Wohl hat die Geschichte der Hanse etwas Eintöniges an sich, und doch fehlt es jener Epoche der deutschen Geschichte nicht an Ereignissen und Männern, die die tatenfrohe Jugend reizen, von ihnen zu hören und zu lesen.
Die Germanen waren Anwohner der Meeresküste zu der Zeit, aus der die älteste Kunde uns von ihnen berichtet. Die Gestade der Nordsee hatten sie ganz besetzt, an der Ostsee reichte ihr Einfluß bis etwa ans Kurische Haff. Geschichtliche Zeugnisse beweisen, daß sie seekundig waren, und die Besitzergreifung der englischen Inseln spricht für ihren unternehmungsfrohen Seefahrergeist. Jedoch in den Tagen der Völkerwanderung verschwanden die Germanen von den baltischen Küsten, und die Slawen traten an ihre Stelle.
Als dann im 9. und 10. Jahrhundert sich ein gesondertes deutsches Reich nach dem Vertrage zu Verdun im Jahre 843 zu entwickeln begann, stießen an der Kieler Bucht Dänen und Wenden als Grenznachbarn aufeinander.
Karl der Große (768 bis 814) und Heinrich I. (919 bis 936), zwei bedeutende Männer unter den deutschen Herrschern, die den Grund zu unserem deutschen Städtewesen legten, indem sie Niederlassungen an wichtigen Punkten gründeten und diesen dann Vorrechte und Selbständigkeit verliehen, versuchten auch die deutsche Oberherrschaft in den Küstengebieten auszudehnen, weil ihnen die Bedeutung der Seefahrt und des Handels bekannt war. Heinrich I. besonders schützte durch einen siegreichen Kriegszug gegen die Dänen den deutschen Handel vor deren Räubereien, ihren König Gorm machte er sich tributpflichtig.
Otto der Große setzte die Bemühungen seines Vaters fort und wirkte noch mittelbar für das Seewesen durch seinen Heereszug in die Nordmark im Jahre 965, durch den er König Harald zwang, sein Lehnsmann zu werden. Von nun an blieben Könige und Kaiser dem Meere fern, die deutschen Seefahrer waren auf sich allein angewiesen, und bis zum Ende des 11. Jahrhunderts beherrschten die kühnen Normannen die Küsten Deutschlands.
Der deutsche Seehandel erreichte trotz der Seeräubereien der Normannen im 9. Jahrhundert eine große Ausdehnung. Seine Wege führten nach England, nach den nordischen Königreichen und nach Rußland. Deutschen Kaufleuten sollen schon um das Jahr 1000 in London besondere Vorrechte bewilligt worden sein, die später Wilhelm der Eroberer ergänzte. Von Köln kamen reiche Mengen Rheinwein nach England. Etwa um 1070 wurde der Stahlhof am Strande in London gegründet und damit der Mittelpunkt geschaffen, der jahrhundertelang die deutschen Kaufleute in England vereinigte und so einen wichtigen Stützpunkt des deutschen Handels in England bildete.
Im 12. und 13. Jahrhundert begann die große Kolonisation im Ostseegebiet, die eine Ausdehnung des Seeverkehrs mit sich brachte und dadurch zu einem der wichtigsten Ereignisse in der Entwicklung Deutschlands wurde. Bei Beginn der Regierung Kaiser Lothars im Jahre 1125 kannte die Ostseeküste keine deutschen Bewohner, und als im Jahre 1254 der letzte Hohenstaufenkönig starb, hatten Deutsche das ganze Gebiet bis zum Finnischen Meerbusen inne. Blühende deutsche Gemeinwesen reichten von Kiel bis nach Riga; sie bildeten den Boden, auf dem die deutsche Hanse entstand.
Im Jahre 1158 begann das Werk. Das raschgewachsene, an Bedeutung zunehmende Lübeck gründete in Wisby auf Gotland eine deutsche Handelsgesellschaft. Die zentrale Lage von Wisby, das sich ungefähr auf halbem Wege zwischen Newa und Trave, zwischen dem Sund und dem Meerbusen von Riga, zwischen Weichsel und Mälarsee befand, wurde zu einer bedeutsamen Station für die damalige Schiffahrt, die große Reisen noch ängstlich vermied. Zu jener Zeit begann auch die Kolonisation der Ostseeprovinzen, indem bremische Kaufleute am Meerbusen von Riga Niederlassungen schufen, die erst mit dem Verfall der deutschen Seemacht verloren gingen. Einige Jahrzehnte später kamen Mönche in diese Gegenden, um das Christentum zu predigen, und ihnen folgten niederdeutsche Kreuzfahrer, die diese Landstriche eroberten und die Stadt Riga anlegten.
Die Städte, die auf dem Kolonialboden, der an Größe Deutschland glich, entstanden, wurden Träger eines regen Warenaustausches, einerlei, ob sie im Binnenlande oder an der See lagen; namentlich die letzteren gaben die Mittelpunkte ab für die Verkehrswege nach den nordeuropäischen Meeren. Die vielseitige und umfangreiche Tätigkeit der Städte ließ die deutsche Hanse entstehen. Die Bildung der deutschen Handelsgesellschaft in Wisby, von der oben die Rede war, weist auf die Begründung der Hansen hin. Das Wort Hansen ist eine vlämisch-gotische Zusammensetzung für den Ausdruck Genossenschaft und schließt die Bedeutung „Verbindung zu gemeinsamem Zweck mit Zahlung von Beiträgen“ in sich. Um das Jahr 1200 bildete sich die erste Hanse in Brügge, die sogenannte flandrische Hanse, die eine Genossenschaft von siebzehn Städten umfaßte und regelmäßigen Großhandel mit England betrieb. Ihr Vorort war Brügge, damals die erste Handelsstadt Nordeuropas.