Der Untergang des „Iltis“.
Von Professor Hans Petersen.
England und Nordamerika zogen in geschickter Art den neuen König auf ihre Seite und hetzten ihn gegen Deutschland auf, und fortdauernde Parteikämpfe blieben nicht aus. Sie wären vermieden worden, hätte der deutsche Reichstag die überreichte Regierungsvorlage, die eine Garantie des Reiches für eine neu zu gründende Seehandelsgesellschaft auf Samoa und anderen Südseeinseln forderte, angenommen. Der nächste Reichstag zeigte sich den kolonialen Bestrebungen günstiger, und damit entschied sich auch die Zukunft Samoas.
Malietoas, der Feind der deutschen Regierung, war in die Verbannung geschickt und an seine Stelle Tamasese zum König ernannt worden. Den geschickten Wühlereien der Fremden gelang es, auch ihm Feinde zu erwecken. Die Folge davon war ein neuer Bürgerkrieg, der besonders von Mataafa, einem Unterhäuptling, geschürt wurde. Die vor Apia anwesenden deutschen und fremden Kriegsschiffe griffen in die Streitigkeiten der kriegslustigen Eingeborenen nicht ein. Tamasese flüchtete im Laufe des Streites in die deutsche Plantagengebietszone, und nur durch eine energische, starke Bewachung konnte diese vor Beschädigungen bewahrt werden.
Auf Verfügung des Konsuls erhielten die deutschen Kriegsschiffe ‚Olga‘, ‚Adler‘ und ‚Eber‘ Befehl, vor Apia sich einzufinden, um den Schutz der deutschen Kaufleute und Farmer zu übernehmen. Einer Verabredung gemäß sollten am 18. Dezember die Rebellen ihre Waffen niederlegen; auch Tamasese erhielt diese Aufforderung.
In den frühen Morgenstunden verließen neunzig Mann der Besatzung der ‚Olga‘ auf einem Prahm das Kriegsschiff, ferner in zwei Booten noch weitere fünfzig Mann, die Führung der Landungsabteilung hatte Kapitänleutnant Jäckel, gelandet sollte werden bei der deutschen Pflanzung Hufnagel in Vailele. Von den geheim betriebenen Vorbereitungen erhielten die Samoaner Kenntnis. Am Abend des 17. Dezember lief in der Stadt das Gerücht um, daß bei der ‚Olga‘ Anhänger Tamaseses versteckt seien, die in der Nacht landen wollten, um Mataafa zu überfallen. Als die Boote der ‚Olga‘ abfuhren, erging von allen Seiten der Ruf an die Bewaffneten, die sich am Strande aufhielten, sich bereit zu machen. Binnen kurzer Frist hatten sich fünfhundert Anhänger Mataafas am Strande versammelt unter Anführung des Deutsch-Amerikaners Klein. Die am Strande gedeckt durch Buschwerk vorlaufenden Samoaner hielten sich in gleicher Höhe mit den deutschen Landungsbooten. Der Prahm entfernte sich von den beiden anderen Booten, da diese bei ihrem größeren Tiefgang in der Nähe des Landes nicht so schnell fortkamen. Als der Prahm in die Nähe des Ufers kam, sprangen die Matrosen auf den flachen Strand, und dabei erhielten sie plötzlich ein überraschendes Salvenfeuer. Der Angriff auf die deutschen Seeleute durch eine zehnfache Übermacht gestaltete sich trotz der wiederholten Vorstöße immer gefährlicher. Auch die Besatzungen der beiden Boote, die nach Vailele ruderten, wurden angegriffen. Die deutschen Matrosen wären verloren gewesen, hätten nicht durch das Eingreifen des ‚Adler‘ und ‚Eber‘ die Granaten die Aufrührer zurückgedrängt und in die Flucht geschlagen. Schwere Verluste erlitt die Landungsabteilung: zwei Offiziere und dreizehn Mann tot und sechsunddreißig Verwundete. Es waren schwere Opfer eines frevelhaft heraufbeschworenen Kampfes, die Sühne durfte nicht ausbleiben. Die Dörfer der Aufständischen wurden am nächsten Tage in Brand geschossen; leider konnte man des Anführers Klein nicht habhaft werden. Für friedliche Verhandlungen war die Bahn wohl frei, aber die verwickelte Lage dauerte fort. Weil die Fortsetzung der Verhandlungen sich so lange hinzog, blieben die deutschen Schiffe noch weiterhin vor Apia.
