Die Entwicklungskette des Polsterkapitelles führt nunmehr zu den monolithen Werken Elloras, deren Alter etwa von 500 bis ins 8. Jahrhundert fällt. Gerade dieser Zeitraum weist die häufigsten Religionsspaltungen auf, weshalb es hier angebracht sein dürfte, einmal das Verhältnis altindischer Kulte zu der Formensprache des Landes zu streifen. Obschon die Hinduarchitektur bis zum Ausgange des Altertums vorzüglich im Sakralbau Betätigung suchte, vermochte dennoch keine der verschiedenen Glaubensrichtungen eine eigene Stilrichtung abzusondern. Vielmehr wurde das Bauschaffen von künstlerischer Gestaltungskraft, von der Logik der Durchbildung vorwärtsgeleitet, schritt unberührt hinweg über allen Konfessionswechsel. So sind zu Ellora drei Hauptreligionen baulich vertreten, ohne daß dies ein Architekturunterschied kennzeichnet. Darum ist auch eine stilbestimmende Einteilung allein nach dem Glauben der Meister, wie sie in kunstgeschichtlichen Werken oft versucht, kaum durchzuführen, in vornherein unmöglich aber in der gesamten zweiten Hälfte des Altertums. —

Begeistert vergleicht Le Bon[20] die besten Elloragrotten als »l'œuvre d'un peuple de génies« mit dem Tempel von Karnak als einem solchen »d'un peuple de géants«. Wenn auch alle Berichte von Augenzeugen den wirklichen Eindruck dieser Säulenhallen in reichem Farben- und Skulpturschmucke, im Glanze von Gold und Silber nur unbestimmt dem geistigen Auge zu skizzieren vermögen, so lassen doch die folgenden beiden Beispiele ihrer Pfeilerbildung zu gewissem, hier interessierendem Grade auf den architektonischen Gesamtcharakter schließen. — Vor allem tritt die gedrungene Wucht der Säule hervor. Wird zu bedenken gegeben, daß demgegenüber die freikonstruktive Stütze der gleichen Epoche durchgehends schlankeren, oft sogar das korinthische Verhältnis überschreitenden Schaft zeigt, so erscheint ohne weiteres erwiesen, daß statische Erwägung auf den gedrückten Pfeilertypus des Grottenbaues führte. Die gewaltige Auflast des überlagernden Gesteins kam zur Erkenntnis und drängte nach architektonischer Lösung, wie sie an so manchem Gebilde als gelungen zu bezeichnen ist. Diese mächtigen Stützen strömen eine ungemein ruhige und beruhigende Stimmung aus. Und doch wieder umwebt eine gefällige Grazie die schweren Massen mit reizvollem Ornamentspiel bei geschicktem Wechsel der Form.

Abbildung 45.

Der Pfeiler des gegen 550 entstandenen Indratempels ([Abb. 45]) hat ebensoviel vorteilhafte wie abfällige Kritik erfahren. Ohne Rücksicht darauf gelte er hier lediglich als fernere Stufe der direkten Säulenlinie. Auf flacher, dem Architrav parallel führender Plinthe setzt eine Basis von abgewogenen Einzelverhältnissen an. Hauptsächlich auf Kosten des quadratischen, kannelierten Schaftstückes ist das wuchtige Säulengepräge erreicht. Ein schlichtes Profil leitet zu dem eigenartigsten Gliede der Stütze über. Wie die kräftigen Bärlappblätter nach oben ausbiegend graziös überfallen, das verleiht mit unaufdringlicher Eleganz dem schweren Pfeiler gewissermaßen emporstrebende Tendenz, — überdies eine interessante Erinnerung an den Urgedanken der Látglocke! Mit den einschnürenden Profilbändern erst beginnt der ehemalige Bereich des Blattkranzes. Mag immerhin diese übermäßige Einkurvung die Pfeilerlinie energisch nach oben weisen, unter rein ästhetischem Gesichtspunkte kann und muß sie verworfen werden. Wenn aber der schwellende Charakter des Polsters in manchen Kunstschriften als zu weichlich abgetan wird, könnte man dann nicht gleichen Rechtes die jonische Volute anfechten, welche noch quellendere Masse darstellt?

Abbildung 46.

Bei stetem Wechsel des Kapitelldetails an jedem einzelnen Grottenpfeiler bleibt doch das Polstermotiv im Grundbegriffe abgeschlossen bestehen. Erläßlich scheint es darum, hierüber weitere Beispiele beizubringen. Nur ein Typus vom Schlusse der Baublüte Elloras sei noch herangezogen, um ein Streiflicht zu werfen auf den ausschlaggebenden Einfluß, welchen das rein ornamentale Element im letzten Verlaufe dieser Pfeilerbildung erlangt. Wahrhaftig, eine einzig dastehende Erscheinung — diese urindische formenflüssige Dekoration, deren Züge nahe Anklänge an alle Stilgebiete des Bauschaffens aufweisen, vom Altertume des Ostens und Westens bis zum kecksten Rokoko, von altchristlicher Kunst bis zur Spätgotik, und weiter bis zur Moderne! Naturgemäß lag bei einem Ausleben solch grenzenloser, allschmückender Phantasie die Gefahr nahe, daß dadurch der organische Aufbau überwuchert würde. Und tatsächlich lassen die Spätwerke des Altertums an der Säule immer größere Nachlässigkeit bei abwägender Wahl der Gesamt- und Einzelverhältnisse erkennen. So führt in den Grotten die übertriebene Betonung der Kopflast, zumal ein Stocken der entsprechenden übrigen Gliederdurchbildung eingetreten ist, zu schwerfällig-schwülstigem Pfeilercharakter, wofür eine Stütze des Kaïlasa von Ellora ([Abb. 46]) als Beleg dienen mag.