Dieser Rat gefiel den andern allen wohl. Sie holten die Bäume, schichteten sie bei den Schiffen auf und begossen sie mit Wasser, und es ward also ein gläserner Wall. Diese Arbeit war kaum vollbracht, da kamen die Dänen in Haufen übers Eis und vermeinten, die Schiffe zu erobern; aber wiewohl der Dänen wohl vier waren auf einen Wismarschen, mußten sie doch mit großem Schaden davonziehen und die Schiffe bleiben lassen. Dies verdroß die Dänen über die Maßen, und sie dachten darüber nach, wie man den Schiffen doch Schaden zufügen könnte. Weil sie gesehen hatten, daß sie vor dem Bollwerk die Schiffe nicht beschießen konnten, wollten sie ein Kriegsgerät herrichten, das man eine Katze nennt, und liefen ins Holz, wo die Wismarschen die Bäume gehauen hatten. Der Hauptmann von Wismar, Meister Hugo, erkannte bald ihre Anschläge und ließ in der Nacht um die Schiffe große Waken hauen, und die Eisschollen ließ er niederdrücken. Nicht lange danach kamen die Dänen mit ihrem Volke und merkten nicht, daß die Wismarschen geeist hatten, denn es war oben wieder zugefroren — und kamen mit großem Ungestüm und mit Hast und meinten nun, die Schiffe zu gewinnen, denn es verdroß sie, daß sie vormals mit Schande hatten zurückweichen müssen. Aber es ist ein altes Sprichwort: Große Hast gibt oft guten Spott. Also ging es den Dänen diesmal auch, denn sie fielen haufenweise ins Wasser, und der eine drängte dem andern nach, also daß viele Hunderte der Dänen den Tag ertranken. Zu diesem Schaden mußten die armen Dänen noch großen Spott dazu haben, denn als die Dänen so ertranken, riefen die auf den Schiffen: „Kaiz, Kaiz, Kaiz!“ So pflegt man zu rufen, wenn man die Katzen jagt.
So erhielten die Wismarschen ihre acht Schiffe, beides durch List und Gewalt, bis Gott ein anderes Wetter gab, daß das Eis verging; da liefen sie nach dem Holm und entsetzten die Stadt.
Reimar Kock,
(altlübischer Lesemeister).
Klaus Störtebeker und seine Raubgesellen.
Nach dem Tode des Königs Hakon von Norwegen regierte über Dänemark und Norwegen die umsichtige Königin Margarete, die die Vormundschaft für ihren Sohn Elaf bis zum Jahre 1387 innehatte und dann selbst zur Regierung kam, da in diesem Jahre das Fürstenkind starb. Die Herrschaft über Norwegen machte ihr König Albrecht von Schweden streitig; in den sich zwischen den beiden entspinnenden kriegerischen Auseinandersetzungen wurden am 24. Februar 1389 die schwedischen Truppen besiegt, dazu fiel König Albrecht in die Hände seiner Gegnerin und Besiegerin, die ihn im Gefängnis grausam foltern ließ. Um Schwedens Hauptstadt lagerte sich das siegreiche Heer. Die Hanse beteiligte sich als Verband nicht an den Kämpfen, nur die unter mecklenburgischer Schutzherrschaft stehenden Ostseestädte Rostock und Wismar ergriffen für den gefangenen Schwedenkönig Partei: für sie handelte es sich darum, Stockholm mit Lebensmitteln zu versehen, zu befreien und der mächtigen Königin Schaden zuzufügen, um die Freigabe des Gefangenen zu erreichen.
Der Rat der beiden Städte gab zu dem Zwecke ‚Stehlbriefe‘[7] aus, durch die die Freibeuter im Ost- und Nordseegebiet berechtigt wurden, auf eigene Faust gegen die Schiffe der nordischen Reiche zu ‚abenteuern‘, das heißt, sie konnten rauben und plündern nach Herzenslust, wo sich ihnen Gelegenheit dazu bot. Rostock und Wismar öffneten ihnen jederzeit ihre Häfen und gaben ihnen somit die Möglichkeit, die erbeuteten Warenmengen zu lagern oder zu verkaufen. Die verwegenen Raubgesellen unter der Führung deutscher, dänischer und schwedischer Edelleute ließen sich diese günstige Gelegenheit nicht entgehen. In großen Scharen strömten sie in den beiden Städten zusammen, so daß selbst ein alter Chronist der damaligen Zeit schrieb: „Es steht nicht zu beschreiben, was des losen und bösen Volks zu Hauf lief aus allen Landen.“
Als Aufgabe der Plünderer und Seeräuber galt, das belagerte Stockholm von der Seeseite aus mit allerlei Lebensmitteln zu versorgen; ferner besaßen sie das Recht, die Länder der siegreichen Königin, Dänemark und Norwegen, mit Raub und Plünderung zu überziehen, damit Margarete durch die Bedrängnisse genötigt wurde, die eigenen Lande zu schützen und Stockholm freizugeben.
Die Raubgesellen, die auch die Bezeichnung ‚Likendeeler‘ führten, weil sie die Beute gleichmäßig unter sich verteilten, führten als Losungswort: „Gottes Freund und aller Welt Feind.“ Mit Raub, Mord und Brand erreichten sie dies Ziel. Die Kaperschiffe der Likendeeler brachten viele Dänenschiffe auf. Gelegentlich versuchten sie ihre Kraft an den neutralen Handelsschiffen der Hanse. Auch diese Beute gaben jene Störenfriede der Seefahrt nicht wieder heraus. Andere unter den Seeräubern richteten sich genau nach ihren Abmachungen. Die Geschichte erzählt uns, daß zwei der Hauptleute der Likendeeler zum Seelenheil des Königs Albrecht und auch des ihrigen der Kirche zu Stockholm eine Messe stifteten. Der weitaus größte Teil der Räuber achtete jedoch weder Recht noch Verträge. Bei ihnen galten Raub, Plünderung und der eigene Vorteil. Von ihren Verstecken aus überfielen sie die Kauffahrer; wer von den unglücklichen Besatzungen sich ihnen nicht anschloß, wurde zu Tode gemartert und ertränkt.