Am 15. März 1889 brach ein furchtbarer Orkan los, dessen Verheerungen in Apia und auf den davorliegenden Koralleninseln ein unsägliches Unglück anrichtete. Wohl ruhten von der deutschen Marine schon damals zwölf Schiffe mit Mann und Maus auf dem Grunde des Meeres, aber ein so großes Unglück, wie es der Märztag vor Apia brachte: zwei Schiffe auf einmal zu verlieren, hatte die deutsche Flotte bis dahin noch nicht betroffen. Die Augenzeugen jener denkwürdigen schrecklichen Sturmtage wissen davon zu berichten. Noch niemals wütete auf den Samoainseln ein so furchtbarer Sturm. Kurze Zeit vor dem 15. März ward das Wetter immer trübe, dazu fiel ständig das Barometer, aber niemand vermutete den Ausbruch eines derartig verheerenden Orkans, wie er tatsächlich in den Nachmittagsstunden am 15. März losbrach. Nachts arbeiteten die Maschinen, um den ungeheuren Druck zu mindern, den der Orkan auf die Ankerketten ausübte. Die Besatzungen der im Hafen liegenden Segelschiffe ließen meist Reserveanker fallen und gingen dann an Land. Um Mitternacht begann es zu regnen. Noch immer wuchs der Orkan. Vom Meere her drangen mächtige Seen in den Hafen, und die Gewalt der Wasserwogen trieb die Kriegsschiffe wie Nußschalen hin und her. Gegen Mitternacht verloren die Anker des ‚Eber‘ den Halt; unter Ausnutzung der vollen Dampfkraft hielt sich das Schiff noch von den gefährlichen Korallenriffen und den übrigen ankernden Fahrzeugen fern.
Unaufhaltsam stieg die Wucht des Sturmes, immer stärker rauschte der Regen herab. In der frühen Morgenstunde war das Wetter einfach grausig. Die sämtlichen Anker der Kriegs- und Handelsschiffe verloren ihren Halt, und jetzt bestand die Gefahr, daß die wild durcheinandergeworfenen Schiffe zusammenstießen. Auf einzelnen amerikanischen Kriegsschiffen brach eine Panik aus, und nur mit Mühe konnten die Offiziere Ordnung und Ruhe erhalten.
Die Bewohner der Stadt waren an den Meeresstrand geeilt. Die Eingeborenen schienen die Gefahr und die Lage der Schiffe zu kennen, denn ihre volle Aufmerksamkeit galt besonders den draußen hin und her geworfenen Kriegsfahrzeugen. Wohl sah man die Lichter der Kriegsschiffe glänzen, aber da diese fortwährend hin und her geschleudert wurden, erwarteten die Eingeborenen jeden Augenblick, daß zwei Schiffe aneinanderrennen und in der Tiefe versinken würden.
In der fünften Morgenstunde begann es leicht zu tagen, und ein schauriges Schauspiel offenbarte sich den ängstlich harrenden Zuschauern. Der tobende Nordoststurm hatte sämtliche Fahrzeuge von ihren Ankerplätzen losgerissen und trieb sie alle dem Riff zu. Mächtige Rauchwolken schossen aus den Schornsteinen auf; sie bewiesen, daß man auf den Schiffen alle Anstrengungen machte, der gefährlichen Lage Herr zu werden, und mit voller Maschinenkraft gegen den Ozean ankämpfte, so gut es ging. Auf den Schiffsdecken standen die Mannschaften und hielten sich am Maste oder im Takelwerk, oder suchten einen Halt. Die Schiffe glichen einem Spielball der Wellen, die sie hin und her schleuderten; alle Kraftanstrengungen waren vergebens. Die deutschen Schiffe ‚Adler‘, ‚Eber‘ und das amerikanische Kriegsschiff ‚Nipsic‘ lagen dicht beieinander. Unaufhaltsam trieben sie dem Riff zu. Noch wenige Meter vom Riff entfernt versuchte der ‚Eber‘ seinem Schicksal zu entgehen. Vergebens!