendes Wogengetümmel. „Die Kranken an Deck und mit Rettungsgürteln versehen!“ lautete der nächste Befehl. Die Lage des Schiffes war jedem klar. Kommandant Braun, der das Ende vor sich sah, ließ als letztes Abschieds- und Treuezeichen ein dreifaches Hurra auf den Kaiser ausbringen. Nacht und Grausen ringsumher! Der Sturm nahm noch immer zu, hochauf bäumten sich die Wogen. Aus den dunklen Fluten tauchten gespenstisch weiße, zackige Felsspitzen auf, die mit ihren gräßlichen Armen nach den Unglücklichen zu greifen schienen, die am Schiff sich festgeklammert hielten. Mitten in der Brandung saß der ‚Iltis‘, er wurde hin und her geworfen. Ein Ächzen und Tosen erfüllte die Luft, gerade als ob die Geister der Hölle sich auf das unglückliche Schiff stürzten.

Unentwegt prasselten Regen und Hagel hernieder; das Gebrüll der Wogen erstickte jeden Befehl. Nieten und Haken zerbrachen und zerrissen; das Deck zersplitterte und fiel auseinander. „Ein ergreifendes Vorkommnis,“ so schreibt I. Langenberg, einer der Geretteten, „werde ich nie vergessen. Die Schiffsglocke, die an der Vorkante der Kambüse aufgehängt war, schlug durch das Hin- und Herstoßen des Schiffes von selbst an; es klang wie Totengeläut. Plötzlich hörte es auf.“ Der Augenblick des Untergangs war gekommen, denn jetzt machten die Wogen ganze Arbeit und rissen den Schiffskörper auseinander. In zwei getrennten Stücken, Vorschiff und Achterschiff, lag das Wrack da. Mächtiger rollte die See heran. Sie erfaßte das Hinterschiff und warf es mit donnerndem Getöse neben dem Vorschiff nieder. Menschliche Kraft war zu Ende, die entfesselten Elemente hatten den Untergang des Schiffes und seiner braven Besatzung beschlossen. Der Kommandant überschaute von der zusammengebrochenen Brücke aus noch einmal die Lage, ein letzter Gruß dem Kaiser, ein letztes Gedenken an Weib und Kind, und dann rief der Tod zur letzten Fahrt, der grausigen Todesfahrt fern von den Lieben.

Das Vorschiff lag eingekeilt und konnte sich nicht so viel bewegen wie das Achterschiff. Leuchtkugeln erhellten diese Stätte des Grausens, jedoch vergebens, keine Rettung kam den von der wilden Brandung umtosten Schiffbrüchigen; wer von ihnen noch nicht den gierigen Meereswogen zum Opfer fiel, dem schlug jetzt die Todesstunde.

Vom Hinterschiff erhob sich die mächtige Stimme des Feuerwerksmaaten Raehm. In heiteren Stunden hatten sein froher Sinn und seine Sangeslust oft genug die Mannschaft unterhalten, und im Augenblick des Sterbens halfen sie auch über das Bitterste hinweg. Die ersten Strophen des deutschen Flaggenliedes wurden angestimmt. Mannhaft klangen in das Gebrüll der Wogen die Worte hinein: ‚Stolz weht die Flagge schwarz- weiß-rot!‘