Ganz anders verhielt sich Kniphoff. Mit Vorsicht und Sachkenntnis waltete er seines Führeramtes. Seine hochbordigen Schiffe, die über die seiner Gegner hinwegragten, sollten die größeren Fahrzeuge der Hamburger unter Feuer nehmen und sich nicht um die kleinen Bojer bekümmern, und gerade diese Anordnung sollte sein Verderben werden.
Die letzte Nacht kam. Durch die Dunkelheit der Herbstnacht glänzten nur die Steuerlichter der feindlichen Schiffe, in fröhlicher Ausgelassenheit gedachten die Kriegs- und Söldnerscharen des kommenden Tages und des Sieges. Klaus Kniphoff wollte der Schlaf nicht kommen. Seiner inneren Unruhe glaubte er dadurch am besten zu begegnen, daß er noch in der Nacht durch einen zuverlässigen Schiffsschreiber seine Besatzung durch Werbung unter den Küstenbewohnern um sechzig Mann verstärkte. Die Geworbenen ahnten nicht, daß sie den glänzenden Versprechungen zuliebe ihr Leben verspielt und ihre Freiheit verwirkt hatten.
Ein schöner Herbstmorgen brach an. Als die Sonne aus dem Meeresnebel hervorstieg, trafen die Gegner die letzten Vorbereitungen. Ein guter Trunk sollte den Kampfesmut und die Stimmung unter den Mannschaften heben. Den Gebräuchen der Zeit folgend, ließen die Hauptleute der Hansen ihren Scharen Warmbier mit Schießpulver reichen, und wie ein alter Chronist meldet, seien die Hamburger Kriegsleute in Wut geraten. Noch einmal versammelten die Schiffshauptleute ihre Mannschaften um sich, um sie durch die Ansprachen anzufeuern, allezeit im Kampfe ihre Pflicht zu tun. Sie sagten: „Ihr Hamburger, gute Gesellen, heut nehmt euch zusammen und habt der Feinde acht. Wenn ihr euch von ihnen bezwingen lasset, so wisset ihr, daß es euch Leib und Leben kostet; das vergeßt nicht, und schaffet, daß ihr es euren starken Vorfahren gleichtut, die alle Freibeuter aus der See holten, gedenket des tapferen Simon von Utrecht und seiner Mannen, wie sie einst den Störtebeker bezwangen, und zeiget euch wert, ihre Nachkommen zu sein, auf daß die ehrenreiche Stadt Hamburg bei ihrem alten Ruhm und Preis bleibe! Daran gedenket ihr alle!“
Der Kampf begann. Die kleinen Bojer der Hamburger segelten dicht an die ‚Galion‘ Kniphoffs heran. Mächtig ragten die drohenden Geschütze über die kleinen Schiffe hinweg, und wacker hielten sich die beiden. Tüchtig spickten sie den feindlichen Schiffsleib mit verderbenbringenden Eisenkugeln. Bald blitzte es vom Bord des Hamburger Admiralschiffes auf, die Schlangen und Kartaunen begannen ein ernstes Wörtlein mitzusprechen. Um sich vor Verlusten tunlichst zu schützen, hatte Admiral Parseval die Mannschaft unter Deck gesandt. Diese Schutzmaßnahme sollte ihnen noch von Vorteil werden. Klaus Hasse eilte an den ‚fliegenden Geist‘, dem es zunächst im Nahkampf zu Leibe ging. Am Bord des Piratenschiffes, das von den Hamburgern geentert war, begann ein grausamer Nahkampf. Der Tod hielt reiche Beute, und die Hamburger bewiesen ihre Überlegenheit und ihren Mut. Die überbleibenden Schiffsleute trieben sie unter Deck, sperrten sie ein und gaben ihnen dort unten gern ein Freiquartier. Nicht ganz so glücklich war Dirk von Minden; sein Schiff geriet in eine Untiefe, so blieb dem Schiffsführer nichts weiter übrig, als seine Boote zu bemannen und seinen kämpfenden Kameraden zu Hilfe zu eilen.
