Paul Beneke und Eler Bokelmann erhielten vom Kontor zu Bergen sehr bald Nachricht von diesen Vorgängen, dazu die Warnung, den schützenden Hafen von Zween nicht zu verlassen, weil fünf Schiffe der Engländer ihnen auflauerten. Es befand sich unter den englischen Schiffen auch der gefürchtete ‚St. John‘. So wohlgemeint die Warnungen auch waren, Beneke beachtete sie nicht, sondern faßte den Entschluß, die Engländer anzugreifen. Unter französischer Flagge verließen sie den Hafen von Zween und ankerten am nächsten Morgen beim Städtchen Deal an der englischen Küste in der Nähe von Dover. Eine große Menschenmenge war am Ufer versammelt, um den Lord-Mayor von London, Thomas Cook, zu empfangen, der mit zwei französischen Schiffen zurückgeleitet werden sollte.
Der Bürgermeister begab sich an Bord zur Begrüßung des hohen Herrn. Wie erschrak er, als er sich in der Gewalt der Osterlinge sah! Man zwang ihn im Namen des Lord-Mayors, eine briefliche Nachricht an Männer in bevorzugter Stellung zu geben und sie zu bitten, ihm an Bord des Schiffes ihre Aufwartung zu machen, da er gleich die Themse hinaufsegeln wolle. Bald erschienen die Herren, und auch ihnen erblühte das Los der Gefangennahme. Beneke kam damit in den Besitz von dreißig Geiseln; damit nicht genug, faßte er auch den kühnen Entschluß, den Lord-Mayor selbst gefangenzunehmen. Bevor jedoch seine Schiffe zu dem Zweck die Anker lichteten, stieg die Danziger Flagge am Maste empor. Ein großer Schrecken bemächtigte sich der Anwohner. Beneke stand davon ab, die Stadt in Grund und Boden zu schießen, aber in anderer Art traf er die Engländer empfindlich: die Boote wurden zu Wasser gelassen und eine Reihe englischer Handelsschiffe, die im Hafen lagen, angezündet. Das war die hansische Antwort auf die Kriegserklärung Eduards. —
Nun fuhr Beneke hinaus, um den Lord-Mayor zu suchen; nach wenigen Stunden traf er die ‚Madeleine‘, ein Schiff unter französischer Flagge, das den Lord-Mayor hinüberfuhr. Dem hohen Herrn nützte das Schelten gar nichts, er mußte mit seinen Schätzen auf die ‚Anholt‘ hinüber, und dort traf er gute Gesellschaft.
Nachdem dieser Streich gelungen, fuhr Paul Beneke zurück nach Zween. Da er schon in der Ferne die die Hafeneinfahrt abschließenden englischen Schiffe erblickte, hielt er sich in genügender Entfernung und wartete bis zum Dunkelwerden. Dann fuhr er vorsichtig in den Hafen hinein, ohne daß seine Feinde es merkten. —
Gegen Mitternacht kam ein Fischerboot mit zwei halberfrorenen Männern bei dem ‚St. John‘ an. Die beiden Fischer gaben an, verirrt zu sein. Sie baten den wachthabenden Steuermann um Brot, Wasser und Holz. Bereitwillig gab der mitleidige Engländer ihnen alles. Dann sah er, wie die beiden sich auf einer Unterlage von Backsteinen Feuer anmachten und den Topf aufsetzten. Die vermeintlichen Fischer waren Paul Beneke und Eler Bokelmann, und was sie im Topfe kochten, war Blei. Sobald sie merkten, daß niemand auf sie achtgab, fuhren sie mit dem Boot nach dem Spiegel des englischen Schiffes und gossen das flüssige Metall in die Ösen (Fingerlinge), in denen sich das Ruder bewegt.
„So, die werden an unserer Suppe genug zu kauen haben,“ murmelte der eine und lachte halblaut. „Möge sie ihnen bekommen!“
Einige Zeit lauschten sie noch, ruderten dann wieder längsseit, riefen dem Schiffsoffizier herzlichen Dank zu für die gewährte Erlaubnis und verschwanden in der Dunkelheit. —
Beim Anbruch des Tages bedeckte ein dichter Nebel die Gewässer, ein guter Bundesgenosse der Hansen, die sich zum Schlagen rüsteten. Gedeckt durch die Nebel, fuhr Beneke dicht an den Feind hinan, und sowie sich der Dunst verzog, stürzte er auf die überraschten Engländer los. Gleich das erste feindliche Schiff wurde durch zwei erfolgreiche Breitseiten vollständig kampfunfähig. Noch ehe die Schiffsleute ihre Hände rührten, waren ihre Kanonen zerstört. Aber jetzt setzten die übrigen englischen Schiffe Segel und der ‚St. John‘ kappte seine Ankertaue, um sich auf den Hansen zu stürzen. Doch vergebens! Das Schiff gehorchte dem Steuer nicht mehr, es trieb wie ein Wrack mit dem Winde in die See. Da faßte die kleinen Schiffe die Besorgnis, sie ließen ihre Gefährten ohne Kampf im Stich und flüchteten. Paul Beneke hielt auf den ‚St. John‘ zu.
„Ergebt euch!“ rief er hinüber. „Euer Ruder sitzt fest von der Suppe, die ich euch über Nacht in die Fingerlinge goß!“ Die überlisteten Engländer mußten die Flagge streichen und den ‚St. John‘ überliefern. Was half aller Zorn. Sie waren von dem Danziger Schiffsführer überlistet worden. — Ohne Verlust kehrte der ‚Mariendrache‘ nach Zween zurück, und der Ruhm des Paul Beneke erfüllte das Land. Gern ließen sich die Schiffskinder[17] für seine Schiffe anwerben.