Die starke See trieb das Kanonenboot etwas ab, so daß es mit dem Vorderteil die Breitseite der ‚Nipsic‘ traf, die durch den Zusammenstoß ein Boot und einen Teil der Schanzkleidung verlor. Der von den Wellen zurückgeworfene ‚Eber‘ stieß dann mit der Korvette ‚Olga‘ zusammen, ohne daß sie beide beschädigt wurden. Langsam drehte sich der ‚Eber‘ und trieb nun seinem unentrinnbaren Schicksal, der Strandung auf dem Riff, entgegen. Die Kraft des kleinen Kanonenbootes war verbraucht, und da es mit der Breitseite dem Winde zu lag, brachen gewaltige Sturzwellen über das Kriegsfahrzeug herein; sie trieben es immer rascher dem verderbenbringenden Korallenriff zu. Noch eine riesige Woge stürmte heran, hob das Schiff wie ein Holzschifflein in die Höhe und schleuderte es dann mit der Breitseite auf das Riff. Es gab einen entsetzlichen Stoß, Wellen auf Wellen stürmten heran, und in wenigen Augenblicken war das stolze Schiff spurlos verschwunden. Mit dem Kiel hatte das Schiff zuerst das Riff getroffen, rollte dann völlig über die Seite und verschwand im tiefen Wasser. Jeder Balken des Kanonenbootes mußte zersplittert worden sein, und die meisten Leute der unglücklichen Besatzung wurden jedenfalls zermalmt, ohne zu fühlen, daß die See über ihnen zusammenschlug.
Die bei Apia gestrandeten Schiffe nach dem Orkan.
Das schreckliche Unglück geschah im Angesichte der vielen Zuschauer am Strande. Ein angstvoller Augenblick lähmte die Entschlußkraft der Eingeborenen, dann aber brach ein Schrei des Entsetzens los, und tollkühn stürmten die Samoaner mit ihren Booten in die Brandung hinein, um Ausschau zu halten, ob nicht irgendeiner der unglücklichen Schiffbrüchigen wieder auftauchte aus dem wütenden Meer. Die Fehde mit Deutschland, der Gedanke an den Feind war vergessen, man wollte retten, soweit man konnte. Fast schien es, als ob alles Leben mit dem Schiffe seinen Untergang gefunden hätte, aber bald sah man, wie einige der Unglücklichen gegen die Wellen ankämpften. An einem kleinen Inselchen klammerte sich ein Mann fest: man holte ihn heraus, es war der Leutnant zur See Gaedeke, der einzige gerettete Offizier vom ‚Eber‘. Fast betäubt vom Kampf gegen die Meereswellen, konnte der Offizier sich nicht zurechtfinden, er brach beinahe zusammen, als er die Schwere des Unglücks erfuhr. Im Augenblick des Zusammenstoßes stand Leutnant Gaedeke auf der Kommandobrücke. Als er an die Oberfläche des Wassers kam, fühlte der Gerettete, wie er dem Strande zutrieb, an dem er denn auch glücklich Rettung fand. Ferner erreichten von der Besatzung des ‚Eber‘ noch der Steuermann und vier Matrosen, die in der Brandung mit dem Tode rangen, glücklich das Land.
Die bei Apia gestrandeten Schiffe nach dem Orkan.
‚Eber‘ ging in der sechsten Morgenstunde unter. Während der durch die Katastrophe hervorgerufenen allgemeinen Verwirrung und Aufregung verlor jedermann für einen Augenblick die Lage der anderen Fahrzeuge aus den Augen. Aber schon bald zeigte sich, daß auch diese sehr kritisch war. Der ‚Adler‘, durch die ganze Bucht hindurchgeschleift, stieß mit der ‚Olga‘ zusammen, dann befand sich der ‚Adler‘ in allernächster Nähe des gefährlichen Riffs, auf dem das gescheiterte Kanonenboot lag, dessen Schicksal auch ihm beschieden war. Eine ungeheure See warf ihn hoch auf das Riff, wo er aufgekantet liegen blieb. Seine Mannschaft wurde ins Meer geschleudert. Doch ein Glück im Unglück bestand darin, daß das Schiff sich vollständig auf die Seite legte und aus dem Wasser herausragte. Das Schiffsdeck stand senkrecht zum Korallenriff, und diese Seite des Schiffes lag der sturmfreien Himmelsrichtung zugekehrt. Hundertdreißig Offiziere und Mann befanden sich an Bord des Kriegsschiffes; trotzdem sie ins Wasser fielen, konnten hundertzehn von ihnen gerettet werden. Zwanzig Mann ertranken, außerdem erhielt eine Reihe schwere Verletzungen. Zu den Verletzten gehörte auch der Befehlshaber des deutschen Geschwaders, Korvettenkapitän Fritze.
Durch Umsicht und Tatkraft gelang es den Eingeborenen, Taue an dem Wrack zu befestigen, die das Deck mit dem Ufer verbanden. Mit Hilfe dieser Verbindungsstraße wurden zahlreiche Seeleute gerettet. Lange hielt sich jedoch dieser Rettungssteg nicht, und so mußte der nicht gerettete Teil der Besatzung sich am Deck des Wracks festklammern und noch den Tag und die ganze Nacht dort aushalten, ehe der Sturm soweit an Gewalt nachließ, daß es gelang, mit Booten vom Ufer aus an das Schiff zu kommen. Die ungeheuren Anstrengungen hatten diesen Teil der Mannschaft völlig erschöpft.
Das amerikanische Kriegsschiff ‚Nipsic‘ hatte sich unter Volldampf gegen den Wind gehalten, stieß dabei zweimal mit der ‚Olga‘ zusammen und bohrte den Schoner Lily in den Grund, von dessen Besatzung nur ein Mann gerettet wurde. Beim zweiten Zusammenstoß traf die ‚Olga‘ den ‚Nipsic‘ so schwer, daß der Schornstein brach und umfiel, auch die Maschine wurde gebrauchsunfähig. Dem stark betroffenen Amerikaner schien das Schicksal des Kanonenboots ‚Eber‘ gewiß zu sein. Dem beschloß der Kapitän zuvorzukommen und das Schiff auf die Sandbank zu setzen. Eine geringe Dampfkraft der Maschine, dazu die Ruderkraft reichten aus, um das Schiff von der gefährlichen Riffstelle forttreiben zu lassen; auf einer weiter nördlich gelegenen Sandbank lief das Schiff auf. Als die Boote ausgesetzt wurden, schlug eines um, und sieben Mann der Besatzung ertranken.
Schwierig gestaltete sich der Abstieg von dem von Sturzwellen überschütteten Wrack, und wieder halfen die Samoaner nach besten Kräften. Mit Hilfe von Tauenden, die sie an Bord geworfen hatten, ließ sich die Mannschaft nach und nach hinab; unten fingen die bereitstehenden Eingeborenen sie auf. Die beiden kleinsten Schiffe der im Hafen vereinigten Flotte, ‚Eber‘ und ‚Nipsic‘, hatten ihren Untergang gefunden, die größeren, darunter auch die ‚Olga‘, blieben noch flott.