Während der Zeit hatten die kleinen Bojer dem Kampf mit der ‚Galion‘ — dem Hauptschiff der Seeräuber — standgehalten und dem feindlichen Schiffskörper manche Wunde beigebracht. Endlich hielt Ditmar Koel den letzten Kampf für aussichtsreich. Sichern Auges erspähte er die Gunst des Angriffs, mit Umsicht und Ruhe erteilte er seine Befehle. Die Schützen mußten die Büchsen laden, die Kartaunen erhielten ihre verderbenbringenden Geschosse, und dann ging’s zum Angriff über.
In rascher Fahrt durchschnitt Ditmar Koels Schiff die Wogen, um das feindliche Schiff zu entern. Die aufschäumenden Bugwellen bereiteten den Freibeutern viele Freude, denn der Untergang des Hamburger schien ihnen sicher. Kaum war Ditmar Koel mit seinem Schiff heran, so ertönte eine Breitseite, deren Wirkung Entsetzen unter den Piraten verbreitete. Ein dichtes Knäuel Toter und Verwundeter lag auf dem Verdeck des Schiffes. Und noch ehe die Seeräuber Zeit fanden, die Eisengrüße der Hamburger zu erwidern, enterten diese unter Ditmar Koels Anführung auf die feindlichen Schiffe.
An Bord der ‚Galion‘ erhob sich ein furchtbares Getümmel. Der entscheidende Nahkampf begann, und auch dabei bewies Ditmar Koel seine Umsicht. Sowie seine Leute an Bord des Seeräuberschiffes standen, eilte ein Teil unters Verdeck, um die Mannschaften an den Geschützen unschädlich zu machen. Mit verhaltenem Grimme tobte der Kampf hin und her. Kampfgeschrei und Schlachtrufe ertönten. Blitzende Enterbeile verrichteten ihr schauriges Werk. Mutig kämpften die Seeräuber; todesmutig stellten sie sich den Hamburgern entgegen, angefeuert durch den Gedanken: lieber den Tod als eine schmachvolle Gefangenschaft. Aber trotz des Mutes der Verzweiflung blieb der Sieg den Hamburgern.
Ihre Schwerter, ihre sausenden Äxte, die schwirrenden Bolzen ihrer Armbrüste, die Feuergarben ihrer Büchsen und Kartaunen verrichteten ein blutig Werk. Über die Gefallenen hinweg wogte der Kampf. Die Schmerzensschreie der Verwundeten wurden übertönt durch das Kampfgetöse. Aber was half den Seeräubern alle Verzweiflung? Es war ein vergebliches Ringen. Zu fest hatte sich der Kreis der Enterer gefügt; sie konnten nicht bezwungen werden. Weiter raste der Kampf und forderte immer neue Opfer. Allüberall, in Ecken und Winkeln, in den Mastkörben und im Tauwerk suchten die Hamburger Bootsleute nach ihren Feinden; und mancher von diesen konnte an seinem Leibe die Kraft und die Schärfe ihres Kampfwerkzeuges spüren. Klaus Rode, der Schwätzer, fiel der Streitaxt der Hamburger zum Opfer. Klaus Kniphoff begab sich in ihre Gefangenschaft.
Endlich gebot die allgemeine Erschöpfung dem Kampfe Einhalt, die ‚Galion‘ verblieb den Hamburgern, und weithin schallte das jubelnde Viktoria der Sieger. Auch die andern waren nicht müßig geblieben. Das Piratenschiff ‚Bartrum‘ saß in einer Untiefe fest, und so viel sich die Besatzung abmühte, das Fahrzeug wurde trotz der Erleichterung nicht wieder flott. Der Hamburger Schiffsführer Dirk von Minden beobachtete seine sichere Beute, und als auch ihm der Augenblick günstig schien, eilten seine Leute in den Booten an das Piratenschiff heran. So viel auch dessen Besatzung Steine und Kugeln vom Bord des Schiffes herabschleuderte, es sollte ihnen nicht gelingen, sich der Angreifer zu erwehren. Hamburgs Bootsmannschaften eroberten die ‚Bartrum‘ und bald darauf auch das letzte Schiff, den ‚weißen Schwan‘, und damit war die Piratenflotte zerstört, die Feinde der Hanse waren in den Händen ihrer Gegner.
Der Herbsttag ging zur Rüste. Von sieben bis vier Uhr währte der Kampf; die Opfer des erbitterten Streites wurden ins Meer gesenkt, sie trieben dahin — Seemannslos. Die Reinigung der Schiffe ging schnell vonstatten, dergleichen die Bestattung der Toten.