Das ganze Gebilde erscheint von der Wucht der Auflast niedergedrückt, und nicht mehr vermag die Dekoration diese Empfindung zu mindern. Breit absetzend trägt ein postamentartiger Block mit verjüngten Kanten ein sechzehneckiges Schaftstück, das infolge seines geringen Durchmessers und seiner kläglichen Höhenverkümmerung den Eindruck erwecken will, als habe der Architekt alle Zwischentrommeln brüsk unterschlagen. Fußornament, Einschnürungsprofile und Polster des Kapitelles vertreten hier im Gesamtumriß den letzten direkten Abkömmling der alten Glockenkurve, da mit der Kaïlasa-Grotte vom ausgehenden 8. Jahrhundert diese Hauptlinie für erloschen gelten muß. Nachdem, bis zum 11. Jahrhundert etwa, besteht eine Periode, die für architektonische Forschung in undurchdringliches Dunkel gehüllt ist. Später aber läßt der Säulenbau keine zweifellose Wiederaufnahme dieses alten Motivs erkennen.
Das letzte Beispiel bildet somit den Abschlußpunkt eines Jahrtausends altindischer Säulenentwicklung in lückenloser Folge. Zur Vervollständigung der Skizze sei nur noch ein Wort über die wesensgleiche Verbreitung solcher Form angefügt. Die monolithen Werke als wertvollste Quellen der Säulenkunde im indischen Altertum liegen weit über die Halbinsel verstreut. Doch ist allgemein derselbe Kapitellgrundzug zu verfolgen, wenn auch selbstredend gewisse lokale Unterschiede der Dekoration nicht ausbleiben, welche dem forschenden Kenner bedeutsame Merkzeichen bieten. So weisen beispielsweise im Süden Badami, im fernsten Osten Udayagiri die gleichen Säulenstadien auf wie Ajunta und Ellora. —
[Kapitel 6.]
Das Vasenkapitell.
Eine Parallellinie zum Polstermotive nahm noch, wie eingangs vorigen Kapitels angekündet, von der Glockenform ihren Ursprung, um dann aber im Verlaufe der Entwicklung weit von dieser Umrißkurve abzugehen. In dem Vasenkapitelle mit Eckgerank entstand dabei, verglichen mit der Schwesterbildung, eine entschieden elegantere Anlage, die sich als eigenartiges Kennzeichen indischer Formengebung selbst durch das Mittelalter noch lebenskräftig erwiesen hat. Am besten dürfte eine Reihe einzelner Stufen den Werdegang und die organische Logik des Motives veranschaulichen. —
Zwei Stützen aus den Tempelbauten von Sánchi bilden die Einleitung. Der erste Pfeiler ist zeitlich nicht genau bestimmbar, doch wahrscheinlich etwa gleichen Alters wie der Trisúlstambha von Besnagar; der andre entstammt dem beginnenden 3. Jahrhundert n. C. Bei grundzügiger Ähnlichkeit treten doch die einschneidenden Änderungen hervor. Hier ([Abb. 47]) der frei herabfallende Blätterkranz, darüber ein kräftiger Rundstab als Vermittlung zu dem schweren Abakus, — insgemein unleugbarer Einklang mit dem Látkapitell derselben Zeit, wovon ein vergleichender Blick auf Abbildung 15 überzeugen wird. Gegenüber ([Abb. 48]) der spätere Typus, dessen Kapitelldetail zwei neue Momente beherrschen, das einschnürende Profil und der Fortfall oberster Glockenschwellung. Damit sind die ersten Schritte zur Neuform getan. Allerdings läßt an diesem Beispiele die Dekoration über einen Wandel grundlegenden Sinnes im Zweifel. Denn wenn ornamentale Blattspitzen der Halsprofilierung an den herabhängenden Laubkranz erinnern, so widerspricht dem andrerseits der Kopfabschluß der Glocke, da die einzelnen Kanneluren von oben her in leichter Kurve angeschnitten sind. Es scheint, als ob die Überschneidung in begrenztem Raume die Glockenschwellung flau wirken ließ und darum zu schärferem Schattenriß eben mit diesen Kerben führte, — also lediglich ein Ausfluß ästhetischen Empfindens ohne Rücksichtnahme auf bedeutungsgemäße Gestalt!
Abbildung 47.